… und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich dich darum.“ (O-Ton Wolfgang S.)

Was aber, wenn die Opfer nicht vergeben wollen. Bekommen sie dann wieder den Schwarzen Peter zugeschoben?

Kann und sollte die Kirche die offene Situation der nicht vergebenen Schuld aushalten?

Diesen und weiteren Fragen geht der Theologe und Journalist Christoph Fleischmann in einem 45minütigen Radiofeature u.a. mit der Theologin Katharina von Kallenbach nach, das am 13. März 2011 auf WDR 3 und WDR 5 ausgestrahlt worden ist.

„Ein bißchen Buße“ Der Tagesspiegel vom 16. März 2011

„Wenn Bischöfe niederknien“
taz
vom 16. März 2011

„Ein bißchen Buße“ Süddeutsche Zeitung vom 15.März 2011

Aufruf zur Demo am 14. März 2011 ab 16 Uhr auf dem Domplatz zu Paderborn

Download: Demo-Aufruf

Download: Wo liegt Paderborn ?

Betroffene von sexueller Gewalt und Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche fordern seit einem Jahr immer wieder Aufklärung, Hilfe und eine angemessene Entschädigung.

WIR WOLLEN GEHÖRT WERDEN!Jetzt sollen die  Missbrauchsbetroffenen aus den Schulen, Internaten, Pfarreien und Heimen mit einem lächerlichen Betrag für ihren Lebensschaden abgespeist werden. Das vorgesehene Verfahren ist in-transparent und schafft kein Vertrauen. Einen Dialog mit den Opfern der Kirche verweigern die Bischöfe bisher. Deshalb gehen wir nach Paderborn, wo an diesem Tag die Versammlung der deutschen Bischöfe zusammenkommt.

Wir bitten die Katholikinnen und Katholiken und alle, denen die Sorge um die Opfer Ernst ist:

Wir sind dankbar für die Unterstützung von allen Menschen, die deutlich machen wollen: Sexueller Missbrauch, sexualisierte Gewalt und der Umgang damit durch wichtige Institutionen wie die Kirche, geht alle an. Prävention ohne Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann nicht gelingen. Wer die Kinder schützen will muss die Institutionen verändern und darf die Opfer der Vergangenheit nicht vergessen.

Verbreitet diesen Aufruf weiter!

Ein Kommentar von Claudia van Laak / Deutschlandradio

Wie die Süddeutsche Zeitung heute meldet, sind die Einnahmen der katholischen Kirche aus der Kirchensteuer im Jahr 2010 zurückgegangen und betrugen nur noch 4,794 Milliarden Euro.

Im Jahr 2008 waren es 5,066 Milliarden Euro.

Und so stellen sich die katholischen Bischöfe das vor:

„Antragsformular“

„Merkblatt zum Antragsformular“

Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz

Ein Kommentar von Matthias Katsch

Endlich haben die Bischöfe ihr Konzept vorgelegt. Im letzten Satz der langen Presseerklärung, heißt es, es solle eine Geste sein. Mehr nicht also. Was soll man dazu sagen? Schäbig? Arrogant? Auf jeden Fall von oben herab. Eine Geste – ja, warum denn keine echte Hilfe?

Und das Vorgehen zeigt wieder einmal wie sehr die reichste Kirche der Welt – und das ist die katholische Kirche in Deutschland – von der Sorge um das Geld korrumpiert ist. Es wurde nicht gefragt: „Was wäre angemessen? Was würde den Opfern eine Kompensation bieten? Was würde als Zeichen verstanden und angenommen?“  Stattdessen wird nach Gutsherren-Art verkündet, was man sich zu leisten bereit ist.

Das einzige Positive: Endlich gibt es ein Konzept der katholischen Kirche in Deutschland, wie sie sich die Entschädigung und den Umgang mit ihren Opfern vorstellt. Seit September 2010 war dies immer wieder angekündigt worden. Im benachbarten Österreich werden dagegen bereits seit Monaten Betroffene entschädigt, ebenfalls gestaffelt. Die Untergrenze liegt dort da, wo die deutschen Bischöfe aufhören wollen, die Obergrenze beträgt 25.000 Euro, mit der Möglichkeit in schweren Fällen darüber hinaus zu gehen. Grundsätzlich hat man jetzt also auch in Deutschland verstanden, dass eine Kompensation notwendig wäre. Nur die jetzt gehandelten Summen sind eine Unverschämtheit.

