Aufarbeitungsstudie in Paderborn: Täternetzwerke, ein implizierter Erzbischof und fast 500 Betroffene
Am 12. März haben Forscher*innen der Universität Paderborn den ersten Teil einer 2019 vom Erzbistum beauftragten Missbrauchsstudie vorgestellt. Bisher war man von 111 beschuldigten Priestern ausgegangen – die Studienergebnisse zeigen nun Hinweise auf mindestens 210 Beschuldigte und 489 betroffene Kinder und Jugendliche zwischen 1941 und 2002. Forschungsleiterin Prof. Dr. Nicole Priesching vermutet eine noch höhere Dunkelziffer.
Netzwerke und Täterschutz
Die Betroffenenvertretung Paderborn spricht von einem „pädophilen Netzwerk“ an Tätern, das sich gegenseitig Minderjährige zuführt hätte. Auch gegen den verstorbenen Paderborner Erzbischof Joachim Degenhardt stehen Vorwürfe des Missbrauchs von Minderjährigen im Raum.
Unter ihm und seinem Vorgänger Erzbischof Lorenz Jaeger hätte es zudem Vertuschungsbemühungen gegeben: Nicht nur habe man Opfern nicht geglaubt – sie und ihre Familien seien unter Druck gesetzt worden, Anzeigen zurückzuziehen. Täter sollen durch Versetzungen geschützt worden sein.
„Kirche und Gesellschaft haben bei Missbrauch systematisch weggesehen und Straftaten in mehreren Fällen billigend in Kauf genommen. Beschuldigte Kleriker wurden nur selten sanktioniert. Vielmehr bestimmten die soziale Position des Täters und die der Betroffenen sowie die lokalen Verhältnisse vor Ort die Bewertung von sexueller Gewalt.“, so der Universitätspräsident Prof. Dr. Matthias Bauer.
Matthias Katsch, Sprecher und Geschäftsführer von Eckiger Tisch spricht von einem Tag der Trauer und des Zorns: „Trauer, um die Opfer, die so lange auf die Aufklärung warten mussten und Zorn darüber, dass wir es als Gesellschaft zugelassen haben, dass dieser Prozess so elendig lang dauert – 16 Jahre nämlich.“
Protestaktion in Paderborn

Vertreter*innen des Aktionsbündnisses der Betroffeneninitiativen, der Betroffeneninitiative Hildesheim und der Aktionsgruppe „11. Gebot“ waren zu einer Protestaktion mit dem „Hängemattenbischof“ der Giordano-Bruno-Stiftung vor Ort. Sie kritisieren unangemessen niedrige Entschädigungsleistungen und den schleppenden Aufarbeitungsprozess: der zweite Teil der Studie soll erst 2027 publiziert werden – 17 Jahre nach dem Beginn des Missbrauchsskandals.
Zudem fordern die Aktivist*innen ein Ende der Strategie des „Churchwashings“. Darunter versteht sich die „bloße Symbolpolitik, die das Image der Kirche aufbessern soll, während die Interessen der Betroffenen weiterhin missachtet werden“. Einige Tage zuvor hatte das Erzbistum im Paderborner Dom ein Mahnmal in Form eines Memory-Spiels eingeweiht. Das Projekt war in Zusammenarbeit mit dem Betroffenenbeirat Paderborn entstanden, wird aber von einigen Betroffenen vor allem als Selbstinszenierung der Kirche wahrgenommen: Aktivist Michael Schoppe bezeichnet die Symbolik der Kacheln als „unfreiwillig treffend für den fehlenden kirchlichen Aufarbeitungswillen“ – Die Kacheln würden kurz aufgedeckt und verschwänden dann wieder im Dunkelfeld.
Die enge Verbindung des Bundeskanzlers zu Paderborn als Epizentrum des katholischen Westfalens verdeutliche zudem das engmaschige Geflecht aus Klerus und Politik, so David Farago, Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bleibe darin ein klerikales Privileg. Die Kirche werde staatlich subventioniert, während die Betroffenen in „entwürdigenden Bittsteller-Positionen für Almosen-Beträge“ verharren würden. Seit seiner Einführung 2021 fordern Betroffene Reformen im sogenannten Verfahren zur Anerkennung des Leids der katholischen Kirche.
„Betroffene berichten weiterhin von intransparenten Verfahren, mangelnder Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und unzureichender Kommunikation“, erklärt Jens Windel von der Betroffeneninitiative Hildesheim.
Forderungen nach einer deutschlandweiten Metastudie
Matthias Katsch bezeichnet das Ausmaß der Verbrechen im Bistum Paderborn und die Gewissenlosigkeit, mit der Täter geschützt und Opfer ignoriert wurden, als erschütternd.
„Diese Ergebnisse reihen sich ein in die Vielzahl von Einzelstudien, die in den letzten Jahren erarbeitet worden sind. Immer dringlicher stellt sich daher die Frage nach dem Gesamtbild, nach dem Zusammenführen all dieser einzelnen Untersuchungen. Wann werden wir eine bundesweite Untersuchung bekommen, wie sie von den Wissenschaftlern der MHG-Studie bereits 2018 gefordert wurden?“
Die Forscher der MHG-Studie bezeichneten ihre Ergebnisse als eine erste empirische Annäherung an das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche und machten deutlich, dass es vertiefender Forschung bedurfte. Das Projekt hatte beispielsweise keinen direkten, uneingeschränkten Zugriff auf Kirchenakten und war lediglich eine Bestandsaufnahme des Hellfeldes – für aussagekräftigere Ergebnisse zur Dunkelziffer und strukturellen Bedingungen ist eine groß angelegte, deutschlandweite Studie notwendig.
Dank gilt den Betroffenen
Wie auch das Aktionsbündnis kritisiert Matthias Katsch das schleppende Aufarbeitungstempo: „Wie konnte es nach dem Skandaljahr 2010 solange bis zu einer umfassenden Aufklärung der Verbrechen dauern? Zum Prozess der Aufarbeitung gehört, dass wir uns zukünftig anschauen, wie es der Kirche im Zusammenspiel mit dem Staat – und geduldet von der Gesellschaft –, gelungen ist, diesen vor allem für die Opfer so schmerzhaften Prozess derart in die Länge zu ziehen, bis nur ja keiner der Verantwortlichen mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.“
Für ihn ist klar: „Man kann den Betroffenen gar nicht genug danken, dass sie solange durchgehalten haben. Und es bewundernswert, wie etwa die Betroffenen in Paderborn so konstruktiv die Wissenschaftler unterstützt haben.“ Im Vorfeld hatte die Kirchennähe der Forschungsleitung Sorgen unter Betroffenen ausgelöst; Prof. Dr. Priesching ist die Vorsitzende der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte des Erzbistums Paderborn.
„Für die weiteren Diskussionen über wirksame Prävention und notwendige systemische Veränderungen sind diese Ergebnisse heute jedenfalls sehr wichtig – auch wenn wir das Gefühl haben, das alles schon einmal gehört zu haben: Wir hatten diese Geschichten bislang nicht gehört und damit den Opfern jetzt späte Anerkennung gewährt.“, so Katsch.