Gloria, Regensburg und die Domspatzen.

Von Matthias Katsch,
Sprecher ECKIGER TISCH, Betroffener Canisius-Kolleg, Mitglied im Betroffenenrat (Fachgremium beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung) und Ständiger Gast in der Aufarbeitungskommission,  zu den Äußerungen von Frau Gloria Fürstin von Thurn und Taxis. 21.07.2017,

http://www.br.de/nachrichten/oberpfalz/inhalt/gloria-von-thurn-und-taxis-missbrauch-regensburg-domspatzen-100.html

 

In dem Oskar gekrönten Spielfilm Spotlight von 2015 wird eine alte Volksweisheit abgewandelt: “if it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one” – “Wenn es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, dann braucht es auch das Dorf um eines zu missbrauchen.“

Dieser Satz, im Film gemünzt auf Boston, trifft auch auf Regensburg zu.

Die Witwe eines der reichsten Männer Deutschlands und einflussreichste Frau Regensburgs hat das gerade wieder unter Beweis gestellt: Nicht wahrhaben wollen, relativieren, verleugnen, die Opfer zu Tätern machen. So wird man als Gemeinschaft mitschuldig am Leiden von Kindern.

Die 57Jährige betont, in ihrer Jugend seien Schläge ein ganz normales pädagogisches Mittel gewesen, um „mit frechen Kindern, wie ich eines war, fertig zu werden.“ Gloria betonte auch, sie fände es unfair, heutige Maßstäbe auf frühere Dekaden anzuwenden. „Das geht nicht. Die Welt hat sich verändert.“

Das ist falsch. Die Zeiten mögen sich geändert haben. Aber auch schon vor vierzig Jahren war schwere Körperverletzung, Folter, Erniedrigung und sexuelle Gewalt gegen Kinder strafbar. Und es geht auch nicht darum, dass man mit besonders frechen Kinder „fertigwerden“ musste. Hier wird die Schuld an der Gewalttat dem Opfer zugeschoben, so wie man dem vergewaltigten Kind sagen würde, „ja hättest halt nicht so unschuldig geschaut“.

Im Abschlussbericht, der jetzt vorgelegt wurde, geht es nicht um gelegentliche Kopfnüsse oder Ohrfeigen, die noch bis 1980 in Bayern in der Kindererziehung erlaubt waren, sondern um systematische Gewalt gegen Kinder vergleichbar einem Straflager. Die Gewalt bei den Regensburger Domspatzen hatte System. Darum geht es.

Und gegen brutale Vergewaltigungen von Grundschülern helfen auch keine Ermahnungen der Eltern, vor alle wenn man im Internat lebt. Hier waren die Kinder den Tätern Tag und Nacht ausgeliefert, ohne Hoffnung auf Entkommen. Wie kann man über dieses Elend derart gefühllos hinweggehen?

Mit ihren Bemerkungen, mit denen sie wohl ihre Solidarität mit dem Ex-Bischof und Ex-Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Ludwig Müller unter Beweis stellen wollte, – auch einer der nicht wahrhaben wollte – hat die Vorzeige-Katholikin sich als empathie- und verständnislos entlarvt.

Der Jesuitenpater Hans Zollner, der selbst aus Regensburg stammt und heute in Rom an der Päpstlichen Universität ein Kinderschutzprojekt für die Weltkirche betreibt, äußerte sich in diesen Tagen nach der Veröffentlichung des Berichts über die Täter. Dies seien Menschen gewesen, „die vor lauter Ehrgeiz, den Chor zu einer Weltinstitution im musikalischen Bereich zu machen, jedes Mittel eingesetzt haben; die eine sadistische Ader hatten“.

