Keine Tagung zu Kardinal Hengsbach vor dem Abschlussbericht der Aufarbeitungsstudie

Kardinal Franz Hengsbach galt über Jahrzehnte als eine der prägenden kirchlichen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit in Deutschland und als Gründungsbischof des Bistums Essen. Seit 2023 stehen jedoch schwere Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen ihn im Raum. Aktuell untersucht eine unabhängige Aufarbeitungsstudie die Vorwürfe sowie den kirchlichen Umgang mit ihnen.

Heute veröffentlichte das IPP gemeinsam mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und dem Berliner Forschungsinstitut Dissens einen Zwischenbericht der Aufarbeitungsstudie zu dem bereits verstorbenen Kardinal Franz Hengsbach. Dieser umfasst insgesamt 12 Anschuldigungen sexualisierter Gewalt – drei Fälle von Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren sind belegt und auch der Missbrauch eines minderjährigen Jungen wird als plausibel eingestuft. Der Bericht zeichnet Hengsbach als Repräsentanten einer kirchlichen Kultur, die hohe moralische Ansprüche nach außen vertrat, während sie nach innen Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt ermöglichte.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Eckiger Tisch die für den 3. bis 5. September 2026 in der Katholischen Akademie Schwerte geplante Fachtagung zu Kardinal Hengsbach. Obwohl die wissenschaftliche Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist, soll die in Kooperation mit der Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn veranstaltete Tagung laut Programm ein „umfassendes Bild der ambivalenten Person“ und des „vielseitigen Wirkens“ von Hengsbach zeichnen. Die Missbrauchsvorwürfe und ihre Einordnung spielen jedoch im Programm bislang eine untergeordnete Rolle, da laut dem offiziellen Ablauf nur ein einziger Abendtermin dem Thema „Hengsbach und Missbrauch“ gewidmet ist. (Während sich die übrigen Vorträge mit Hengsbachs Jugend, seinen kirchlichen Netzwerken, seinem Verhältnis zu Polen, dem ZdK, dem Konzil, Adveniat, Lateinamerika, der Arbeiterpastoral, der Pfarreiseelsorge und seiner Rolle als Militärbischof befassen.)

Aus Sicht von Eckiger Tisch sendet eine solche Veranstaltung zum jetzigen Zeitpunkt das falsche Signal. Solange die unabhängige Aufarbeitungsstudie nicht abgeschlossen ist und damit essenzielle Fragen ungeklärt sind, darf nicht die historische Würdigung einer Kirchenfigur im Vordergrund stehen. Noch weiter zu erforschen sind unter anderem Fragen zu Hengsbachs Täterschaft, kirchlichen Schutz- und Vertuschungsmechanismen und ob er seine Position bei Adveniat nutzte, um als “Kopf” eines Täternetzwerkes Versetzungen anderer Täter wie Emil
Stehle
zu unterstützen.

Die Tagung würde den Eindruck erwecken, dass ein kirchlicher Machtträger noch einmal historisch eingeordnet und rehabilitiert werden soll, bevor das volle Ausmaß seiner Verstrickung sichtbar wird. Sie würde das Zeichen senden, dass die widersprüchliche Haltung einer Kirche zwischen moralischem Autoritätsanspruch und institutionellem Täterschutz bis heute unverändert bleibt.

Der Fall Hengsbach wirft erneut grundlegende Fagen nach den Machtstrukturen der katholischen Kirche auf. Im Zentrum der Debatte müssen deshalb die Bedingungen stehen, die sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche ermöglicht, Betroffene zum Schweigen gebracht und eine konsequente Aufarbeitung über Jahrzehnte erschwert haben.

Eckiger Tisch fordert daher, die geplante Tagung auszusetzen oder grundlegend neu auszurichten und die Ergebnisse der laufenden Aufarbeitungsstudie abzuwarten. Es braucht keine neue Erinnerungspolitik um eine große Bischofsfigur, sondern eine umfassende Aufklärung, Konsequenzen und einen klaren Vorrang der Betroffenenperspektive.