Aufarbeitungsstudie zeigt das Ausmaß an sexualisierter Gewalt bei Pfadfinder*innen Sankt Georg
Gestern, am 05.02.2026 stellte das Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg (UMR) und der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ihre Aufarbeitungsstudie vor. Seit 2023 untersuchten die Forschenden das Vorkommen, die Hintergründe sexualisierter Gewalt sowie den Umgang damit in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG).
Die Studie stützt sich auf qualitative Interviews mit Betroffenen und Expert*innen, standardisierte Umfragen, Online-Erhebungen, Auswertung der Mitgliederdatenbank und sogenannte Ausschlussverfahren, wodurch mehrere hundert Datensätze und Fallakten ausgewertet wurden und dies durch historische Quellen ergänzt. Die Ausschlussverfahren beziehen vorwiegend auf die letzten 15 bis 20 Jahre, sodass eine recht große Lücke in der Aufarbeitung vor der Jahrtausendwende erkennbar ist.
Die Studienergebnisse zeigen, dass in über 90% der Fälle sind die beschuldigten Personen männlich, die mehrheitlich in Leitungspositionen sind und auch mehrheitlich älter als die Betroffenen sind. Die Studie benennt als Hauptrisikoorte Lager, Fest und Übernachtungen, da diese von Nähe bestimmt sind, fehlender Kontrolle und oft verbunden mit Alkoholkonsum.
Als spezifische Formen sexualisierter Gewalt benennen die Forschenden explizit Grooming, welches besonders häufig in der DPSG stattfindet und asymmetrische „Beziehungen“, bei den erwachsende männliche Gruppenleiter verschleiert durch Romantisierung sexualisierte Gewalt an meist weiblichen minderjährigen Mitgliedern ausüben. Dadurch erkennen Betroffene häufig diese Form von sexualisierter Gewalt später als diese an. Darüber hinaus wird auch sexualisierte Peergewalt in der Studie genannt.
Einzelne Interviews und Archivfunde liefern außerdem Hinweise auf organisierte Formen sexualisierter Gewalt. An Orten wie der Burg Balduinstein in Rheinland-Pfalz vernetzten und schützen sich Täter gegenseitig. Auch Warnungen vor diesen Orten waren scheinbar in der DPSG bekannt, aber wurden ignoriert.
Mangelnde Archivzugänge aus Seiten der katholischen Kirche
Die Forschenden hatten kaum Zugang zu Bistumsarchiven, weshalb sie weiterhin von einem großen Dunkelfeld weiterhin ausgehen.
In der Zusammenfassung der Forschungsergebnisse der Aufarbeitungsstudie beschreiben die Forschenden den erschwerten Aktenzugang folgendermaßen: „Aus den Einsichtnahmen werden sowohl verschiedene Potenziale als auch Problemlagen sichtbar, die aus der institutionell verflochtenen Bearbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt zwischen Verband und Kirche entstehen. Dabei ist erneut einschränkend zu betonen, dass nur ein Bruchteil der Interventionsstellen überhaupt Bereitschaft zur Einsichtnahme signalisiert hat und die zugänglichen Akten lediglich die letzten 10 bis 15 Jahre der Fallbearbeitung abbilden. Die beschriebenen positiven Effekte kirchlicher Beteiligung und das erkennbare Engagement können daher nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Zugleich kann die ausbleibende Kooperation der Mehrheit der Interventionsstellen durchaus als Hinweis auf ein gewisses Desinteresse an einer umfassenden Aufarbeitung gewertet werden“ (S.376)
Auch in der Pressekonferenz erläuterte Prof. Dr. Ludwig Stecher (Justus-Liebig-Universität Gießen), dass die katholische Kirche scheinbar ein geringes Interesse an der Aufarbeitung gezeigt hat und auch der Sitz der katholischen Kirche im Aufarbeitungsbeirat war in den Jahren des Forschungsprojektes nicht besetzt.
Der Beginn der Aufarbeitungsarbeit bei der DPSG ist spätestens seit dem Bekanntwerden des sogenannten Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche 2010 überfällig und eine konkrete Veränderung in der DPSG ist dringend notwendig, um in der Zukunft sexualisierte Gewalt zu verhindern.
Dafür plädiert auch Prof. Dr. Sabine Maschke (Universität Marburg) in der Pressekonferenz und erläutert dass eine „institutionell gewachsene Verantwortungslosigkeit“ vorliegt und daher ein externes Gremium notwendig ist, um die strukturellen Rahmenbedingungen, die sexualisierte Gewalt in der DPSG begünstigen zu evaluieren und Veränderung voranzutreiben.
Die vollständige Studie finden Sie hier: https://dpsg.de/de/die-ergebnisse-der-aufarbeitungsstudie
Präsentation des Forschungsteam: https://dpsg.de/sites/default/files/2026-02/praesentation_forschungsteam.pdf
Weitere Aufarbeitungsstudien bei Pfadfinder*innenverbänden
Bereits vergangene Woche, am 27.01.2026, hat das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) und das Institut für Bildung und Forschung dissens den Abschlussbericht „Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder seit 1973“ veröffentlicht. Dieser Bericht untersuchte Missbrauch im Versand Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) im Zeitraum 1973-2023.
Der Bericht ergab, dass mindestens 344 Betroffene. Ca. 60 % der Betroffenen sind weiblich und ca. 40% männlich. Zwei Drittel der Betroffenen waren bei Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahre alt. Mindestens 161 Täter (davon nur 3 weibliche Täterinnen) wurden in der Untersuchung ermittelt. Fast die Hälfte der Täter war zum Zeitpunkt der Taten zwischen 18 und 24 Jahre alt.
Den vollständigen Abschlussbericht finden Sie hier: Wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder seit 1973