Herbst-Vollversammlung in Fulda: Acht Jahre nach der MHG-Studie fehlt das Gesamtbild 

Eckiger Tisch fordert die Bischöfe auf, in Fulda eine unabhängige, bundesweite Gesamtauswertung aller Aufarbeitungsstudien zu beauftragen. Die Ergebnisse sollen bis zum zehnten Jahrestag der MHG-Studie 2028 vorliegen. 

Wenn die katholischen Bischöfe heute in Fulda zu ihrer Herbst-Vollversammlung zusammenkommen, steht auch die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs auf der Tagesordnung. Es ist die erste Herbst-Vollversammlung unter dem Vorsitz von Bischof Heiner Wilmer. Eckiger Tisch fordert die Bischöfe auf, diese Sitzung für eine klare Entscheidung zu nutzen. Acht Jahre nach der sogenannten MHG-Studie und sechs Jahre nach der Gemeinsamen Erklärung von Deutscher Bischofskonferenz und Unabhängiger Beauftragter liegen zahlreiche Studien aus einzelnen Bistümern vor. Ein Gesamtbild fehlt bis heute. 

„Nach sechs Jahren sehen wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr“, sagt Matthias Katsch, Sprecher von Eckiger Tisch. „Jede Studie hat ihren Auftrag anders angegangen. Die Ergebnisse sind nicht vergleichbar, es gibt keine gemeinsamen Schlussfolgerungen und keine belastbaren Gesamtzahlen. Wir wissen heute über einzelne Bistümer viel mehr als 2018. Über die Kirche in Deutschland insgesamt wissen wir kaum mehr.“ 

Die Bistümer melden fast doppelt so viele Betroffene 

Die MHG-Studie hatte 2018 vor allem Personalakten anonymisiert ausgewertet, ohne dass die Wissenschaftler selbst Aktenzugang hatten. Disziplinarakten, Sitzungsprotokolle, Korrespondenz und andere Unterlagen konnten die Forschenden ebenso wenig einsehen. Sie selbst haben ihre Zahlen deshalb als untere Grenze bezeichnet. Die Studien der Bistümer haben seitdem deutlich mehr Material ausgewertet und durchweg höhere Zahlen gefunden. 

Eine Umfrage des ARD-Magazins Fakt bei allen 27 Bistümern ergab im Februar 2026 mindestens 6.529 Betroffene und 2.848 Beschuldigte seit 1945. Die MHG-Studie hatte 3.677 Betroffene und 1.670 Beschuldigte gezählt. Die Bistümer selbst melden also inzwischen fast doppelt so viele Betroffene. Weil beide Erhebungen unterschiedlich zählen und keine das Dunkelfeld erfasst, lässt sich die tatsächliche Größenordnung daraus nicht verlässlich ablesen. Genau das soll eine unabhängige Gesamtauswertung leisten. 

Beispiel Aachen: Wer sucht, findet 

Wie sehr die Zahlen steigen, wenn ein Bistum aktiv nach Betroffenen sucht, zeigt Aachen. Die MHG-Studie wies 2018 für Aachen 86 Betroffene und 55 Beschuldigte aus. Heute kennt das Bistum 385 Betroffene und 149 Beschuldigte, darunter 135 Kleriker. Das sind rund viereinhalbmal so viele Betroffene und fast dreimal so viele Beschuldigte. Der größte Sprung kam nach der öffentlichen Nennung von Täternamen im Oktober 2023: Innerhalb eines Quartals stieg die Zahl der bekannten Betroffenen von 267 auf 336. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das in anderen Bistümern anders ist. 

