El País: Jesuiten stellten jahrelang Handbuch von Missbrauchstäter auf ihrer Website zur Verfügung

El País deckt auf

Laut der spanischsprachigen Zeitung El País haben die Jesuiten auf ihrer Website für Lateinamerika jahrelang ein Berufungshandbuch von Alfonso Pedraja (auch „Padre Pica“) kostenlos zum Download bereitgestellt. Der mittlerweile verstorbene Priester hatte laut eigenem Tagebuch in Bolivien über mehrere Jahrzehnte mindestens 85 Kinder missbraucht.

Der Orden löschte das Handbuch erst nachdem El País um Stellungnahme bat. Nach dem öffentlichen Bekanntwerden des Missbrauchs hatten sie bereits alle anderen Publikationen von Pedraja entfernt; das Hauptwerk des Täters soll versehentlich stehen gelassen worden sein.

Inhalte zu sexuellem Missbrauch

Das Buch behandelt unter anderem auch das Thema sexualisierter Gewalt in der Kirche: In einigen Teilen ist von „homosexueller Pathologie“, „psychosexueller Entwicklung“ und der „sexuellen Repression“ katholischer Priester die Rede. Auch führt es Möglichkeiten der Begleitung von Missbrauchsbetroffenen auf. Pedraja bezeichnet darin Missbrauch als „Wunde“ für das Opfer sowie für den Täter.

Laut El País werden die Inhalte in Berichten und Büchern in ganz Spanien und Lateinamerika zitiert und in Infomaterialien für Ordensnachwuchs genutzt.

Grundlegendes Problem der institutionellen Aufarbeitung

Der Fall verweist auf ein grundlegendes Problem im Umgang der Kirche mit sexualisierter Gewalt: Aufarbeitung darf sich nicht darauf beschränken, einzelne Inhalte nach öffentlicher Kritik zu entfernen, sondern muss das transparente, unabhängige Prüfen von Inhalten, Archiven und Akten sowie die Perspektiven der Betroffenen beinhalten. Zentral sollten dabei vor allem Fragen nach Verantwortung, Anerkennung und Entschädigung sein.

Der Jesuitenorden gibt an, ältere Materialien nun erneut prüfen zu wollen und erkennt Pedrajas Taten offiziell an. Laut Ermittlungen der bolivianischen Staatsanwaltschaft sollen die Missbrauchstaten von Pedraja (und weiteren Priestern) jedoch lange von den Jesuiten in Bolivien und Spanien und mit Wissen des Vatikans vertuscht worden sein. Zwei hochrangige Ordensfunktionäre wurden deshalb bereits zu Haftstrafen verurteilt. Auch weigern sich die bolivianischen Jesuiten bis heute, die Betroffenen zu entschädigen: Dasselbe Urteil verpflichtet den Orden zu Schmerzensgeldzahlungen – dieser hat allerdings Berufung eingelegt.

Hier kommen sie zum Artikel von El País [SPA]:

Artikel von El País zu Jesuiten