Ein weiteres Problem in dem heute vorgestellten Konzept: das Antragsverfahren. Die Betroffenen erwarten zurecht, dass die Abwicklung von Zahlungen ebenso wie die Beantragung von Hilfen für Therapien möglichst unabhängig von der Täter-Institution geleistet wird. Es braucht eine Clearingstelle, die das Vertrauen der Betroffenen gewinnen kann, keine Theologen-Kommission. Auch die sog. Missbrauchsbeauftragten der Institutionen können das nicht leisten, wie man gerade im Fall der Jesuiten sieht.

Das jetzt vorgestellt Konzept ist ein Vorschlag, den die Kirche dem Runden Tisch unterbreitet. Mit den Betroffenen selbst, hat noch niemand darüber gesprochen. Da gibt es noch viel zu klären. Für nicht verjährte Ansprüche wird ein Mediationsverfahren angestrebt, heißt es. Wir fordern eine Mediation für die Alt-Fälle! Jetzt liegen zwei Vorstellungen vor, also muss verhandelt und vermittelt werden.

Betroffene wie die am ECKIGEN TISCH haben eine angemessene Summe gefordert. Bei der Beurteilung der Frage, was angemessen ist, wird es Zeit, dass in Deutschland Opfer von sexuellem Missbrauch nach europäischen Standards behandelt werden. Ein fünfstelliger Betrag wie in Irland wäre angemessen. Beeinträchtigungen des Persönlichkeitsrechts durch Presseveröffentlichungen werden mit zehntausenden Euro vor Gericht geregelt, Missbrauchsopfer erhalten demgegenüber häufig nur einige tausend Euro. Hier müssen die Maßstäbe neu justiert werden.

Doch die Bischöfe haben immer noch nicht verstanden, warum sie gefordert sind: sie sollen nicht ersatzweise für die Täter leisten, wie sie das jetzt wiederum in ihrer Pressemitteilung erklären. Sie sollen für das komplizenhafte Schweigen, das jahrzehntelange Verheimlichen und Vertuschen bezahlen, mit dem die Kirche an den Opfern des sexuellen Missbrauchs in ihren Einrichtungen ein zweites Verbrechen begangen hat.

Wir werden versuchen, es ihnen zu erklären. Dazu fordern wir weiterhin, das direkte Gespräch mit den Bischöfen und werden dazu ab dem 14. März bei der Frühjahrestagung der Bischofskonferenz in Paderborn vor Ort sein. Vielleicht kommt er ja noch, der Aufstand der anständigen Katholiken, die sich schämen, für den Umgang der Kirche mit ihren Opfern, und dann stehen wir dort nicht allein.

 

Hintergrund ist der Zeitungsartikel, der am 20. Januar 2011 im Tagesspiegel Frau Raues fragwürdiges Verhalten thematisierte. Durch diese Veröffentlichung sei Frau Raue angeblich ein Schaden entstanden, für den sie mit 50.000 Euro entschädigt werden will.

Für die Opfer sexueller Gewalt durch Jesuiten sieht Ursula Raue hingegen weitaus weniger Entschädigungs­bedarf. Bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung der ersten Miss­brauchs­fälle glaubte sie in einem ersten „Zwischenbericht“ am 18.02.2010 folgende Meinung der Betroffenen wieder­geben zu können:

In den allermeisten Fällen wollen die Betroffenen keine materielle Kompen­sation des erlittenen Unrechts. Viele sind bereits dadurch erleichtert, dass sie ihre Geschichte erzählen konnten und ihm zugehört wurde. Andere möchten gerne eine ernst gemeinte Entschuldigung hören.“

Pressemitteilung

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Frau Raue im Verlauf dieser Woche einen 10seitigen Bericht zu den Missbrauchsfällen am Kolleg St. Blasien vorlegt.

