Am 18. September wird es ein zweites Treffen der Missbrauchsopfer mit den Verantwortlichen Jesuiten im Format des Eckigen Tischs geben. Dabei soll es auch um Hilfsangebote und die Frage der finanziellen Genugtuung gehen. Dazu und zu den Vergleichen mit anderen Opfergruppen hat sich Matthias Katsch seine Gedanken gemacht.
Als Reaktion auf diese Disskussion erhielten wir eine Betrachtung eines Betroffenen, dessen schulischen Karriere aufgrund des Missbrauchs beendet wurde. Dieser Beitrag erscheint auf Wunsch des uns bekannten Betroffenen ohne Namen: Wie viel ist genug?
Laut Berliner Zeitung hat der Rektor des Canisius-Kollegs Pater Klaus Mertes am Wochenende davon gesprochen, er sei für eine „symbolischen Genugtuung“, „wie bei den NS-Zwangsarbeitern“ – übersetzt heißt das wohl: erschreckend wenig Geld aber viel Symbolik.
In seinem Diskussionsbeitrag macht sich Rudolf Jekel Gedanken über Genugtuung, Sühne und Geld und berechnet, wie viel jeder Jesuit im Monat spenden müsste, um den Missbrauchsopfern in Deutschland, eine Zahlung auf diesem Niveau zu leisten.
Betroffene und Angehörige haben die Mög- lichkeit, bei der telefonischen Anlaufstelle der „Unabhängigen Beauftragten zur Aufar- beitung des sexuellen Kindesmissbrauchs“ (UBsKM) unter 0800 – 22 55 530 anonym ihre ganz persönlichen Berichte, Sicht- weisen und Forderungen vorzutragen. Alle Gespräche werden von den geschulten Mitarbeitern sorgfältig aufgenommen und ausführlich ausgewertet.
Auf diese Weise möchte die UBsKM sich ein detailliertes Bild von den verschiedenen Betroffenengruppierungen und ihren Wünschen unf Forderungen verschaffen, um diese Ergebnisse als Forderungen an den „Runden Tisch“ der Bundesregierung weiterzugeben. Dieser Runde Tisch tagt möglicherweise Ende September 2010 letztmalig.
Wir empfehlen daher allen Betroffenen und deren Angehörigen (PartnerIn, Ehefrau etc), ihre Meinung bei der UBsKM mitzuteilen!
Die Sprechzeiten unter 0800-22 55 530 sind montags von 08.00 Uhr bis 14.00 Uhr, dienstags, mittwochs, freitags von 16.00 Uhr bis 22.00 Uhr und sonntags von 14.00 Uhr bis 20.00 Uhr. Weiter Informationen hier.
Ein großer Wurf war angekündigt, heraus kam eine Selbstverständlichkeit. Künftig sollen alle Bistümer sich daran halten, bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch die staatlichen Behörden einzuschalten, anstatt in Eigenregie Ermittlungen und Verfahren zu führen. So weit waren die bayerischen Bischöfe schon im Frühjahr.
Auch an institutionellen Konsequenzen findet sich wenig wirklich Neues in den “verschärften” Leitlinien. Die kirchlichen Beauftragten für Missbrauch sollen nun nicht mehr der Bistumsleitung angehören. Niedrigschwellige Angebote sehen anders aus, man könnte zum Beispiel externe, unabhängige Ombudsmänner und -frauen beauftra- gen. Aber irgendwie soll die Öffentlichkeit dann doch nicht zu sehr in die Parallelgesellschaft “Katholische Kirche” rein gucken.
So wenig erhellend die Leitlinien, so enttäuschend das Statement zur Frage „Hilfe und finanzielle Genugtuung für die Opfer“. Immer noch gibt es keine eigenen Ideen und Vorschläge der Bischöfe, wie mit Hunderten von Missbrauchsopfern und ihren Angehörigen umgegan- gen werden soll. Wie stellt man sich unbürokratische Unterstützung vor? Wie sollte die finanzielle Entschädigung aussehen?
Nachdem die Ausrede mit den Sportvereinen nicht mehr so richtig zieht, schiebt man jetzt die Heimkinder vor. Weil man die ja seit Jahren im Regen stehen lässt, könne man ja jetzt nicht einfach schnell die Missbrauchsopfer an den Schulen entschädigen. Das wäre ja irgendwie ungerecht. Genau. Wie sieht’s denn mit der Verantwortung der Kirchen für die Opfer ihrer “Heimerziehung” aus? Bei dem Thema versagen die beiden großen Konfessionen ja seit Jahren in trauter ökumenischer Zweisamkeit.
Vertagen, verschieben und vertrösten – wie lange noch?
In einem ausführlichen Interview mit der Südwestpresse äußert sich Klaus Mertes zur Frage der finanziellen Genugtuung der Miss- brauchsopfer durch Kirche und Orden.