Stand Anlass Betroffene Beschuldigte 
Sept. 2018 MHG-Studie (Personalakten und Anträge, 1934–2016) 86 55 
Nov. 2020 Unabhängiges Gutachten WSW (1965–2019) mind. 175 81 Kleriker 
2. Quartal 2023 Beginn der quartalsweisen Veröffentlichung 250 121 
3. Quartal 2023 Stand vor der Namensnennung 267 126 
Okt. 2023 Das Bistum veröffentlicht 53 Namen von Tätern und mutmaßlichen Tätern – – 
4. Quartal 2023 Stand nach der Namensnennung 336 142 
4. Quartal 2024 Zahlen des Bistums 377 149 
30. Juni 2025 Zahlen des Bistums 385 149 (135 Kleriker) 

Quellen: katholisch.de (25.09.2018), Gutachten Westpfahl Spilker Wastl (2020), Jahresbericht Aufarbeitung des Bistums Aachen (Juli 2025), bistum-aachen.de 

Was die Bischöfe in Fulda beschließen können 

  1. Eine bundesweite Gesamtauswertung beauftragen. Eine unabhängige wissenschaftliche Stelle soll alle Aufarbeitungsstudien der Bistümer und Orden vergleichend auswerten: mit Hochrechnungen für ganz Deutschland, einem Abgleich mit der MHG-Studie und gemeinsamen Schlussfolgerungen. Künftige Studien brauchen einheitliche Mindeststandards, damit ihre Ergebnisse vergleichbar werden. Die Ergebnisse sollen bis 2028 vorliegen und Grundlage für eine verbindliche Weiterentwicklung der Gemeinsamen Erklärung sein. 
  1. Aktiv nach Betroffenen suchen. Alle Bistümer sollen öffentlich zur Meldung aufrufen und, im rechtlich zulässigen Rahmen, Täter und mutmaßliche Täter benennen, wie Aachen es getan hat. Nur so wird das Hellfeld größer. 

Darüber hinaus bleibt Eckiger Tisch bei seinen Grundforderungen: eine gesetzlich verankerte, unabhängige Aufarbeitung, eine gerechte Entschädigung und der verbindliche Verzicht auf die Einrede der Verjährung. 

„Die Betroffenen haben ein Recht darauf zu erfahren, was insgesamt geschehen ist, und nicht nur Bistum für Bistum“, so Matthias Katsch. „Ohne dieses Gesamtbild kann es keine wirksame Prävention geben, und ohne Wissen gibt es keine Verantwortung.“ 

Veröffentlichte Aufarbeitungsstudien der Bistümer im Vergleich zur MHG-Studie 

Bistum Jahr Zeitraum Betroffene Beschuldigte 
Aachen 2020 1965–2019 mind. 175 81 
Berlin 2021 1946–2020 120 61 
Köln 2021 1975–2018 314 202 
München und Freising 2022 1945–2019 497 261 
Münster 2022 1945–2020 610 196 
Essen 2023 1958–2023 423 Fälle 201 
Mainz 2023 1945–2019 401 181 
Freiburg 2023 1946–2019 540 über 250 
Osnabrück 2024 1945–heute über 400 122 
Erfurt 2024* seit 1946 78 64 
Rottenburg-Stuttgart 2025* 1946–2024 454 241 
Würzburg 2025 1945–2019 226 51 
Speyer 2025* ab 1946 k. A. 150 
Fulda 2025 1945–2024 120 37 
Augsburg 2025 ca. 1948–2014 156 77 
Trier 2025* 1946–2021 734 246 
Passau 2025 1945–2022 672 154 
Paderborn 2026 1941–2002 489 210 
Hildesheim 2026* ab 1945 über 150 148 
MHG-Studie (bundesweit) 2018 1946–2014 3.677 1.670 
ARD-Fakt-Umfrage (27 Bistümer) 2026 seit 1945 mind. 6.529 2.848 

* Zwischenbericht, Jahresbericht oder Teilstudie. Alle Zahlen sind Mindestwerte ohne Dunkelfeld. Die Studien unterscheiden sich in Zeitraum, Methode und Tätergruppen, deshalb kann man ihre Zahlen nicht einfach addieren. Aus einigen Bistümern liegt noch keine Gesamtstudie vor, darunter Bamberg, Dresden-Meißen, Eichstätt, Görlitz, Hamburg, Magdeburg und Regensburg. Quellen: Veröffentlichungen der Bistümer und Forschungseinrichtungen, Presseberichte (tagesschau, NDR, BR, SZ, SR, katholisch.de).