Frau Raue ist weiterhin für sämtliche Missbrauchsfälle durch Jesuiten in Deutschland zuständig – mit Ausnahme des Aloisiuskollegs in Bonn. Am dortigen Kolleg hatte sich Frau Raue bereits 2007  durch ihr fragwürdiges Handeln (Stichwort: Vernichtung von Beweismaterial) so eindeutig disqualifiziert, dass für diese Schule ein eigenes Untersuchungsteam mit drei Untersucherinnen eingesetzt wurde. Dieses Team hat am 15.02.2011 eine Bericht für das Aloisiuskolleg vorgelegt, der 233 Seiten umfasst.

Für sämtliche anderen Fälle an den anderen Jesuiteneinrichtungen in Deutschland ist allein Frau Raue zuständig. Sie besitzt hierfür offenbar die nötige Fachkompetenz und Kapazitäten. Fachliche Unterstützung oder Team-Austausch mit Kolleginnen oder Kollegen aus anderen Disziplinen (beispielsweise Psychologen, Fachleute für sexuellen Missbrauch o.ä.) braucht sie offenbar nicht.

Die von Frau Raue vor einem Jahr (!) angekündigte dringende „Einrichtung eines Arbeitsstabes für die Aufarbeitung der Vorgänge an den einzelnen Schulen und Internaten“ (Zwischenbericht vom 18.02.2010, Seite 6) hat also niemals stattgefunden. Der Arbeitsstab besteht allein aus Frau Raue, die sich selbst dabei über die Schulter schaut. (Und auch allein abrechnet. Frau Raues Stundensatz beträgt 90,– Euro zzgl. 19% Mehrwertsteuer.)

Die Ergebnisse ihrer Aufarbeitungstätigkeit in  sämtlichen anderen Missbrauchsfällen der Jesuiten hat Frau Raue am 27. Mai 2010 in einem Bericht von 27 Seiten dargelegt. Zusammen mit ihrem sechsseitigen „Zwischenbericht“ vom 18.02.2010 und den jetzt nachgereichten 10 Seiten zu St. Blasien hat Frau Raue in zwölf Monaten also immerhin 43 Seiten Text vorgelegt.

Kritisiert wird von Betroffenen die fachlich fragwürdige Einordnungen und sprachlichen Verharmlosungen der Missbrauchstaten durch Frau Raue. Beispielsweise hatte Pater Wolfgang Statt (alias „Pater Bertram“) an drei Jesuitenschulen „in etlichen hundert Fällen“ (Selbstauskunft) Kinder und Jugendliche auf das (überwiegend) nackte Gesäß geschlagen oder gepeitscht, er war dabei in sexueller Erregung, keuchte und schnaubte. Im Anschluss an die Taten wurden einigen Opfern das verletzte Gesäß sorgfältig von Pater Statt eingecremt oder gestreichelt, manchen führte Statt Zäpfchen ein. In ihrem aktuellen Bericht bezeichnet Frau Raue Wolfgang Statts Missbrauchshandlungen als „Prügelattacken … , deren sexuell-sadistische Komponente von den Opfern erst sehr viel später als solche erkannt wurde“.

ECKIGER TISCH fordert weiterhin im Namen vieler Betroffener die Ablösung von Frau Raue als Missbrauchsbeauftragte und die Einführung einer unabhängigen Ansprechpartnerin, die auch das Vertrauen der Betroffenen genießt – und nicht nur das Vertrauen des Jesuitenordens.

Vor etwa 30 Pressevertretern präsentierte heute das Team von Prof. Julia Zinsmeister nach achtmonatiger Untersuchung den Abschlussbericht „Schwere Grenzverletzungen zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen im Aloisiuskolleg Bonn-Bad Godesberg“.

