Ausbeutung und Gewalt: ECA trifft Indigene Betroffene und Aktivist*innen in Peru

Vernetzung: Indigene Betroffene und Aktivist*innen

„Stimmen vereinen für die Menschenwürde“

Letzte Woche waren Matthias Katsch und Sergio Salinas als Vertreter der internationalen Betroffeneninitiative ECA (Ending Clergy Abuse) in Peru, um sich dort mit Menschenrechtsaktivist*innen auszutauschen. Im Fokus stand für sie der Kampf gegen sexualisierte Gewalt – sowohl im kirchlichen Kontext als auch im Rahmen der wirtschaftlichen Ausbeutung der Amazonasregion.

Zur Unterstützung der Vorbereitungen Indigener Betroffener und Aktivist*innen auf eine anstehende Peru-Reise von Papst Leo im November nahmen die beiden an aktivistischen Versammlungen teil, die von der peruanischen Nationalen Menschenrechtskoordination (CNDDHH) in Iquitos und Piura organisiert wurden.

Unter dem Titel Entrelazando voces por la dignidad („Stimmen vereinen für die Menschenwürde“) diskutierten dort Betroffene, Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen sowie Vertreter*innen indigener Völker und sozialer Organisationen über die zunehmenden Menschenrechtsverletzungen in Peru.

Organisierte Kriminalität bedroht Indigene Völker

Im Amazonasgebiet sind besonders ländliche Gemeinschaften von organisierter Kriminalität betroffen: Kriminelle Gruppen zerstören durch illegalen Bergbau und Holzeinschlag die Lebensgrundlage der Bauern und Indigenen Völker. Die Ausbeutung geht in der Regel auch mit sexualisierter und politischer Gewalt gegen die ungeschützte Zivilbevölkerung einher. Menschen, die sich für Umwelt und Menschenrechte einsetzen, zahlen oft mit ihrem Leben.

Bei Piura besuchten Katsch und Salinas auch das Grab von Guadalupe Zapata Sosa, einem Aktivisten des Indigenen Volkes der Tallán, der 2011 für seinen Einsatz für die Rechte seiner Gemeinschaft ermordet wurde. Begleitet wurden sie dabei von seiner Witwe und seinem jüngsten Sohn, der seinen Vater nie kennenlernen durfte.

Da die wirtschaftliche Ausbeutung hochprofitabel ist, sind die kriminellen Akteure oft gut vernetzt mit mächtigen Amtsträgern in Staat, Justiz und sogar Kirche. Die Bevölkerung kann also nicht auf den institutionellen Schutz vertrauen. Ganz im Gegenteil: Viele Betroffene in Peru fürchten das Justizsystem, das beispielsweise mithilfe von Verleumdungsklagen immer wieder gegen Aktivist*innen vorgeht.

Sodalitium Christianae Vitae

In die organisierte Kriminalität des Amazonasgebietes soll auch die katholische Sekte Sodalitium Christianae Vitae verstrickt gewesen sein (Quelle: Wayka). Diese wurde 2025 noch von Papst Franziskus aufgelöst, nachdem eine Untersuchung des Vatikans schwerwiegende Fälle sexuellen und geistlichen Missbrauch sowie Misswirtschaft in ihren höchsten Rängen festgestellt hatte. Doch auch Papst Leo spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Von 2015 bis 2023 war er als Bischof in Peru tätig, wo er sich für die Betroffenen des Sodalitiums einsetzte und maßgeblich zu dessen Auflösung beitrug.

Aus diesem Grund wohnte auch der päpstliche Gesandte Jordi Bertomeu den „Stimmen vereinen für die Menschenwürde“-Treffen bei. Bertomeu wurde von Papst Leo beauftragt, das Sodalitium-Vermögen ausfindig zu machen. Die über 800 Millionen Dollar (Quelle: Infobae) sollen eigentlich genutzt werden, um die betroffene Indigene Bevölkerung zu entschädigen, wurden von der Sekte aber zur finanziellen Verschleierung über internationale Firmen und Treuhandstrukturen verteilt.

Sexualisierte Gewalt im Kampf um Menschenrechte

Als Vorstandsmitglied von ECA sowie Geschäftsführer und Sprecher von Eckiger Tisch konnte Matthias Katsch seine langjährigen Erfahrungen im deutschen sowie internationalen Aktivismus für Missbrauchsbetroffene in der katholischen Kirche zu den Versammlungsgesprächen in Iquitos und Piura beitragen.

„Die wirtschaftliche Ausbeutung der Indigenen Völker ist stets auch von sexualisierter Gewalt begleitet. Deshalb war es einerseits wichtig, dieses Thema als zentralen Bestandteil des Kampfes für die Menschenrechte sichtbar zu machen – andererseits ging es aber auch um Ermutigung. Um den Menschen dort zu zeigen, dass sie nicht allein sind und, dass Vernetzung möglich ist.“, so Katsch.

Die dort erarbeiteten Erkenntnisse und Forderungen (der Schutz von Gewässern, Aktivist*innen, Kindern, Indigenem Land und Demokratie) wurden in einem gemeinsamen Schreiben zusammengefasst, das Papst Leo vor seinem Besuch übermittelt werden soll. Der Pontifex war von 2015 bis 2023 als Bischof in Peru tätig, wo er sich für die Betroffenen des Sodalitium Christianae Vitae einsetzte und maßgeblich zu dessen Auflösung beitrug.

Opus Dei

Ein weiteres Anliegen der Reise war die Mobilisierung und Vernetzung peruanischer Betroffener der Prälatur Opus Dei. Die global vernetzte und finanziell einflussreiche katholische Organisation wird von zahlreichen Frauen weltweit des Menschenhandels, der Zwangsarbeit und der strukturellen Ausbeutung beschuldigt.

Als Menschenrechtsanwalt und Geschäftsführer von ECA ist Sergio Salinas mit dem Fall gut vertraut. In Lima gab er dem gleichnamigen peruanischen Journalisten Pedro Salinas ein langes Fernsehinterview zu Missbrauch und Täterschutz in der katholischen Kirche in seiner Heimat Argentinien. Auch dort bestehen schwere Anschuldigungen gegen die Organisation. Beide Salinas waren 2025 an der Organisation eines ECA-Gipfels zu Opus Dei in Buenos Aires beteiligt, an dem Aktivist*innen, Expert*innen und Betroffene aus verschiedenen Ländern teilnahmen.

Pedro (Journalist, Peru) spielte zudem eine wichtige Rolle im Fall Sodalitium Christianae Vitae: 2015 veröffentliche er das Buch Mitad monjes, mitad soldados („Halb Mönche, halb Soldaten“), das etliche Missbrauchsfälle sowie militär-artige Strukturen innerhalb der Sekte aufdeckte und so Ortskirche und Vatikan erstmals zum Handeln zwang.

Betroffeneninitiativen für Vernetzung

ECA und Eckiger Tisch arbeiten weiter daran, die Vernetzung Betroffener weltweit zu stärken.

„Nur wenn die Opfer sprechen, ändert sich etwas.“, betont Matthias Katsch. „Die zehn Tage in Peru haben mir gezeigt, wie eng Erinnerung, Mut und Gemeinschaft zusammenhängen on den Amazonas-Dörfern bei Iquitos bis zur Wüste von Piura. Der Einsatz für Menschenrechte, den ECA und Eckiger Tisch e.V. weltweit leisten, ist zugleich lokal und universell.“

Interview Sergio & Pedro Salinas [Spanisch]:

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