Neue Debatte zu altem Fall: Betroffene fordern die Entfernung von Monumenten für Missbrauchstäter Emil Stehle

Emil „Emilio Lorenzo“ Stehle († 2017), ehemaliger Bischof von Santo Domingo, wird in Ecuador noch heute verehrt: Eine Schule und eine Straße tragen seinen Namen und am Ortseingang zu Santo Domingo schmückt eine lebensgroße Bronzestatue eine Straßenkreuzung. Der gebürtige Deutsche gilt dort als Wohltäter.

Exbischof Emil Stehle soll Missbrauchstätern zur Flucht verholfen und selbst Mädchen und Frauen missbraucht haben
Foto: „Emil Stehle“ von Maxn2 auf Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0

Stehles wahres Gesicht

Ein Bericht des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat hingegen zeichnet ein anders Bild. Stehle war selbst 1977 bis 1988 Hauptgeschäftsführer der Organisation gewesen. Nach Vertuschungsvorwürfen einer deutschen Aufarbeitungsstudie beauftragte Adveniat dann 2022 eine unabhängige Untersuchungskommission. Die Untersuchung konnte das belegen, was die katholische Kirche in Deutschland offenbar schon seit zwei Jahrzehnten wusste:

Emil Stehle hat in den 70er-Jahren etlichen wegen Missbrauchs angeklagten deutschen Priestern zur Flucht nach Ecuador verholfen. Zudem hat er selbst – geschützt durch seine Stellung als Bischof – Mädchen und Frauen sexuell missbraucht. 2005 hatte das Erzbistum Freiburg ihm jegliche Aktivität als Kleriker untersagt, nachdem diverse Meldungen zu sexuellen Übergriffen durch ihn eingegangen waren.

Gängige Praxis

Dass Missbrauchstäter in der katholischen Kirche zur Vertuschung in andere Gemeinden inner- und außerhalb Deutschlands geschickt werden, ist kein Einzelfall: Die MHG-Studie (2018) belegt, dass beschuldigte Kleriker überzufällig häufig versetzt werden. Häufig trifft es Regionen im globalen Süden, in denen Täter den Missbrauch unbehelligt fortsetzen können. Laut des Adveniat-Berichts sind seit den 60er-Jahren bis heute etwa 400 Priester von ihren deutschen Heimatbistümern in verschiedene lateinamerikanische Länder entsandt worden.

Apathie in Ecuador

Nach der Veröffentlichung des Berichts tat sich zunächst wenig in Santo Domingo: Personen wie Gonzalo Yépez Palma, Journalist, Lokalpolitiker und Freund des verstorbenen Ex-Bischofs, verteidigten ihn öffentlich. Mercedes García Espinosa, Direktorin der „Emilio Lorenzo Stehle“-Schule, erklärte: „Wir halten sein Andenken noch immer hoch“. Die Nachrichten zu Stehles Missbrauchstaten seien an ihnen vorbeigezogen.

„Ich weiß gar nicht so genau, was ihm vorgeworfen wird, weil ich nie die schlechten Seiten der Menschen sehe. Das interessiert mich also gar nicht besonders. Ich weiß ja, wie Monseñor Stehle war, deswegen sind mir die aktuellen Nachrichten nicht im Gedächtnis geblieben.“, so die Schulleiterin.

Neue Debatte zur Entfernung von Stehle-Monumenten

Am 28. Januar haben sich nun Vertreterinnen diverser ecuadorianischer Organisationen für Frauenrechte, Santo Domingo-Stadträtin Liana Silva sowie Emil Stehles eigene Nichte Ulrike Bay – eines seiner Opfer – zusammengetan, um die insgesamt 16 Anzeigen gegen Stehle aus dem Adveniat-Berichts vorzustellen. Eine zentrale Forderung des Zusammentreffens war das Entfernen der öffentlichen Ehrungen des Täters.

„Ich habe zwei Wünsche.“, erklärt Ulrike Bay. „Dass die Statue nicht mehr aufgestellt wird und, dass die Frauen und Menschen, die in Südamerika betroffen waren, auch ihre Stimme erheben.“

Für sie sei es auch nicht leicht gewesen, darüber zu sprechen. Viele Menschen würden kritisieren, dass Stehle sich im Tod nicht mehr wehren könne. Doch die Beweislast lasse keinen Raum für Zweifel: „Alle Frauen und Mädchen, die befragt wurden, kannten sich nicht. Und trotzdem gab es so viele Übereinstimmungen und Parallelen, dass es einfach nicht mehr zu leugnen war.“, so die Betroffene.

Teresa Bolaños, Koordinatorin der Organisation Mujeres por el Cambio (dt.: “Frauen für Wandel“), betont: „Keine gute Tat, keine soziale Hilfe, kein noch so prachtvolles Kunstwerk rechtfertigt die sexuelle Gewalt, die von Emilio Lorenzo Stehle verübt wurde. Gemeinsam mit anderen Frauen-Organisationen fordern wir als nationale Initiative Entschädigung und die Umbenennungen aller Elemente, die Emilio Lorenzo Stehle gewidmet wurden.“

Die Kirche äußert sich erstmals

Laut ecuadorianischer Medienerstattung hatte die Website der Diözese Santo Domingo den verstorbenen Ex-Bischof bis vor kurzem noch gepriesen. Am 10. Februar hat sie sich in Reaktion auf die Forderungen der Aktivist*innen nun erstmals zum Thema geäußert – vier Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung des Adveniat-Berichts.

Der aktuelle Bischof Betram Wick erklärte gegenüber des ecuadorianischen Kanals Ecuavisa, dass es keine gerichtliche Verurteilung gegen Stehle gebe. Deutsche Untersuchungen hätten in einigen Punkten Verantwortlichkeiten festgestellt, die strafrechtliche Entscheidung obliege jedoch den Gerichten. Die Diözese selbst habe nach Prüfung von Akten im Zusammenhang mit möglichen Vertuschungen durch Stehle keine Hinweise auf strafbares Verhalten in Ecuador gefunden.

Wick betont, dass die Prävention von Missbrauch höchste Priorität habe und bereits über 18.000 US-Dollar in entsprechende Schulungen für Kleriker und Lehrer investiert worden seien.

Auf die Frage nach der Aufhebung von Ehrungen erklärt er, dass nur die Institutionen, die sie verliehen haben, diese auch wieder zurücknehmen können. Jegliche Entscheidung, die diese treffen wollten, respektiere er.

Aufnahmen der Pressekonferenz am 28.02. in Santo Domingo (Spanisch)