Zum Versagen des Umfelds in Regensburg gehört nach seinen Worten: „dass man über Jahre und Jahrzehnte nicht hingeschaut hat.“ Und weiter: „Ich erinnere mich selber, dass in meiner Kindheit zwei meiner Schulkameraden zu den Domspatzen – nicht in die Vorschulen, aber aufs Domgymnasium gegangen waren. Sie erzählten auch mir, dass sie geschlagen worden waren. Diese Dinge wussten wir. Aber heute ist unvorstellbar, dass damals niemand etwas getan hat, um das zu unterbinden. Dass nichts getan wurde, auch nicht von den Eltern, von denen einige davon hätten wissen können, und von der Direktion oder der Kirchenleitung.“

Viele müssen damals etwas mitbekommen haben. Vielen hätten es wissen können.

Wie sieht es heute mit den anderen Honoratioren und Vertretern von Stadt und Gesellschaft in Regensburg aus, die sich im Glanz des weltberühmten Chores gesonnt haben? Wo sind die Solidaritätsadressen für das Leid der Kinder in der Renommiereinrichtung der Stadt, wo sind die Entschuldigungen fürs Nicht-Wahrhaben wollen und Weggucken über viele Jahrzehnte?

Werden wenigstens jetzt die ehemaligen Opfer angemessen gewürdigt, die unter hohem Einsatz und gegen heftigste Widerstände seit mehr als sieben Jahren um die Aufklärung der systematischen Verbrechen an dieser Regensburger Institution gekämpft haben? Wird Ihnen der Verdienstmedaille der Stadt oder des Landes angeboten? Werden sie von den heutigen Eltern dafür gefeiert, dass sie mit ihrem unermüdlichen Einsatz die Kinder in den Einrichtungen in einem der berühmtesten Knabenchöre der Welt sicherer gemacht haben?

Und noch ein Satz zu dem hohen Kunstgenuss, der all das wert war: All die Tränen, das Blut, die Verzweiflung von Kindern über Generationen: Mir wird übel, wenn ich die „engelsgleichen“ Knabenstimmen höre. Denn ich muss zugleich daran denken, wie die Katholische Kirche bis Mitte des 19. Jahrhunderts um der Kunst willen – und um weiterhin Frauen ausschließen zu können – Knaben mit besonders schöner Stimme kastrieren ließ, um den hellen Klang auch nach der Pubertät zu bewahren. Vielleicht ist es an der Zeit, dass man sich auch in Regensburg von der Zeit der reinen Knabenanstalt verabschiedet.

Die Stadt und ihre Bürger, die Katholiken in Regensburg und darüber hinaus schulden den Opfern und ihren Vertretern nicht nur Hilfe und Genugtuung, sondern Dank und Anerkennung. Relativierende Schmähreden von adligen Damen haben sie nicht verdient

„Zeugenaussagen gesucht“

Auch das Erzbistum Berlin starte einen neuen Versuch, die Verbrechen des vormaligen Pater Riedel am Berliner Canisius Kolleg mit den Mitteln des Kirchenrechts aufzuklären. Dazu wird ein eigenes Kirchengericht eingesetzt, dass ein „ordentliches Verfahren“ gegen Riedel führen soll.

Hier der Link zur Seite des Berliner Kirchengerichts (Konsistorium): http://www.erzbistumberlin.de/wir-sind/konsistorium/

 

Hier der Text der dort veröffentlichten Erklärung:

„Der Priester und ehemalige Jesuitenpater Peter R. wurde von zahlreichen Personen, deren Namen dem Kirchengericht nicht bekannt sind, beschuldigt, sie als Minderjährige in den Jahren von 1970-1988 sexuell missbraucht zu haben.

Das kirchliche Gericht im Erzbistum Berlin, das sog. Konsistorium, hat im Namen und im Auftrag der Glaubenskongregation ein Verfahren gegen den Beschuldigten eingeleitet.

Zur Erstellung einer Klageschrift benötigt der kirchliche Anwalt, dem weltlichen Recht vergleichbar, belastbare und zuordbare Aussagen von Zeugen und Betroffenen.