Für den 233 Seiten starken Bericht wurden die Aus- sagen von 58 Personen ausge- wertet, die in einem Zeitraum von 60 Jahren die Grenzverletzungen von 23 Tätern (18 Jesuiten, 5 weltliche Mitarbeiter) erlebt oder wahrgenommen haben. Frau Zinsmeister machte darauf aufmerksam, dass damit keinesfalls alle Vorkommnisse erfasst seien. Es müsse davon ausgegangen werden, dass sich viele betroffene Altschüler nicht gemeldet hätten.

Laut Frau Zinsmeister habe es unter den Grenzverletzungen sowohl körperliche Misshandlungen als auch Akte sexualisierter Gewalt (bis hin zu schwerem Missbrauch) gegeben, die auch nach den jeweiligen damaligen Gesetzeslage eindeutig strafbar gewesen seien. Auch entwürdigende Erziehungsmaßnahmen und Psychoterror dokumentiert der heute vorgestellte Bericht. Frau Zinsmeister gab an, dass bei den meisten Tätern, die Ordensleitung von derem problematischen Charakter gewusst habe. Auch ließe sich in zwei Fällen von gezielter Vertuschung reden. Ansonsten aber habe sich Schul- wie Ordensleitung oft so wenig für das Wohl der Kinder und Jugendlichen interessiert, dass eher von einem Gar-nicht-erst-Hinsehen, als von einem systematischen Wegsehen gesprochen werden müsse. Der Ruf der Schule und die Leistungen der einzelnen Täter hätten stets den Vorrang gehabt.

Provinzial Stefan Kiechle äußerte seine Betroffenheit und entschuldigte sich abermals im Namen des Ordens bei den Opfern für das angetane Leid. Auch sehe er ein schweres Versäumnis in dem Unstand, dass für den Orden der Ruf immer im Vordergrund stand. Anschließend rechnete Pater Kiechle vor, dass in sechs Jahrzehnten 245 Jesuiten am Aloisius-Kolleg gearbeitet hätten. Fünf davon würden nun „wegen sexualisierter Gewalt“ beschuldigt. „Ist das viel, ist es wenig?“, fragte Kiechle. „Jeder einzelne Fall ist schrecklich, und jeder einzelne ist zu viel“, gab er selbst die Antwort. Zur Frage einer Genugtuungszahlung sagte Kiechle, dass die Opfer nach einer Prüfung durch den Orden 5.000 Euro als „mehr symbolisches Zeichen der Anerkennung“ bekommen sollen.

Bei einer anschließenden zweiten Pressekonferenz, die der nicht auf das Podium geladene „Eckige Tisch Aloisiuskolleg“ veranstaltete, äußerte Sprecher Jürgen Repschläger, dass 5.000 Euro weder eine wirkliche Anerkennung für die Betroffenen noch eine für die Jesuiten schmerzhafte Sühne seien. Man sei bereit, sich mit den Jesuiten an einen Tisch zu setzen und sich positiv überraschen zu lassen. Bisher sei der Dialog leider sehr einseitig verlaufen. Jüngste Beispiele: Sowohl die Summe von 5.000 Euro als auch die Pressekonferenz seien ohne Mitsprachemöglichkeit der Betroffenen entschieden und der Öffentlichkeit präsentiert worden.

Von Lydia S.,  Ehefrau eines Betroffenen

5.000 Euro? Als Anerkennung für erlittenes Leid? Das will ich nicht gehört oder gelesen haben.

Beim ersten „Eckigen Tisch“ am 29. Mai 2010 zeigten sich die anwesenden Jesuiten erstaunt darüber, dass neben und hinter jedem Betroffenen Eltern, Partner und Partnerinnen und Kinder stehen. Sie hatten uns vergessen. Das war echt. Sie hatten einfach nicht nachgedacht.

Teilweise leben die Eltern nicht mehr oder die Partner / Partnerinnen haben sich getrennt. Die meisten Kinder der Betroffenen sind erwachsen. Es wäre interessant, sie über die Erfahrungen mit ihren missbrauchten Vätern zu befragen.

Hat einer sie angehört? Hat einer sich bei den Eltern und Partnern und Kindern entschuldigt? Ich nehme an, dass die Jesuiten uns alle in ihr Abendgebet einschließen. Aber vielleicht sollte ich sie daran erinnern, das zu tun?

