Mertes: “Genugtuung muss Täter schmerzen”

280110BBG114In einem ausführlichen Interview mit der Südwestpresse äußert sich Klaus Mertes zur Frage der finanziellen Genugtuung der Miss- brauchsopfer durch Kirche und Orden.

Ein Angebot der Bischöfe, “einen Master- plan” für die verschiedenen Opfergruppen, namentlich auch die Heimkinder, erwartet er eher nicht. Möglicherweise müsse man nach dem “Trial-and-Error”-Prinzip vorangehen.

Eckiger Tisch

5 comments

@ georg bohn :entschädigungszahlung als genugtuung = anzahl der leidensjahre in der betreffenden jesuitischen einrichtung , multipliziert mit den monatlichen ,damaligen kosten für den internatsplatz,das alles in euro, rechnerisch ist man da sehr schnell in fünfstelligen bereichen,wenn es denn “schmerzen soll “………. liebr herr mertes.

Frank Nordhausen

Berliner Zeitung vom Wochenende:

Canisius-Kolleg
Was geschah auf der “Burg”?

von Frank Nordhausen

Vor dem Hamburger Landgericht findet derzeit der erste und wahrscheinlich auch einzige Prozess um die sexuellen Missbrauchsfälle am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Tiergarten statt. Dabei geht es auch darum, ob ein weiterer Lehrer der Jesuitenschule von den Übergriffen wusste oder sogar in sie verwickelt war. Im Januar war bekannt geworden, dass Ordenspatres bis in die 80er-Jahre Schüler missbraucht hatten.

Ein Lehrer des Canisius-Kollegs klagt gegen die Berliner Zeitung: In einem Artikel über die sexuellen Übergriffe von Pater Peter R. in den 70er- und 80er-Jahren sei zu Unrecht behauptet worden, dass er von R.s Umtrieben “sicher gewusst” habe. Inzwischen haben drei Betroffene genau dies an Eides Statt bezeugt. Die drei Ehemaligen schildern in schriftlichen Erklärungen, dass sich der Lehrer häufig und auch am Wochenende in dem “MC-Burg” genannten Gebäude auf dem Schulgelände aufhielt, wo Peter R. sie beispielsweise aufforderte, vor ihm zu masturbieren. Ein Zeuge beeidet sogar, dass er den Lehrer 1981 persönlich mit den Vorwürfen gegen den Pater konfrontiert habe. “Der Lehrer hat damals gesagt, ich solle Reibungspunkte mit Pater R. vermeiden und mich nicht weiter mit der ,Problematik‘ befassen.” Der Canisius-Lehrer hat ebenfalls eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, in der er alle Vorwürfe gegen ihn bestreitet und von der Berliner Zeitung verlangt, die betreffenden Behauptungen nicht zu wiederholen. Im Juni hatte die Hamburger Kammer der Berliner Zeitung aufgetragen, ihre Darstellung noch zu präzisieren.

Zu dem Zeitpunkt waren bereits weitere Vorwürfe gegen den Lehrer bekannt geworden. Die Missbrauchsbeauftragte des Jesuitenordens, Ursula Raue, hatte die Anschuldigungen so ernst genommen, dass sie in ihrem im Mai vom Jesuitenorden veröffentlichten Gutachten über sexuellen Übergriffe an deutschen Jesuitenschulen fast eine ganze Seite über ihn schrieb. In Raues Gutachten heißt es, der Lehrer werde “sieben Mal genannt als jemand, der sich im nahen Umfeld” von Pater R. aufgehalten habe. “Alle Informanten sind der Meinung, dass (der) Lehrer gewusst habe oder zumindest hätte wissen müssen, was in der ,Burg‘ des Canisius-Kollegs vor sich ging.” Raue setzt hinzu, dass sie mit einer früheren Lehrerin des Kollegs gesprochen habe, die einmal in der MC-Burg zu Besuch gewesen sei und nichts von den Missbrauchspraktiken mitbekam. Raue folgert, die Zeugen müssten sich täuschen und auch der Lehrer habe “tatsächlich nicht gewusst, was sein Freund Pater (R.) in der ‘Burg’ mit den Jugendlichen machte”.

Doch Mitte Juli hat die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) in der Sache nachgelegt. Fischer hat im Auftrag des Jesuitenordens ein zweites Gutachten über die Übergriffe am Canisius-Kolleg erstellt. Darin zitiert sie ein Missbrauchsopfer, dass der betreffende Lehrer nicht nur an der Auswertung “intimer Fragebögen” beteiligt gewesen sei, sondern “gemeinsam mit Pater (R.) einen Jungen geschlagen und hinterher seinen Hintern mit Franzbranntwein eingerieben” habe. “Danach brüsteten sich beide öffentlich damit.” Als der Vater des Jungen Anzeige erstatten wollte, habe der Lehrer diesen “so unter Druck gesetzt, dass er keine Anzeige erstattete”. Laut Fischer hat der Lehrer auch diese Vorwürfe zwar schriftlich zurückgewiesen, ist aber bisher nicht juristisch dagegen vorgegangen, obwohl sie schwerer wiegen als jene in der Berliner Zeitung. Im übrigen gebe es viele Aussagen von Schülern am Canisius-Kolleg, die ihm unangemessene Annäherung unterstellen. Strafrechtlich sind die Vorgänge verjährt.

Überraschend hat der Canisius-Lehrer seinen Arbeitsvertrag nun gekündigt. Schulleiter Pater Klaus Mertes bestätigte dies ebenso wie ein bevorstehendes zweites Treffen des Jesuitenordens mit der Betroffeneninitiative “Eckiger Tisch” im September. Dabei werde es voraussichtlich um Entschädigungszahlungen gehen. “Ich spreche lieber von symbolischer Genugtuung und könnte mir eine Regelung wie bei den NS-Zwangsarbeitern vorstellen”, sagte Mertes.

Berliner Zeitung, 04.09.2010

Wenn ein Jesuit sich auf den Schlips getreten fühlt, drohen deren Anwälte mit 75.000 Euro Klage. Sie lassen ihre Mit-Brüder nicht fallen. Und die Opfer ihrer Mit-Brüder? Wenn ein beleidigter Mit-Bruder 75.000 wert ist, was ist dann ein Missbrauchsopfer wert?

Manche Täter und Mitwisser scheinen allerdings schmerzfrei zu sein und sich realitätstechnisch in einem Paralleluniversum zu befinden..

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