Da es bislang nicht gelungen ist, die vorliegenden anonymisierten Zeugenaussagen konkreten Personen zuzuordnen, sucht das Kirchengericht nach Zeugen, die bereit und in der Lage sind, eine konkrete Aussagen zu machen, bzw. sich eine vorliegende Aussage zuordnen lassen.

Wir bitten mögliche Zeugen sich zu melden beim

Konsistorium des Erzbistums Berlin
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
Tel.: (030) 30 67 38-0
Fax: (030) 30 67 38-19
E-Mail: Konsistoriumerzbistumberlin.de

Absolute Vertraulichkeit ist selbstverständlich zugesichert. Das Konsistorium wird auch über den Verlauf des Verfahrens, die handelnden Personen, etc. umfassend Auskunft gegeben.

Weihbischof Domkapitular Dr. Matthias Heinrich leitet als Bischofsvikar und Offizial das Konsistorium.

Für Auskünfte und die Vereinbarung von Beratungsterminen können Interessierte sich gern an das Sekretariat des Konsistoriums wenden.

Im Konsistorium steht außerdem eine Fachstelle „Kirchenrecht“ für Beratung in kirchenrechtlichen Angelegenheiten zur Verfügung. Leiter ist Konsistorialrat Dr. Achim Faber.“

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Auch dieses Vorhaben unterstützen wir. Wir werden uns dazu von einem Anwalt für Kirchenrecht beraten und unterstützen lassen.

Aufruf an Betroffene in Hildesheim

Im Bistum Hildesheim hat das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) jetzt einen Aufruf an Betroffene gestartet, sich zu melden. Konkret geht es um Menschen, die sexualisierte Übergriffe durch den früheren Hildesheimer katholischen Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988) oder den pensionierten Priester und früheren Jesuitenpater Peter Riedel erlitten haben. Der Aufruf richtet sich auch ausdrücklich an Menschen,  die Kenntnisse über solche Vorfälle haben.

Nach seiner Zeit als Jugendseelsorger und Religionslehrer am Berliner Canisius Kolleg von 1970 bis 1982 war Riedel von seinem Orden nach Göttingen abgeschoben worden, nachdem sich Jugendliche mit Missbrauchsvorwürfen an die Verantwortlichen des Ordens gewandt hatten.  Dennoch arbeitete Riedel in Göttigen von 1982 bis 1989 als Dekanatsjugendseelsorger – bis es auch dort zu Vorwürfen gegen ihn kam und er wiederum versetzt werden musste.

Anschließend war er bis 1997 als Pfarrer in der Gemeinde Guter Hirte in Hildesheim tätig, danach bis 1998 in Sankt Christophorus in Wolfsburg und schließlich bis 2003 in Sankt Maximilian Kolbe in Hannover, wo er schließlich früh pensioniert wurde. Seit dem lebt er im Ruhestand in Berlin.

 

ECKIGER TISCH unterstützt dieses Vorhaben. Wir haben die uns bekannten Fakten dem Institut zur Verfügung gestellt.

 

Hier der Aufruf des IPP: 20170320_HH_Aufruf_WebsiteIPP

Jesuiten legen „Zwischenbericht“ vor

Die deutschen Jesuiten haben einen als „Zwischenbericht“ titulierte Übersicht über die ihnen und ihren Beauftragten seit 2010 angezeigten Fälle von sexuellem Missbrauch vorgelegt, der uns einem der beiden Beauftragten des Ordens Marek Spitcok von Brisinki übermittelt wurde.

Hier geht es zu dem Text als PDF zum Download : Zwischenbericht Meldungen – 30.05.2016.

