ARD-Recherche deckt auf: Höhere Betroffenenzahlen für Missbrauch im kirchlichen Kontext als bisher bekannt
Am 10. Februar hat das ARD-Magazin Fakt neue Missbrauchszahlen in der katholischen Kirche veröffentlicht. Eine eigene Umfrage in allen 27 deutschen Bistümern zeigt: Seit 1945 soll es in Deutschland mindestens 6.529 bekannte Betroffene und 2.848 Beschuldigte geben.
Weitaus mehr Fälle als in MHG-Studie
Die ARD-Zahlen übertreffen bei weitem die bisherigen Befunde der MHG-Studie (2018). Dieses erste große Forschungsprojekt der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Gießen zu Missbrauch in der katholischen Kirche hatte 3.677 Betroffene und 1.670 Beschuldigte aufgedeckt.
Doch diese Diskrepanz ist nichts Außergewöhnliches: Viele Betroffene sexuellen Missbrauchs sprechen nicht über das Widerfahrene – aus Scham oder Angst, dass ihnen nicht geglaubt werden könnte. Aus diesem Grund kommen Missbrauchsfälle auch oft erst nach Jahrzehnten ans Licht.
Hinzu kommt, dass das Forschungsteam der MHG-Studie keinen direkten Zugriff auf Kirchenarchive hatte. Die originalen Dokumente wurden von Mitarbeitenden der Kirche ausgewertet, die die Ergebnisse für die Forscher*innen in Fragebögen festhielten.
Dunkelziffer noch viel höher
In der Nationalen Dunkelfeldstudie (2025) wurde eine repräsentative Stichprobe der deutschen Bevölkerung zu Missbrauchserfahrungen befragt: Hier gaben 12,7% der Befragten an, schon einmal sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Hochgerechnet auf die Grundgesamtheit der 18- bis 59-Jährigen in Deutschland entspricht das 5,7 Millionen Menschen.
4,2% der Missbrauchsfälle hatten dabei im kirchlichen Kontext stattgefunden. Bezogen auf die Grundgesamtheit von 5,7 Millionen heißt das, dass die Dunkelziffer für Missbrauch in der katholischen und evangelischen Kirche bei ungefähr 240.000 Betroffenen liegen müsste. Auch die neuen Zahlen der ARD machen also nur einen Bruchteil des tatsächlichen Ausmaßes aus.
Die Zahlen bekannter Missbrauchsfälle werden voraussichtlich weiter steigen – und das ist auch gut so. Damit sich in Zukunft noch mehr Betroffene trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen, ist es entscheidend, mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen und das damit verbundene Stigma abzubauen. Nur so können notwendige Hilfe und Entschädigung gewährleistet werden.
Aus diesem Grund haben wir im Dezember unseren Film „Gefangen im Schweigen – Vom Trauma zur Sucht“ veröffentlicht, in dem drei Betroffene über die Langzeitfolgen von Missbrauch sprechen. Den Film können Sie sich auf YouTube anschauen.