Liebe Jesuiten, habt Ihr einmal durchgerechnet, wie viel ein Schulplatz an Euren Schulen die Eltern gekostet hat? Das Canisius-Kolleg war günstig, aber am Aloisiuskolleg und in St. Blasien haben die Eltern mehrere 10.000 DM bezahlt im Laufe der Schulzeit ihrer Kinder, die dort missbraucht wurden.

Manche der Schüler wurden der Schule verwiesen und zerbrachen daran, leben im Extremfall seit Jahren von Hartz IV. Manche wurden krank, drogenabhängig oder nahmen sich das Leben.

Manche Eltern mussten jahrelang viel Geld in ihre missbrauchten Jungs investieren, damit sie mit Hilfe von Therapien von Drogen loskamen oder weiterleben konnten.

Jede Einzelrechnung übersteigt die Zahl 5000.

Natürlich, diese Summe ist als Anerkennung gedacht.

Wenn ich mein Fahrrad zur Reparatur gebe und es dort geklaut wird oder beschädigt, erhalte ich zumindest den Wert dessen ersetzt, was da als Auftrag vorlag. Und dann könnte man noch über einen Blumenstrauß für den Ärger und den Aufwand nachdenken oder eine Entschuldigung.

Das ist ein einfaches Bild, finde ich.

Nun zu mir. Ich lebe seit vielen Jahren mit einem schwer erkrankten Betroffenen. Ob seine Krankheit eine Folge der Missbrauchserfahrungen ist, werde ich nie wissen. Jedoch ist mein Partner einer dieser mutigen Männer gewesen, die die Welt verändert haben. Die zunächst allein durch ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu treten, eine Lawine ins Rollen brachten, die uns seit einem Jahr mitreißt. Und ich warte noch auf den Moment, dass wir irgendwo langsamer werden, damit die Bergwacht endlich anfangen kann, uns zu befreien.

Mein Mann ist selbstständig und hat seine Arbeitskraft im vergangenen Jahr dem ‚Eckigen Tisch’ und den vielen Betroffenen geschenkt, die sich meldeten und den Kontakt brauchten. Es konnte nicht geschwiegen werden oder zur Tagesordnung übergegangen werden. Diese Menschen fanden im vergangenen Jahr die Kraft, sich zu offenbaren, fremden Männern ihre intimsten und schrecklichsten Geheimnisse zu erzählen. Mein Gott, da muss man reden. Selbst wenn sie es auch nur in Ansätzen gewollt hätte, dies konnte Frau Raue nicht leisten, geschweige denn, dass die Männer sie als Gesprächspartnerin wollten.

Mein Mann – unter anderen – konnte dieser Gesprächspartner sein. Das kostet bis heute Zeit und Kraft und ist notwendig und wichtig. Da haben wir nicht nachgedacht. Das musste sein. Wir schränkten uns ein und er tat, was getan werden musste.

Auch Matthias Katsch tat es. Im vergangenen Jahr wurde er das Gesicht an Stelle all der Betroffenen. Auch er hat das vergangene Jahr dem Ehrenamt gewidmet.

Ich merkte ja auch, welche Kraft diese unbändige Wut des jahrzehntelangen Schweigens freisetzte … durchwachte Nächte, Tage am Computer, Gespräche bis zum Morgengrauen. All die Betroffenen waren plötzlich bedürftig nach diesem Kontakt, dem Kontakt zu den anderen Betroffenen. Das war notwendig und wie Balsam auf ihre offenen Seelenwunden. Keiner konnte schlafen, bis heute nicht.

Es war und ist eine unglaubliche Zeit, aber wir sind pleite nach diesem Jahr. Und ich weiß nicht, wohin das noch führt.

Es wirkt banal, aber wir haben aus Not und Prinzip die Rechnung unserer langen gemeinsamen Paartherapie bei den Jesuiten eingereicht. Hätten wir damals gewartet, wir wären heute kein Paar mehr. Die Ursache unserer Paarprobleme waren eindeutig die Folgen der Missbrauchserfahrungen. In diesem verrückten Jahr könnten wir das Geld wirklich gebrauchen. Aber bislang denken die Jesuiten immer noch darüber nach, ob auch vergangener Therapiebedarf von ihnen ausgeglichen wird.

