Sieben Fragen und drei Forderungen

IHS

Zu Ostern schrieb eine Gruppe von Betroffenen aus den ehemals vier Jesuiten-Schulen in Berlin, Bonn, Hamburg und St. Blasien an die Jesuiten in Deutschland, die sich in der Woche nach Ostern zu ihrer Jahrestagung trafen. In dem Schreiben werden konkrete Fragen und Forderungen formuliert.

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UPDATE: Eine Antwort des Provinzials liegt seit heute vor. Das Schreiben enthält u.a. ein Gesprächs- angebot und erklärt die Bereitschaft, sich den Fragen zu stellen.

Der im Original namentlich gezeichnete Brief, dem sich weitere Betroffene angeschlossen haben,  wird im folgenden dokumentiert. Wer sich den Fragen und Forderungen inhaltlich  anschließen bzw. diese unterstützen möchte,  kann dies gerne über die Kommentarfunktion tun.

An die Jesuiten in Deutschland

Da Sie in diesen Tagen zusammengekommen sind, um im Vorfeld des Osterfestes wohl auch über die Ereignisse der letzten acht Wochen nachzudenken, schreiben wir Ihnen diesen Brief.

Bisher verweigern Sie sich aus unserer Sicht einer direkten Auseinandersetzung mit den Opfern an den Jesuiten-Einrichtungen in Deutschland. Stattdessen verweisen Sie auf die Missbrauchsbeauftragte des Ordens.

Die Fragen, die wir an Sie haben, können uns jedoch durch keine Ombudsfrau beantwortet werden.

Wir fragen Sie konkret:

  1. Sind Sie bereit anzuerkennen, dass nicht nur einzelne aus Ihrer Gemeinschaft als unmittelbare Täter an uns schuldig geworden sind, sondern dass sie als Institution versagt haben und Schuld auf sich geladen haben?
  2. Erkennen Sie an, dass die Oberen Ihres Ordens, die über Jahre und Jahrzehnte Täter von einer Einrichtung zur nächsten weitergereicht haben, selbst wiederum eingebunden waren und als Teil eines Systems handelten, dass nur an den Interessen der Täter ausgerichtet war?
  3. Sehen Sie den größeren Rahmen, in dem Taten und Vertuschungsmaßnahmen standen, und der mit dem Begriff „kirchliche Sexualmoral“ umschrieben werden kann? Denn erst diese konkreten Rahmenbedingungen ermöglichten so ausgedehnte Taten.
  4. Ist Ihnen bewußt, dass für ihre Institution nicht nur in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren, sondern auch in den Jahrzehnten danach immer nur das Interesse der Täter von Bedeutung war und sie die Opfer dabei völlig vergessen haben?
  5. Erkennen Sie an, dass viele − wenn nicht die meisten von uns − nicht zu Opfern hätten werden müssen, wenn ihre Institutionen und die handelnden Personen nicht so schmählich versagt hätten?
  6. Verstehen Sie, dass es uns schmerzt, wenn jetzt sofort an die Prävention gedacht wird, und die konkreten Menschen, die den Mut gefasst haben, sich dem Leid in ihrem Leben zu stellen, wieder vergessen werden?
  7. Die Jesuiten folgen bei ihrer Arbeit einer Option für die Armen: Wollen sie die konkreten Betroffenen vor Ihren Türen betteln und bitten lassen?

Wenn Sie diese Fragen für sich beantwortet haben, dann sind wir gewiss, dass Sie bereit sein werden, auf unsere Forderungen einzugehen:

  • Öffnen Sie ihre Archive, gestatten Sie unabhängigen Personen die Nachforschung, um Taten, Täter und Unterstützer zu benennen und die Strukturen offenzulegen, in denen die Taten geschahen! Wirken Sie an der Aufklärung mit und erlauben Sie Aufklärung!
  • Bieten Sie uns heute konkrete Unterstützung an. Erklären Sie sich bereit, die Kosten für eventuelle Behandlungen und Therapien zu übernehmen.
  • Und schließlich: Wir erwarten ein Angebot für eine angemessenes finanzielle Genugtuung. Überzeugen Sie uns, dass ihre Bitten um Vergebung ernst gemeint sind. Bußwerke können kein Unrecht ungeschehen machen, sie können nur beitragen, die Wunden zu heilen.

Um Ihre Antworten zu hören, werden wir Sie in den kommenden Wochen zu einem Gespräch an einen Tisch einladen, der allerdings nicht rund sein wird.

Ostern 2010

Matthias Katsch * Thomas Weiner * Matthias Jost * T.N. * A. S. * Christian Georg Thibault * T. Z.

sowie weitere Unterzeichner:

Ronald H. * Marcello Moschetti * Mathias Bubel * A. J. * Robert Schulle * T.R. * Prof. Dr.Gernot Lucas * Stephan Lobert * Anselm Neft

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Eckiger Tisch

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»Ich war ein Täter!«
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»An die Jesuiten in Deutschland« ist der Brief überschrieben, den sieben Männer namentlich unterzeichnet haben, die als Kinder alle Missbrauchsopfer an Einrichtungen der Jesuiten geworden sind. Worte der Entschuldigung genügen ihnen nicht mehr, aus ihren Zeilen spricht Zorn. »Bisher verweigern Sie sich einer direkten Auseinandersetzung mit den Opfern«, schreiben sie. »Stattdessen verweisen Sie auf die Missbrauchsbeauftragte des Ordens. Die Fragen, die wir an Sie haben, können uns jedoch durch keine Ombudsfrau beantwortet werden.« Es folgen sieben Fragen, die sieben Anklagen sind: »Sind Sie bereit anzuerkennen, dass…?« – »Ist Ihnen bewusst, dass…?« – »Verstehen Sie, dass…?«

Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17, Seite 60

http://www.zeit.de/2010/17/Jesuiten?page=1

Autor: Patrik Schwarz

http://community.zeit.de/user/patrik-schwarz

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