„Sichtbarkeiten“ in Berlin eröffnet: Eine Ausstellung über Betroffene, Aufarbeitung und Verantwortung

Gestern Abend am 19. Mai 2026 wurde im Kunstquartier Bethanien in Berlin die Fotoausstellung „Sichtbarkeiten“ feierlich eröffnet. Zahlreiche Gäste aus Politik, Medien, Wissenschaft und Betroffeneninitiativen sowie Interessierte nahmen an der Vernissage mit der anschließenden Podiumsdiskussion teil. Die Ausstellung wird von Eckiger Tisch und der Betroffeneninitiative Hildesheim organisiert und ist noch bis zum 27. Mai 2026 im Kunstquartier Bethanien zu sehen.

Die Ausstellung „Sichtbarkeiten“ widmet sich den Geschichten, Perspektiven und Lebensrealitäten Betroffener sexualisierter Gewalt in kirchlichen Kontexten. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein der erlebte Missbrauch, sondern vor allem das Leben danach: die Herausforderungen und Verwundungen der Betroffenen sowie den gemeinsamen Kampf um Gerechtigkeit.

Eröffnet wurde die Ausstellung von Matthias Katsch, den drei Künstler*innen/Kurator*innen Ilonka Czerny, Jens Windel und Simone Padovani und durch Karl Haucke (Sprecher der Landeskommission NRW zur Etablierung von Standards zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche), der in seiner würdigenden Rede das gravierende Ausmaß von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und die Bedeutung öffentlicher Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Verantwortung hervorhob. Anschließend diskutierten Kerstin Claus (UBKSM), Prof. Dr. Sylvia Schraut (Aufarbeitungsforscherin), Norbert Altenkamp (Religionspolitischer Sprecher der CDU), Matthias Katsch (Sprecher und Geschäftsführer von Eckiger Tisch) unter der Moderation von Felicitas Boeselager (Deutschlandfunk) über die Frage: „Wie weiter mit der Aufarbeitung? Braucht es mehr staatliche Verantwortungsübernahme?“

Im Rahmen der Diskussion betonte Matthias Katsch die Notwendigkeit einer unabhängigen und transparenten Aufarbeitung: „Aufarbeitung darf nicht länger überwiegend von den Institutionen selbst organisiert und kontrolliert werden, in denen sexualisierte Gewalt stattgefunden hat. Der Staat muss endlich verbindliche und unabhängige Strukturen schaffen, die Betroffenenrechte sichern und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig braucht es von der Kirche eine transparente Aufarbeitung, die konsequent Aktenzugänge ermöglicht und Verantwortlichkeiten offenlegt.“

Die Ausstellung „Sichtbarkeiten“ vereint Arbeiten der drei künstlerischen Teilprojekten zweier deutscher Betroffener und eines italienischen Fotografen und Aktivisten:

Ilonka Czerny stellt eindrucksvolle Text-Bild-Kombinationen aus, die die Betroffenen fast ausschließlich als Kinder zur Zeit des Missbrauchs zeigen. Zitate der Betroffenen beschreiben schonungslos, welche Konsequenzen die sexualisierte Gewalt auf ihr Leben hatte und hat. Die Werke lösen häufig Betroffenheit aus und sollen zur Reflexion, zum Austausch und zur Sensibilisierung anregen. Sie sind im Rahmen der Wanderausstellung „Betroffene zeigen Gesicht“ entstanden.  

Jens Windel von der Betroffeneninitiative Hildesheim stellt Portraits mit reduzierter, aber eindeutiger Bildsprache aus: Betroffene halten auf ihrem Foto eine Tafel mit bedeutungsvollen Wörtern aus ihrer Lebensrealität – ein Appell an Dialog und Respekt. Die Portraits sind ursprünglich im Rahmen der Ausstellung „Betroffene klagen an“ entstanden. 

Simone Padovani zeigt eindringliche Porträts mit persönlichen Geschichten. Mit ihren ausladenden Dimensionen sollen die Fotografien den gesamten Raum einnehmen und ebenfalls dazu auffordern, gesellschaftliche Verantwortung für Aufklärung, Solidarität und Gerechtigkeit gegenüber Betroffenen zu übernehmen. Padovanis Kernbotschaft ist es, das Schweigen um sexualisierte Gewalt an Kindern zu brechen und den Betroffenen Gehör zu verschaffen. Die Fotografien entstanden 2022 in Zusammenarbeit mit der Justice Initiative und wurden im Rahmen der Ausstellung „SHAME – European Stories“ in verschiedenen europäischen Ländern gezeigt. 

Ein weiterer kollaborativer Teil der Ausstellung stellt zudem die aktivistischen Anstrengungen verschiedener deutscher Betroffeneninitiativen aus: Seit Beginn des Missbrauchsskandals 2010 organisieren sich Betroffene, um sich für Gerechtigkeit, Anerkennung und Entschädigung einzusetzen. Vieles wurde erreicht und trotzdem ist der Weg noch weit: Eine erfolgreiche Aufarbeitung braucht mehr Anteilnahme von der Kirche und vor allem auch vom Staat. 

„Sichtbarkeiten“ – Ausstellung

Ort: Kunstquartier Bethanien, Projektraum 1 (Mariannenpl. 2, 10997 Berlin)

Zeitraum: 20. – 27. Mai 2026 | 11 – 19 Uhr (am 27.05. nur bis 15:00 Uhr)

Eintritt frei

Begleitete Führungen mit Karl Haucke finden täglich um 11:00 Uhr und 14:00 Uhr statt.

(Die Führungen am 21.05. um 11 Uhr und am 26.05. um 14 Uhr entfallen wegen angefragter Termine.)

Gruppenführungen können über presse@eckiger-tisch.de angefragt werden.