All die Menschen, die sich an runden Tischen treffen, können ihre Fahrtkosten abrechnen und diese Arbeit in ihrer bezahlten Arbeitszeit erledigen. Wie schön. Aber die eigentlichen Helden? Pech gehabt. Ehrenamt. Gottes Lohn.

Ich neige nicht zu Hysterie, ich bin eigentlich auch nicht unbedingt sarkastisch. Aber wenn ich das nicht schreiben könnte, würde ich platzen. Die Stimme ist mir fast versiegt.

Im Sommer habe ich darüber geschrieben, „welches Leben wir hätten leben können“, im Nachhinein noch einmal durchdacht.

Ja, liebe Jesuiten, was denkt Ihr eigentlich? Es gibt Mütter, deren Söhne nicht mehr mit ihnen sprechen. Es gibt Eltern von Betroffenen, die ihre Söhne für immer verloren haben. Da sind Väter von Betroffenen, die mit den Selbstvorwürfen nicht mehr ruhig schlafen, mit Not vom Amoklauf abgehalten wurden. Ehrlich!

Ehen stehen seit dem vergangenen Jahr auf dem Prüfstein, da die Männer mitgerissen wurden von einem Tsunami und Ehefrauen zum ersten Mal von dem Missbrauch ihrer Partner erfuhren. Kinder sprachen monatelang nicht mit ihren Vätern, da sie diese Offenbarungen nicht hören wollten. Dies zerstörte auch ihre junge heile Welt. Ganz zu schweigen von den Kindern, die selber wiederum auf der Schule des Missbrauchs ihrer Väter sind.

Es tut sich ein riesiges dunkles Loch vor mir auf. All das lässt sich keinesfalls irgendwie vergüten oder aufwiegen mit Geld. Das ist wahr. Aber ein klägliches Monatseinkommen für uns? Entschuldigung, aber da schüttelt es mich bei dem Gedanken. Was sollen wir mit 5.000 Euro? Vielleicht spenden, für die Präventionsarbeit an Jesuitenschulen? Ich weiß auch nicht. Das ist alles sehr bitter.

Ich möchte die Geschichten der Partner und Partnerinnen dokumentieren, ich möchte die Eltern hören. Wir sollten das veröffentlichen, damit der Täter-Orden und die Täterschutzorganisation katholische Kirche über das nachdenkt, was sie seit einem Jahr weiterhin tun: Sie verletzen mit jeder einzelnen Äußerung, die sie zu diesem Thema tätigen.

Schweigen Sie still und denken Sie nach! Denken Sie einfach einmal nach!

Lydia S.

PS: Ich freue mich über Reaktionen von Betroffenen und deren Angehörigen – entweder als Kommentar (für alle lesbar) oder an mich persönlich unter lydia@eckiger-tisch.de

Text zum Download

Im Blog des publik-forum analysiert Christoph Fleischmann unter der Überschrift Spin-Doctor Klaus Mertes: Schlechtes Angebot, gute Presse das jesuitische Angebot und die geschickte Politik der Jesuiten, die Medien zu nutzen, um ein schlechtes Angebot gut verkaufen zu können.

Das Angebot, so Fleischmann, verstößt gegen hohe theologische Ideale, die Klaus Mertes in seinem jüngsten Buch »Sein Leben hingeben« entwickelt hat; es entspricht auch nicht den Regeln des Basars des Aushandelns, die dann, so man eben der Sühneforderung der Opfer nicht nachgeben will oder kann, zur Anwendung kommen müssten.

Diesem Dilemma entziehen sich die Jesuiten durch das geschickte Auftreten ihres „Spin-Doctors“ Mertes.  Aber, so die Schlussfolgerung, einen Versöhnungsprozess […] kann man das nicht nennen.

Lesenswerter Kommentar, danke!