CORRECTIV-Recherche „Akten des Missbrauchs“ bestätigt: Der Vatikan war an der Vertuschung von sexualisierter Gewalt beteiligt

Was die CORRECTIV-Recherche enthüllt
CORRECTIV hat am 19. März die Reportage „Akten des Missbrauchs“ sowie einen Folgeartikel mit weiteren Informationen veröffentlicht. Die Recherche zeigt deutlich: Der Vatikan hat sexuelle Übergriffe durch Priester über Jahrzehnte systematisch erfasst und verschwiegen. Die Dokumente belegen außerdem, dass Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI) mitverantwortlich für die Vertuschung etlicher Missbrauchsfälle war – darunter auch der Fall des Serientäters Peter H., der schließlich Andreas Perr missbrauchen sollte.
Die Untersuchung basiert auf insgesamt 25 Briefwechseln, die CORRECTIV in den Archiven des Vatikans gefunden hat und in welchen Bischöfe aus den USA, Italien, Kolumbien, Portugal, Australien, Österreich und Deutschland Fälle sexualisierter Gewalt gemeldet haben. Diese wurden von der zuständigen vatikanischen Behörde, der Glaubenskongregation (heute Dikasterium für die Glaubenslehre) mit Protokollnummern erfasst, systematisch aufbewahrt – und streng unter Verschluss gehalten.
Auf vielen der geheimen Briefe steht die Unterschrift des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Dieser war von 1982 bis 2005 Leiter der Glaubenskongregation und somit verantwortlich für den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt und Tätern. Die Straftaten wurden aber selten oder oft erst spät geahndet. In einigen Fällen wurden Bestrafungen wieder aufgehoben. So konnten weitere Taten begangen werden. In einem der Briefe nennt Ratzinger das Motiv für diese Vorgehensweise: das „Wohl der Gesamtkirche“ – Täterschutz, um Skandale zu vermeiden.
Zwar ist die Meldung sexueller Übergriffe an den Vatikan offiziell erst seit 2001 verpflichtend, doch bereits 1922 und 1962 wies die Glaubenskongregation Bischöfe an, schwere Fälle zu melden. Dokumente belegen zudem entsprechende Hinweise aus den 1970er- bis 1990er-Jahren. Sexualisierte Gewalt in der Kirche unterlag dabei lange dem päpstlichen Geheimnis, was erst 2019 durch Papst Franziskus aufgehoben wurde. Der Vatikan wusste also vermutlich seit Jahrzehnten von solchen Fällen – früher, als oft eingeräumt wird.
Therapie statt Haft für Andreas Perr
Der Fall Peter H. ist exemplarisch für das institutionelle Versagen: 1986 unterschrieb Ratzinger ein Schreiben, das dem bereits verurteilten Täter ermöglichte, seine seelsorgliche Tätigkeit fortzusetzen. Der Brief trug dabei keine Protokollnummer; der Fall wurde also nicht in den Akten angelegt. CORRECTIV ordnet den Vorgang als Teil einer systematischen Geheimhaltung ein.
Nach seiner Wiedereinsetzung in einer anderen Gemeinde beging der Priester weitere Übergriffe an Minderjährigen. Einer von ihnen war der damals elfjährige Andreas Perr, über den wir bereits im Dezember 2025 berichtet haben. Die Folgen des Traumas prägten sein Leben schwer. Wie bei vielen anderen Betroffenen wird der Zusammenhang von erlebtem Trauma und späterem Suchtverhalten als Bewältigungsstrategie, beispielsweise, um mit anhaltenden Albträumen umzugehen, noch immer zu wenig berücksichtigt. Peter H. setzte zudem Alkohol ein, um die Kinder zu gefügig zu machen, was ihre Suchtentwicklung begünstigte.
Heute sitzt Andreas Perr infolge von Verstößen im Zusammenhang mit einer Schmerzmittelbehandlung sowie Fahrens ohne Führerschein in Haft, wobei Haftbedingungen wie maximal zwei Besuche im Monat und mangelnde therapeutische Unterstützung zusätzlich eine enorme Belastung darstellen. Sein Täter hingegen kann strafrechtlich nicht mehr belangt werden und ist auf freiem Fuß. Diese Konstellation ist aus unserer Sicht Ausdruck struktureller Ungerechtigkeit: ein unerträgliches Missverhältnis von Verantwortung, Schuld und staatlicher Reaktion.
Eckiger Tisch, Wir Sind Kirche, und Initiative Sauerteig, die sich spezifisch mit der Aufarbeitung des Falles Peter H. beschäftigt, fordern erneut die Begnadigung von Andreas Perr. Statt weiterer Haft braucht er dringend eine konsequente therapeutische Unterstützung, insbesondere im Bereich Trauma, Sucht und Schmerzbewältigung. Ab April stünde ihm ein stationärer Therapieplatz zur Verfügung.
Verantwortung und Aufarbeitung
Die CORRECTIV-Recherche macht deutlich, dass die Aufarbeitung nicht an den Grenzen einzelner Bistümer enden darf. Wer Verbrechen verschweigt oder Täter schützt, trägt Mitverantwortung für das weitere Leid der Betroffenen.
Wir fordern deshalb außerdem die vollständige Öffnung der vatikanischen Archive für unabhängige Forschung sowie eine transparente und umfassende Aufarbeitung. Betroffene haben ein Recht auf Wahrheit, Anerkennung und Gerechtigkeit.
Premiere des zugehörigen Dokumentarfilms
Zusammen mit der Reportage hat CORRECTIV am 31.03. im Astra Theater in Essen auch einen gleichnamigen Film vorgestellt. Er begleitet den Betroffenen Markus Elstner, der seinem Täter nach 40 Jahren wieder begegnet und gibt Einblick in das Innenleben einer verschworenen Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche, deren Strukturen über Jahrzehnte Missbrauch ermöglicht haben.
Die Premiere war ausverkauft und das Filmteam erntete zum Abschluss anhaltenden Applaus. Der Film wird noch bis zum 15. Mai in verschiedenen Städten Deutschlands gezeigt werden.
