Papst Leo empfängt Investigativjournalisten Gareth Gore: Ein weiterer Meilenstein in der Aufarbeitung des Falles Opus Dei

ECA-Gipfel und Papstaudienz

Vor einigen Monaten haben wir über den „Internationalen Gipfel zu institutionellem Missbrauch, Nötigung und Ausbeutung durch die katholische Personalprälatur Opus Dei“ berichtet. Die Veranstaltung war am im Dezember 2025 von der Betroffeneninitiative Ending Clergy Abuse (ECA) in Buenos Aires veranstaltet worden und umfasste Konferenzen mit Betroffenen von Zwangsarbeit und sexueller Gewalt in Opus Dei sowie  Zeug*innen, Anwält*innen und Journalist*innen.

Vor dem Gipfel hatte Papst Leo XIV im Oktober 2025 ECA-Vertreter*innen verschiedener Länder in einer historischen Audienz erstmals im Vatikan zu einem Gespräch empfangen. Die Aktivist*innen bewerteten das Treffen positiv; laut Gemma Hickey hatten sie das Gefühl, gehört zu werden. Auch Matthias Katsch zeigte sich zuversichtlich, dass Papst Leo verstanden hätte, dass es um das Finden gemeinsamer Lösungen ginge. Schon bei diesem Treffen soll der Papst die Betroffeneninitiative privat dazu ermutigt haben, den Opus Dei-Gipfel einzuberufen.

Eine weiteres bedeutsames Treffen

Diese zwei großen Meilensteine haben nun weitere Früchte getragen: Am 16. März hat Papst Leo den britischen Investigativjournalisten Gareth Gore zu einer privaten Audienz empfangen. Gore hatte 2024 ein Buch über den jahrzehntelangen Missbrauch, den Finanzbetrug sowie die Vertuschung in Opus Dei veröffentlicht.

Laut Gores Substack-Artikel zum Treffen sei allgemein bekannt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt, was das völlige Versagen der Kirche angeht, gegen die schwerwiegenden Missbräuche der Personalprälatur vorzugehen. Und bisher hatte der Vatikan ehemalige Mitglieder und Betroffene, die Informationen und Beweismaterial aus der Organisation schmuggeln konnten, ignoriert. Gore hatte deshalb angenommen, dass die Kirche, statt sich einer „äußerst peinlichen“ Untersuchung zu stellen, lieber wegschauen wolle.

Umso überraschter war er also, als Leo seine Perspektive über die Anschuldigungen hören wollte und sein Buch als „solide Arbeit“ bezeichnete. Der Journalist schließt zwar nicht aus, dass das Treffen lediglich den Anschein zu erwecken solle, der Papst höre alle Seiten an – im vergangenen Jahr hatte er sich zweimal mit dem Leiter von Opus Dei getroffen –; die Begegnung habe Gore aber dazu gebracht seine ursprünglichen Einstellungen zu überdenken. Es sei gut möglich, dass Papst Leo tatsächlich die Wahrheit hören und das Richtige tun wolle. Zumindest könnte nach der Audienz keiner mehr behaupten, der Vatikan hätte von allem nichts gewusst.

Papst Leo XIV mit Gareth Gore
Papst Leo XIV und Gareth Gore (Quelle: Substack Gareth Gore)

Was wurde besprochen?

Im 40-minütigen Gespräch schilderte Gore unter anderem, wie Opus Dei „gezielt kleine Kinder ins Visier nimmt, sie von klein auf auf eine lebenslange Verpflichtung hin manipuliert, damit sie schon im Alter von zehn oder elf den Interessen der Organisation dienen können“.

Er überreichte Papst Leo zudem einen Bericht der argentinischen Staatsanwaltschaft, in dem Vorwürfe von Menschenhandel dokumentiert waren und informierte ihn über das Brechen des Beichtgeheimnisses, manipulative Seelsorgesitzungen, finanzielle Ausbeutung und juristische Einschüchterungskampagnen gegen Journalist*innen und Betroffene, die es wagten, über den Missbrauch zu sprechen.

Gore endete das Treffen mit einem Appell an den Papst, gegen Opus Dei vorzugehen, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten und die Organisation aufzulösen, sollte die Beweislage dies rechtfertigen. Zum Abschied bat er ihn außerdem, sich auch die Geschichten der Betroffenen anzuhören.

Die Audienz ist ein weiterer Meilenstein in der Aufarbeitung des Falles Opus Dei. Wie es nun weitergeht, liegt vor allem bei Papst Leo. Wie Gareth Gore sagt: „Eines ist sicher: Seine Amtszeit wird maßgeblich davon geprägt sein, wie er als Nächstes gegen diese missbräuchliche Gruppe vorgeht.“

Mehr zum ECA-Gipfel und den Anschuldigungen gegen die Personalprälatur finden Sie hier. Für einen englischen Bericht über die Audienz inklusive eines Interviews mit Gareth Gore klicken Sie hier.