„Von Bohne zu Bohne“ Podcast: Betroffener sexuellen Missbrauchs auf katholischem Internat erzählt seine Geschichte

„Von Bohne zu Bohne“ ist ein Podcast, der sich neben einem interessanten Namen auch durch ein interessantes Konzept auszeichnet: Moderatorin Sania findet für jede Episode einen Gast, den Co-Moderatorin Charlotte beim Aufnehmen des Podcasts ohne Vorwissen erstmals kennenlernt. So ist sie auf gleichem Stand wie die Zuhörer*innen und kann die Fragen stellen, die diese potenziell auch hätten.
In ihrer Folge vom 4. Januar hatten die beiden Bernd Held zu Gast. Als Betroffener und Vertreter des Betroffenenbeirats Speyer erzählt er seine Geschichte von Missbrauch und unermüdlichem Aktivismus.
Als guter Schüler schaffte er es als erster seiner Familie auf ein Gymnasium – für seine Eltern Anlass für Stolz und große Erwartungen an Bernds Zukunft.
Doch auf dem Internat des katholischen Gymnasiums Johanneum Homburg sollte alles anders kommen: Als Bernd 12 Jahre alt war, begannen zwei Priester, ihn sexuell zu missbrauchen.
„Es war für mich absolut verstörend, weil ich das gar nicht einordnen konnte.“
Bernd spricht darüber, dass zu dieser Zeit Autoritätspersonen wie Priester noch als unfehlbar galten. Durch sein „Urvertrauen“ in die Täter fiel es ihm zunächst schwer, die wiederholten Vergewaltigungen als Verbrechen zu verstehen. Und obwohl mehrere seiner Mitschüler ebenfalls betroffen waren, redete niemand darüber, was dort passierte.
„Nachts bin ich wach geworden, weil die die Zimmertür aufging. Da wusste ich genau, der kommt jetzt und irgendjemanden nimmt er mit. Ich habe mich totgestellt, einfach nur in der Hoffnung, der lässt mich heute in Ruhe.“
Einer der Täter ließ seine „Lieblinge“ nach der Nachtruhe zu sich kommen und versorgte die Jungen mit Alkohol. Nachdem Bernd eines Morgens ohne Schlafanzughose und ohne Erinnerungen aufwachte, fasste er endlich den Mut, das Internat zu verlassen.
Zur Schule wollte er weiterhin gehen, doch als sich nach den Übergriffen seine Noten und sein Verhalten dramatisch verschlechterten, wurde er schließlich auch vom Gymnasium verwiesen. Ohne Schulabschluss lösten sich seine Zukunftspläne in Luft auf.
„Es war für mich ganz schlimm, weil ich einfach wusste, dass ich meine Mutter und meine Oma fürchterlich enttäuscht habe.“
Bernd sprach mit niemandem über das Trauma. Die Enttäuschung seiner Familie und die plötzliche Perspektivenlosigkeit belasteten ihn so sehr, dass er mehrere Suizidversuche unternahm.
Doch er überlebte und machte immer weiter. Im Sport konnte er einen gewissen Halt finden und absolvierte letztendlich trotz allem drei Berufsausbildungen; viele seiner Mitschüler hingegen schafften es nicht und nahmen sich das Leben.
Als 2010 der Missbrauchsskandal begann, vertraute er sich erstmals seiner Frau und später auch seinen Eltern an. In Kommentarspalten online fand er andere Betroffene des Johanneums und gründete gemeinsam mit ihnen eine Initiative, um den Orden des Johanneums zur Verantwortung zu ziehen.
„Der Ordensobere hat dann in der Zeitung und auch vor Fernsehkamera gesagt, wie erschüttert er ist und dass er jetzt aus der Presse erst davon erfahren hat. Und das war so eine glatte Lüge.“
Die Vertreter des Johanneums behaupteten, dass es sich lediglich um einen Einzelfall gehandelt hätte. Später wurde den Betroffenen dann vorgeworfen, dass sie an Schule und Internat Rache üben wollten, weil sie mit ihrem Werdegang unzufrieden wären und „sie es zu nichts gebracht hätten“. Trotzdem kämpfte die Initiative weiter.
„Wir wollten nur, dass man uns zugesteht, dass man an uns Verbrechen verübt hat.“
Nach acht Jahren Aktivismus räumte der Orden 2018 endlich sein Versagen ein und bat um Verzeihung. Die Täter hatten längst Geständnis abgelegt – etwas, das laut eigener Aussage weder Bernd noch seinen Freunden noch etwas bringt. Vor allem nicht denen, die nicht mehr da sind.
Trotzdem ist er stolz darauf, was sie als Betroffeneninitiative erreicht haben. Das Thema sei dort, wo es hingehöre: in der Mitte der Gesellschaft. Tätern würde es inzwischen schwerer gemacht und Kindern würde zugehört. Vor allem: Kritik an Klerikern sei nicht länger tabu.
Im Bistum Speyer wurde letztes Jahr der erste Teil einer Aufarbeitungsstudie veröffentlicht. Diese legt dar, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelte, sondern um ein strukturelles System. Bernd hofft, dass die zweite Teilstudie, die in zwei Jahren publiziert werden soll, diese Strukturen und Netzwerke aufdecken kann.
Beratungsstelle Eckiger Tisch
Wenn Sie selbst von Missbrauch im kirchlichen Kontext betroffen sind, können Sie sich an unserekostenlose Beratungsstelle wenden. Sie können uns ganz einfach über unser online-Kontaktformular oder jeden Dienstag zwischen 11 und 14 Uhr unter der 030 / 232 555 777 erreichen.
Von Bohne zu Bohne
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