Wohltäter – oder wohl Täter?
Bernhard Johannes Bahlmann, der deutsche Bischof des brasilianischen Bistums Óbidos wurde als „Amazonien-Wohltäter“ zum Katholikentag eingeladen – trotz schwerer Vorwürfe von Betroffenen und Zeug*innen.
Drei Hilfswerke haben bereits die Finanzierung eingestellt
Bereits 2022 wandte sich das brasilianische “ForGodsLove_HelpUs“-Kollektiv an verschiedene deutsche Hilfswerke und Bistümer mit dem Aufruf, die finanzielle Unterstützung für das Bistum Óbidos sowie das Erzbistum Belém von Pará einzustellen.
Grund dafür waren Vorwürfe von sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch, Einschüchterungen und Vertuschungen seitens des Bischofs von Óbidos, Bernhard Johannes Bahlmann und des emeritierten Erzbischofs von Belém, Alberto Taveira Corrêa.
Als Reaktion stoppten die drei Hilfswerke Adveniat, Kindermissionswerk Die Sternsinger und Misereor noch im selben Jahr die Projektförderung. Auch die bayerische Staatskanzlei sagte eine vorgesehene Förderung für das Bistum Óbidos ab.
Bistum Würzburg unterstützt weiterhin
Das Schreiben ging unter anderem an das Bistum Würzburg, welches eine Partnerschaft zu Óbidos führt. Bischof Franz Jung und das Team Weltkirche entschieden aber, das Partnerbistum weiter zu unterstützen. Nun stand Bischof Bahlmann sogar mehrfach auf dem Programm des Katholikentags – sein Besuch scheint aber im letzten Augenblick gestrichen worden zu sein.
Wir wollen wissen:
• Warum hat das Bistum Würzburg bis heute nicht öffentlich reagiert?
• Warum wird die Partnerschaft mit Óbidos weitergeführt – inklusive Einsätze junger Menschen aus Deutschland vor Ort?
• Warum gibt man dem Beschuldigten eine Bühne, während Betroffene bis heute auf echte Aufklärung warten?
Blinder Fleck in der Aufarbeitung bei den Franziskanern?
Das IPP in München hat im Januar 2026 den Abschlussbericht seiner Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter Gewalt bei den deutschen Franziskanern veröffentlicht. Das Fazit ist verheerend: 98 beschuldigte Ordensmänner, über 100 bekanntgewordene Betroffene (bei unbekannter Dunkelziffer), fehlende Verantwortungsübernahme und ein viel zu spät begonnener Aufarbeitungsprozess. Die berichtenden Medien sprechen von einem „Totalversagen“.
Bischof Bahlmann ist selbst Franziskaner und gut mit dem deutschen Orden und ihrer Missionszentrale verbunden. Die Studie bezieht sich aber ausschließlich auf sexualisierte Gewalt in Deutschland – ein blinder Fleck bei der Aufarbeitung?
Wir fragen die deutschen Bistümer und Orden:
• Warum wurden in der Studie zu den Franziskanern nicht die Missionare in deutschen Auslandsgründungen mitberücksichtigt?
• Welche Prüfmechanismen gibt es, damit deutsche Täter nicht im Ausland „untertauchen“ – oder umgekehrt, ausländische Täter in der deutschen Kirche?
• Wie und von wem werden Partnerschaften (z.B. Würzburg – Óbidos) überprüft, wenn Vorwürfe bekannt werden?
• Wer ist eigentlich für die Missionszentrale der Franziskaner zuständig, wenn nicht die deutschen Franziskaner?
Ein Problem mit internationaler Dimension
Dass die deutsche Kirche Täter im Ausland schützt, ist kein Einzelfall, sondern reiht sich ein in eine Vielzahl von Fällen sexualisierter Gewalt in verschiedenen Ländern. Der Fall Bahlmann weist zum Beispiel Parallelen zum Fall Stehle auf – ein in Ecuador als Wohltäter verehrter ehemaliger Bischof aus Deutschland, über den wir vor kurzem berichtet haben.
Betroffene in Ländern Lateinamerikas stehen einer mächtigen und gut vernetzten Institution gegenüber. In Brasilien sind zudem viele von Ihnen in Sorge wegen multinationaler Bergbauunternehmen, die die Amazonasregion für ihre natürlichen Ressourcen ausbeuten und dort kriminelle Macht ausüben. Laut ForGodsLove_HelpUs ist Bischof Bahlman in kritischen Kreisen für seine Nähe zu Bergbau- und Großunternehmen bekannt. Betroffene fürchten sich vor den Folgen, wenn sie sich gegen mächtige Akteure aussprechen.
In einem kürzlich verfassten anonymen offenen Brief richtet sich eine betroffene Person an die brasilianische Bischofsversammlung und fordert dazu auf, zuzuhören, sich zu solidarisieren und zu handeln:
„Ich spreche nicht nur von meiner eigenen Geschichte. Ich spreche von einem gemeinsamen Leid. Von Berichten, die sich an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Kontexten und in unterschiedlicher Form wiederholen, aber in einem Punkt zusammenlaufen: der anhaltenden Schwierigkeit, gehört, anerkannt und mit der Ernsthaftigkeit behandelt zu werden, die die Schwere der Lage erfordert. […] Es gibt keine Zukunft für eine Kirche, die sich der Wahrheit ihrer eigenen Opfer noch nicht gestellt hat.“ (Mehr erfahren Sie hier: Offener Brief einer brasilianischen betroffenen Person)
Eckiger Tisch steht im Kontakt mit Betroffenen aus Brasilien und unterstützt ihre Bemühungen, sich zu organisieren. Sie erhoffen sich Unterstützung durch die deutschen Katholikinnen und Katholiken.