Solidarität und internationale Unterstützung für den Prozess von Wahrheit, Erinnerung und Wiedergutmachung im Fall Bischof Emil Stehle in Ecuador 

Als Eckiger Tisch e.V., deutsche Organisation, die 2010 von Überlebenden sexualisierter Gewalt durch Priester, Ordensangehörige und Mitarbeitende der katholischen Kirche in Deutschland gegründet wurde und im internationalen Netzwerk Ending Clergy Abuse (ECA) mitwirkt, erklären wir unsere öffentliche Solidarität mit der Coalición de Lucha contra la Violencia Sexual en Espacios de Fe (COVSFE), mit der feministischen Bewegung von Santo Domingo de los Tsáchilas sowie mit allen Betroffenen, die in Ecuador Wahrheit, Erinnerung und Wiedergutmachung einfordern. 

Der Fall des deutschen Bischofs Emil Stehle (1926–2017) ist weder eine ausschließlich ecuadorianische noch eine ausschließlich deutsche Angelegenheit: Er steht exemplarisch für die transnationale Verantwortung der katholischen Kirche und für die Mitverantwortung der deutschen Kirche an dokumentierten Mustern von Missbrauch, Vertuschung und Verlegung beschuldigter Priester nach Lateinamerika. Die von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Adveniat beauftragte unabhängige Untersuchung – der sogenannte Janssen-Bericht vom 08.08.2022 – dokumentiert 16 Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Stehle, von denen sechs Betroffene zum Tatzeitpunkt noch Mädchen oder Jugendliche waren. Sie belegt zugleich, dass Stehle in seiner Funktion als Leiter der Koordinationsstelle Fidei Donum und als Adveniat-Geschäftsführer aktiv dazu beigetragen hat, beschuldigte Priester dem Zugriff europäischer Strafverfolgungsbehörden zu entziehen – mit Hilfe von Decknamen, getarnten Adressen und finanziellen Zuwendungen aus deutschen Diözesen. 

Der 2025 von COVSFE veröffentlichte Bericht Violencia sexual clerical: cartografía de la impunidad ergänzt diese Beweise um die Perspektive aus Ecuador und zeigt, dass die lokale Dimension des Falls Stehle – in Quito und insbesondere in Santo Domingo de los Tsáchilas – bis heute weder vom ecuadorianischen Staat noch von der katholischen Kirche in Ecuador systematisch aufgearbeitet worden ist. Bis heute bestehen in Santo Domingo de los Tsáchilas öffentliche Ehrungen für Emil Stehle: ein Denkmal, der Name einer Straße und der Name einer Bildungseinrichtung. Diese Fortdauer ist mit der Würde der Betroffenen und mit der Pflicht zur Garantie der Nichtwiederholung unvereinbar. 

Aus diesen Gründen unterstützt Eckiger Tisch e.V. öffentlich die folgenden Forderungen: 

  1. Systematische und unabhängige Untersuchung – sowohl staatlich-ecuadorianisch als auch kirchlich – aller Priester, die im Rahmen der von Stehle geleiteten Koordinationsstelle Fidei Donum nach Ecuador entsandt wurden, mit besonderem Augenmerk auf jene, die in der ecuadorianischen Kirche Machtpositionen eingenommen haben, und auf jene, die in ihren Herkunftsdiözesen wegen sexualisierter Gewalt beschuldigt wurden. 
  1. Entfernung der öffentlichen Ehrungen für Emil Stehle in Santo Domingo de los Tsáchilas (Denkmal, Straßenname, Name der Bildungseinrichtung) als ein Mindestmaß an symbolischer Wiedergutmachung. 
  1. Institutionelle Anerkennung der Betroffenen in Ecuador – einschließlich der indirekt Betroffenen und der betroffenen Gemeinschaften – sowie wirksamer Zugang zu Wiedergutmachung, psychosozialer Versorgung und Gerechtigkeit. 
  1. Transnationale Kooperation: Die Ecuadorianische Bischofskonferenz, das Erzbistum Quito und das Bistum Santo Domingo sollen aktiv mit der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), mit Adveniat, mit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (Aufarbeitungskommission) und mit unabhängigen kirchlichen Gremien zusammenarbeiten, um das gesamte Netzwerk aufzuklären. 
  1. Unterstützung der von COVSFE vorangetriebenen Forschungslinie mit akademischer Begleitung durch die FLACSO Ecuador (Lateinamerikanische Fakultät für Sozialwissenschaften) sowie durch das lokale Bündnis feministischer Organisationen aus Santo Domingo de los Tsáchilas. 

Eckiger Tisch e.V. verpflichtet sich, diese Forderungen in die internationalen Räume zu tragen, in denen der Verein wirkt – einschließlich des Katholikentags 2026 in Würzburg (13.–17. Mai) – sowie gegenüber den deutschen Medien, die den Fall verfolgen. 

Berlin, im Mai 2026 

Matthias Katsch  
Sprecher und Geschäftsführer Eckiger Tisch e.V. 

Spanische Version: