Offener Brief einer brasilianischen betroffenen Person
Gegen den deutschen Bischof Bernhard Johannes Bahlmann des brasilianischen Bistums Óbidos stehen Vorwürfe von sexualisierter Gewalt, Machtmissbrauch, Einschüchterungen und Vertuschungen im Raum. Dazu erfahren Sie mehr in unserem Beitrag: Wohltäter – oder wohl Täter?
Obwohl bereits drei deutsche Hilfswerke die Förderung eingestellt haben, unterstützt das Bistum Würzburg, welches schon 2022 über die Anschuldigungen in Kenntnis gesetzt wurde, das Bistum Óbidos noch immer finanziell. Und während Betroffene in Brasilien auf taube Ohren stoßen, wird der beschuldigte Bischof vom Bistum Würzburg auf den Katholikentag eingeladen.
Die Lage in Brasilien ist besonders kritisch: Viele Betroffene sind in Sorge wegen multinationaler Bergbauunternehmen, die die Amazonasregion für ihre natürlichen Ressourcen ausbeuten und dort kriminelle Macht ausüben. Bischof Bahlmann soll für seine Nähe zu Bergbau- und Großunternehmen bekannt sein. Betroffene fürchten sich vor den Folgen, wenn sie sich gegen mächtige Akteure aussprechen.
In einem offenen Brief richtet sich eine betroffene Person in Brasilien an die Bischofskonferenz des Landes:
OFFENER BRIEF EINES/EINER BETROFFENEN
Während die Kirche ihre Bischofsversammlung abhält, verfolge ich die Themen, die dort diskutiert werden. Es geht um pastorale Strukturen, interne Organisation, Evangelisationsplanung, Verwaltung und institutionelle Entscheidungen.
Aber eines muss klar gesagt werden: Keines dieser Themen darf im Mittelpunkt der Kirche stehen, solange die Krise des sexuellen Missbrauchs und das Leid der Opfer nicht ernsthaft, öffentlich und unverzüglich angegangen werden.
Was man in dieser Versammlung sieht, ist die Fähigkeit, Tagesordnungen und administrative Prioritäten zu organisieren, aber nicht dieselbe Bereitschaft, sich mit der tiefsten und skandalösesten Wunde des gegenwärtigen kirchlichen Lebens auseinanderzusetzen.
Und das muss den Bischöfen ganz klar gesagt werden: Es gibt keine Neutralität, wenn das Leid der Opfer verharmlost, relativiert oder als nebensächlich behandelt wird.
Das Schweigen ihnen gegenüber ist kein Kavaliersdelikt. Es ist kein Kommunikationsfehler. Es ist eine konkrete Entscheidung. Und Entscheidungen, die in einer Bischofsversammlung getroffen werden, haben moralisches, historisches und pastorales Gewicht.
Meine Herren Bischöfe, man muss es ganz klar sagen: Man kann nicht von einer Kirche im missionarischen Aufbruch sprechen, solange die Wunde des Missbrauchs nicht im Mittelpunkt der Entscheidungen steht.
Man kann keine Reden über Gemeinschaft, Synodalität und Evangelisierung halten, wenn die Kirche nicht wirklich davon geprägt ist, den Betroffenen zuzuhören.
Das Problem ist nicht nur das, worüber in dieser Versammlung nicht gesprochen wird. Es ist das, womit man sich bewusst nicht auseinandersetzen will. Und das ist nicht abstrakt. Es ist konkret. Es handelt sich um konkrete Personen mit konkreten Verantwortlichkeiten in konkreten Entscheidungsgremien.
Es gibt Bischöfe in dieser Versammlung, die bereits direkten Kontakt zu Opfern hatten. Die bereits aufgesucht wurden. Die bereits Berichte gehört haben. Und die daraufhin nicht mit Zuhören, Offenheit und Verantwortung reagiert haben, sondern mit Schweigen, institutioneller Distanz oder Antworten, die den Schmerz derer, die bereits verletzt waren, noch vertieft haben.
Das darf nicht ignoriert werden. Und es darf nicht zur Normalität werden. Wenn kirchliche Autoritäten so handeln und weiterhin Führungspositionen bekleiden, ohne sich ernsthaft mit ihrer eigenen Haltung gegenüber den Betroffenen auseinanderzusetzen, vermittelt dies nicht nur pastorale Schwäche, sondern eine Glaubwürdigkeitskrise.
Meine Herren Bischöfe, es muss ausgesprochen werden, was viele vermeiden zu sagen: Es reicht nicht aus, Strukturen zu reformieren, wenn die Struktur weiterhin das Schweigen schützt. Es reicht nicht aus, von Gemeinschaft zu sprechen, wenn die Gemeinschaft die Betroffenen nicht einschließt. Es reicht nicht aus, vom Evangelium zu sprechen, wenn das Anhören des Leids weiterhin aufgeschoben wird.
Ich spreche nicht nur von meiner eigenen Geschichte. Ich spreche von einem gemeinsamen Leid. Von Berichten, die sich an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Kontexten und in unterschiedlicher Form wiederholen, aber in einem Punkt zusammenlaufen: der anhaltenden Schwierigkeit, gehört, anerkannt und mit der Ernsthaftigkeit behandelt zu werden, die die Schwere der Lage erfordert.
Es gibt Zeugenaussagen aus verschiedenen Ebenen der Kirche, die wiederkehrende Muster des Schweigens, unzureichende Reaktionen und in einigen Fällen erneute Viktimisierung bestätigen.
Es handelt sich nicht um Einzelfälle. Es handelt sich um eine Realität, die sich hartnäckig weigert, vollständig angegangen zu werden.
Die Welt schaut zu. Die Betroffenen schauen zu. Und auch die Geschichte schaut zu. Dieser Brief soll keine Debatte beenden. Er soll das Schweigen brechen.
Und er endet mit einer Feststellung, der sich diejenigen, die in dieser Versammlung Verantwortung tragen, nicht länger entziehen können: Es gibt keine Zukunft für eine Kirche, die sich der Wahrheit ihrer eigenen Opfer noch nicht gestellt hat.
Ein/e Betroffene/r im Namen aller Betroffenen!
Originalbrief in Spanisch: