Die Pressemitteilung, die der Eckige Tisch heute als Stellungnahme zu dem Schreiben von Herrn Kiechle an die Betroffenen versandt hat, steht hier zum Download bereit.
Die Pressemitteilung, die der Eckige Tisch heute als Stellungnahme zu dem Schreiben von Herrn Kiechle an die Betroffenen versandt hat, steht hier zum Download bereit.

Hat sich die katholische Kirche in Deutschland den mit dem Missbrauchsskandal verbundenen Fragen gestellt? Werden vielleicht sogar schon Antworten gegeben? Leider sieht es bisher nicht danach aus. Es scheint, als störten die unbequemen Opfer nur. Bis heute reagieren die Bischöfe nicht auf die Bitte von Betroffenen zum direkten Dialog.
Im Kern müsste die Debatte, die man ängstlich zu vermeiden sucht, sich um drei Aspekte drehen, die innerlich zusammenhängen: die Ordnungsform der Kirche, ihre Lehren zur Sexualität und der Kitt, der alles zusammenhält: das Geld. Altmodisch gesprochen geht es also um Gehorsam, Keuschheit und Armut – und den Missbrauch an diesen Tugenden zum Zwecke des Machterhalts, den die Hierarchie andauernd betreibt.

Und zum dritten findet sich heute – bereits zum zweiten Male – eine ‚Richtigstellung‘ zu dem inzwischen zurückgezogenen Raue-Artikel von vergangener Woche im Tagesspiegel.
Die Berliner Zeitung berichtet am 24. Januar 2011 auf der Titelseite, dass der Deutsche Jesuitenordenden den Betroffenen eine vierstellige Summe zahlen will:
„Als ersten Schritt werde man für die rund 205 namentlich bekannten Opfer aus Jesuiten- schulen das angekündigte Angebot ‚präzisieren und umsetzen, insgesamt voraussichtlich rund eine Million Euro‘, sagte der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes.“
Dasselbe Angebot hatte Provinzial Stefan Kiechle bereits im September 2010 im Vorfeld des zweiten ECKIGEN TISCHES in der Süddeutschen Zeitung verkündet und war damit bei den Betroffenen auf Ablehnung und Empörung gestoßen.


Diese Entschädigungszahlungen wollen sich die Jesuiten durch „Einschränkung ihres Lebensstils“ (Zitat Provinzial Dartmann) quasi vom Munde absparen.
Die Betroffenen, in deren Psyche und Persönlichkeit massive, fortdauernde Schäden angerichtet wurden, haben eine andere Vorstellung vom Wert ihres Lebens und von einer angemessenen Genugtuung für diese Schäden und die daraus resultierenden Konsequenzen, die sie seit Jahrzehnten ertragen haben und mit denen sie wohl auch für den Rest ihres Lebens werden leben müssen.
Sie fordern eine finanzielle Entschädigung, mit der jeder Betroffene für sich persönlich kompensatorisch etwas Sinnvolles anfangen kann, und haben eine Summe von 82.373 Euro für jeden Betroffenen gefordert. Sie beziehen sich dabei auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Universität Innsbruck.
WissenschaftlerInnen haben sich hier seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wieviel ein Menschenleben wert ist und wie man einen Schaden, der einem Menschen zugefügt wird, bewerten kann.
Sie haben dazu im Jahr 2010 einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht, den wir hier zur Diskussion stellen:
von Andrea M. Leiter, Magdalena Thöni und Hannes Winner
Im August 2010 veröffentlichten sie den Beitrag international mit aktualisiertem Zahlenmaterial:
“Evaluating Human Life Using Court Decisions on Damages for Pain and Suffering”
Deutsche und österreichische Medien haben darüber berichtet („Was ist ein Mensch wert?“):

Diese Beilage ist am Kiosk erhältlich und online derzeit nicht verfügbar.
Wir dokumentieren hier den Beitrag von Matthias Katsch:
„Worte sind zu wenig„

„Ursula Raue war bereits seit 2007 die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens. Pater Mertes gab vor einem Jahr an, er habe sie dem Orden empfohlen aufgrund ihrer guten Arbeit für den Verein Innocence in Danger.“ Dass Raues Tochter bei am Canisius-Kolleg Abitur gemacht hatte, verschwieg er. „Auch zu Redeker Sellner Dahs hatte das Canisius-Kolleg schon vor 2010 Kontakt, die Kanzlei hatte das Gymnasium auch in den Jahren zuvor immer wieder beraten, sagt Thomas Busch, Sprecher des Jesuitenordens.“
Der Artikel ist auf tagesspiegel.de nicht mehr zugänglich,
kann aber hier gelesen werden.
Am 14. Januar jährte sich das Gespräch von drei Betroffenen mit P. Mertes, das diesen veranlasste, am 19. Januar 2010 den Brief an die potentiell betroffenen Ehemaligen der 1970er und 1980er Jahrgänge zu schicken.

Das Thema sexuelle Gewalt gegen Jungen war auf einmal im Fokus der Öffentlichkeit wie nie zuvor.
Zahlreiche Medien erinnern in diesen Tagen daran und fragen: Was hat es gebracht? Das fragen wir uns manchmal auch.
Hier zwei Hinweise für Mittwoch, 19. Jauar 2011:
Deutschlandfunk („Tag für Tag“) ab 9.34 Uhr
(„Umbruch positiv aufgreifen – Bischof Ackermann von Trier zum Umgang mit den Mißbrauch“)
rbb-Inforadio / „Nahaufnahme“ um 10.45 Uhr
Außerdem der Hinweis auf Sonntag, 23. Januar 2011:
„Geschockt – getrieben – gelähmt – Die katholische Kirche und der Missbrauch“
rbb kulturradio (in Berlin auf 92,4 khz), 9.04 – 9.30 Uhr
more to come….
Zur jesuitischen Personalrochade erreichte uns ein Kommentar, den wir hier gerne publizieren:

Nachfolger als Rektor am Canisius-Kolleg wird schon im Mai Tobias Zimmermann, der dort bereits als Schulseelsorger arbeitet.
Johannes Siebner wechselt im Juli an das Ako.
Die Badische Zeitung berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Waldshut die Ermittlungen gegen Jesuiten und ehemalige Mitarbeiter des Kollegs wegen sexuellen Missbrauchs, Misshandlung und Körperverletzung eingestellt hat. Die Vorfälle, die bekannt geworden sind, fanden zwischen 1950 und 1990 statt und sind daher verjährt. Anhaltspunkte für Vorgänge in den letzten 20 Jahren hätten sich nicht ergeben.
Daneben steht allerdings noch eine Untersuchung der Verbrechen und der sie begünstigenden Strukturen von Verdeckung und Vertuschung in den 50er, 60er und 70er Jahren durch eine unabhängige Person aus, wie sie von dem Rektor St. Blasiens und dem Jesuitenorden auf dem Eckigen Tisch Ende Mai zugesagt worden ist. Auf Nachfrage wurde diese Zusage beim zweiten Eckigen Tisch im September bekräftigt; ob und wie dieses mittlerweile angegangen ist, ist dem Eckigen Tisch nicht bekannt.

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