Ein Angebot der Bischöfe, „einen Master- plan“ für die verschiedenen Opfergruppen, namentlich auch die Heimkinder, erwartet er eher nicht. Möglicherweise müsse man nach dem „Trial-and-Error“-Prinzip vorangehen.
Christine Bergmann über Entschädigungs- zahlungen und das Warten auf den Runden Tisch: „Die Institutionen, die für den Missbrauch in ihren Reihen verantwortlich sind, könnten durchaus mit gutem Beispiel vorangehen, eigene Regeln für Entschädi- gungen aufstellen. Sie sagen, sie möchten auf den Vorschlag des runden Tisches warten. Ich antworte: Ihr müsst nicht auf uns warten. Geht vorweg.“
Das komplette Interview in der Süddeutschen Zeitung: „Was ich lese, übersteigt mein Vorstellungsvermögen“
Hier sind Links zur bisherigen Bericht- erstattung über un- ser Pressegespräch vom 26. Juli 2010 im Berliner Abgeordne- tenhaus, an dem etwa 30 Journalisten teilnahmen.
Die rbb-abendschau berichtete gestern, der Beitrag ist im Medienarchiv abrufbar. Ebenso zeigte tv.berlin einen Bericht.
Die Berliner Morgenpost hat inzwischen ihre Berichterstattung erweitert. In einem Kommentar wird unsere Forderung nach rascher Genugtuung gestärkt. Zusätzlich erschien ein umfangreiches Dossier zur Situation der katholischen Kirche in Berlin ein halbes Jahr nach dem Mertes-Brief.
Der Deutschlandfunk sendete am 28. 7. ein Interview mit Matthias Katsch und Stefan Dartmann. Dies steht als Audio-File und zum Nachlesen zur Verfügung.
Ein halbes Jahr ist es her, dass die Ver- öffentlichungen über die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg begannen. Viele Betroffene haben sich seitdem zu Wort gemeldet, sich organisiert und Druck auf- gebaut auf die Verantwortlichen, die vertuscht und verschwiegen und die Opfer vergessen haben. Vieles hat sich getan, vieles ist noch nicht erreicht. Unsere Forderung sind so aktuell wie am Eckigen Tisch Ende Mai: Aufklärung, Hilfe, Genugtuung.
Der Bilanz widmet sich auch die Presse. Wir kommen dem entgegen mit einem Pressegespräch am Montag in Berlin. Zusammen mit Andrea Fischer, die kürzlich ihren Bericht vorgelegt hat, und Jürgen Lemke werden Matthias Katsch und Thomas Weiner für die Gruppe „Eckiger Tisch“ zu der Frage Stellung beziehen, wie es jetzt weitergeht.
Auf der Webseite der Jesuiten und mit Presseerklärung des Provinzials wurde am 12. Juli der Bericht von Andrea Fischer zu den Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg sowie am St. Ansgar-Kolleg und am Kolleg St. Blasien veröffentlicht.
Der Titel dieses als Ergänzung des Raue-Berichts zu lesenden Dokuments lautet: „Die Verantwortung der Jesuiten in bestimmten Fällen von sexuellem Missbrauch durch Mitglieder des Orden„. Frau Fischer konzentriert sich auf die exemplarischen Täter Riedel und Statt, die als Pater Anton und Pater Bertram gekennzeichnet werden. Hier der Bericht:
Am Bonner Aloisiuskolleg arbeitet seit Juni ein neues Team von Ermittlerinnen. Prof. Julia Zinsmeister von der FH Köln, Rechtsanwältin Petra Ladenburger und die Psychotherapeutin Inge Mitlacher sollen die Aufklärungsarbeit weiterführen.
Der hoffnungsvolle Neuanfang wird getrübt durch die Tatsache, dass einige Betroffene und eine engagierte Journalistin inzwischen anwältliche Drohbriefe von einem Jesuiten erhalten haben. Einen Überblick über die ambivalente Situaion gibt dieser WDR-Bericht:
Am Sonntag dieser Woche ist Pater Ludger Stüper gestorben. Er war vier Jahrzehnte lang am Bonner Aloisiuskolleg in Bonn tätig und verließ das Gelände erst 2008. Er starb in einem Krankenhaus, wo er nach einem Sturz stationär behandelt worden war.
Zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen des jahrzehntelangen Missbrauchs von Schutzbefohlenen hat er öffentlich nie Stellung bezogen.
Vertreter des Bonner AKO wurden am Freitag, 2. Juli, zum Schulausschuss des Bonner Stadtrats eingeladen, um über ihre Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe zu berichten. In letzter Minute wurde beschlossen, die Sitzung öffentlich stattfinden zu lassen. Daher konnten auch einige Vertreter des ET Bonn teilnehmen – leider ohne selbst Rederecht zu bekommen. Ein Artikel im Generalanzeiger berichtet darüber: <http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=757447>
Der Eckige Tisch Bonn hofft nun auf eine Gelegenheit, dem Schulausschuss seine Sicht auf die Aufarbeitung am AKO mitteilen zu können.