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Dazu passt der Kommentar von Matthias Katsch zur schleppenden Aufarbeitung in der Katholischen Kirche, der von der Tageszeitung taz anlässlich des Leipziger Katholikentages ebenfalls am 30. Mai veröffentlicht wurde – fast auf den Tag sechs Jahre nach dem ersten Treffen am Eckigen Tisch in Berlin:

Ehrliche Reue sieht anders aus

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Kommentar von Matthias Katsch

Zum vierten Mal nach 2010 das Thema sexueller Kindesmissbrauch auf der Agenda eines Katholikentags in Deutschland. Und obwohl es bei der Versammlung der katholischen Laienorganisationen in Leipzig durchaus einige Veranstaltungen zur Thematik gab, erscheint es, dass sexuelle Gewalt vor allem als zu bewältigendes Einzelschicksal präsent ist. Auch in Leipzig wird so die Chance verpasst, endlich die systematischen Ursachen der zahlreichen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen, Heimen, Schulen und Pfarreien zu besprechen.

Wie sieht es mit der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Jungen und Mädchen in der Kirche aus?

Ein Gesamtbild für Deutschland gibt es nicht, soll es wohl auch nicht geben. Die von den Bischöfen beauftragten Wissenschaftler werden erst im nächsten Jahr erste Berichte vorlegen. Die dabei genutzte Auswertung der von einigen Bistümern zur Verfügung gestellten Akten kann dabei schon jetzt getrost als gescheitert angesehen werden, weil sie wenig verwunderlich wenig neues zu den zentralen Fragen beitragen können: Wie viele Täter haben in den letzten Jahrzehnten in welchen Einrichtungen wie viele Jungen und Mädchen zu Opfern gemacht, wie groß ist dabei wissenschaftlich plausibel das Dunkelfeld? Wo liegen die Ursachen für die regelrechten Täterkarrieren und die zahlreichen Serientaten? Welche Mechanismen haben an der Verschleierung und dem Verschweigen mitgewirkt. Wer waren die Verantwortlichen? Welche Risikofaktoren lassen sich daraus für die heutigen Institutionen ableiten? Und durch welche Maßnahmen organisatorischer und institutioneller Art lassen sich diese Risiken reduzieren oder neutralisieren?

Diesen Fragen wird beharrlich ausgewichen.

Auch wenn inzwischen flächendeckend Präventionsprogramm ausgerollt werden und das Thema sexueller Kindesmissbrauch damit vordergründig auf der Agenda angekommen ist, so wird die Ernsthaftigkeit zugleich dementiert, wenn Bischöfe, die im Umgang mit übergriffigen und verbrecherisch handelnden Priestern versagt haben weiterhin im Amt bleiben. Dass gar an der Spitze in Rom als Verantwortlicher für alle Missbrauchsfälle weltweit ausgerechnet ein Kardinal steht, der in seiner Amtszeit als Bischof von Regensburg alles getan hat, um die Aufarbeitung von Missbrauch zu behindern, ist ein fortdauernder Skandal. Erst nach dem Weggang von Kardinal Müller beginnt endlich die lange überfällige Auseinandersetzung mit dem Missbrauchs- und Gewaltsystem in den Einrichtungen der Regensburger Domspatzen.

Andernorts wurden Berichte über Täter und ihre Taten erhoben. Doch über das Zählen der Opfer, die sich gemeldet haben hinaus, geschah wenig, um das Verständnis für die eigenen institutionellen Ursachen zum Beispiel bei den Jesuitenschulen, die 2010 der Ausgangspunkt der Aufdeckungswelle waren, zu erhöhen. Wissenschaftliche Analyse, Auswertung und Einordnung stehen noch aus.

Einrichtungen, die gute, wissenschaftlich fundierte Berichte erstellt haben, wie das Kloster Ettal tun sich bis heute schwer, diese der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wieder anderen Bistümer haben bis heute keine Berichte vorgelegt.

Die Frage der Entschädigung wartet immer noch auf eine befriedigende Lösung. Die von den deutschen Bistümern über die Köpfe der Betroffenen hinweg dekretierte „Anerkennungszahlung“ ist es nicht. Auch hier setzt sich die bekannte Intransparenz im Antragsverfahren fort. Bis heute muss jede oder jeder, der wissen will, wie viele Opfer sich bei der Kirche gemeldet haben, wie viele eine Anerkennungszahlung aktuell beantragt haben, wie viele Hilfen beantragen, die Zahlen mühsam zusammensuchen.

Die versprochenen schnellen unbürokratischen Hilfen wurden in Einzelfällen gewährt, die Beteiligung am staatlich organisierten ergänzenden Hilfesystem EHS blieb fast unbekannt und wirkungslos.

Es wird aber auch für die Zukunft Hilfen für die Opfer benötigt. Dazu muss ein Weg gefunden werden, diese in Anspruch nehmen zu können, ohne unnötig mit der Institution der Täter in Kontakt zu können. Vielleicht kann eine Stiftung, ein Opfergenesungswerk, diese Aufgabe in der Zukunft übernehmen.

Der Umgang mit den Betroffenen der eigenen Institution ist nicht nur bei der Kirche immer noch von Ängstlichkeit und Abwehr geprägt. Ein offener Austausch mit Vertretern von Opfern wird immer noch verweigert.

Stattdessen werden die eigenen Anstrengungen für die Prävention hervorgehoben. Wie frustrierend diese neue kirchliche Rolle als Vorbilder der Prävention von den Opfern erlebt wird, stellt man sich wohl kaum vor. Eine von den Opfern immer wieder angebotene Einbindung in die kirchlichen Initiativen zum Kinderschutz heute hat ganz überwiegend nicht stattgefunden.

Die Fragen nach den systemischen Ursachen und damit nach den Risikofaktoren der eigenen Institution werden auch auf dem Katholikentag in Leipzig nur am Rande gestellt oder finden im Alternativprogramm der Laienorganisation Wir sind Kirche statt:

Die Überhöhung des männlichen Priesters und der damit verbundene männerbündische Klerikalismus; die Ausgrenzung und Abwertung der Frauen, die verbal geschätzt werden aber von aller Macht ausgeschlossenen sind; die leibfeindliche Moral und das dunkle Verständnis von Sexualität, die geradezu zwanghafte Fixierung auf die Sünde im Sexuellen; die durch die nichtlebbaren Vorschriften zur Sexualität von Priestern und Laien erzeugte permanente Doppelmoral. Die mangelnde Transparenz und Klarheit bei innerkirchlichen Vorgängen, bei der Entscheidungsfindung und Personalauswahl.

Dies alles sind Themen, die die Lehre und die Organisationsform der katholischen Kirche betreffen und denen sich die Verantwortlichen nicht stellen wollen.

Damit dementieren sie aber zugleich ihre zentrale Beteuerung, man habe aus dem Skandal gelernt und wahlweise „die Opfer“ oder die „Kinder“ stünden nun im Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns.

Ehrliche Reue sieht anders aus. Eine wirkliche Entschuldigung bei den Opfern, die von diesen angenommen werden kann, verbunden mit dem Willen zur Wiedergutmachung, hat es nicht gegeben. Der sogenannte Bußakt der Bischöfe von 2012 war an Gott gerichtet, nicht an die vor dem Dom in Paderborn versammelten Heimkinder und von Missbrauchsopfer.

Wirksame Aufarbeitung muss dreierlei leisten: erheben was war, die Ursachen für das Geschehene offenlegen und den Opfern Anerkennung vermitteln. Alles drei ist bislang bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland nicht gelungen.

Ist die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der Kirche damit gescheitert? Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die staatlicherseits eingesetzte Unabhängige Aufarbeitungskommission wird sicher wichtige Impulse liefern. Aber die Kirche und ihre Mitglieder müssen es auch selber wollen.  Vielleicht beim nächsten Katholikentreffen.

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmisbrauchs geht an den Start

AAUFARBEITUNGSKOMMISSIONuf einer Pressekonferenz in Berlin am 3. Mai 2016 stellte die zum Jahresanfang benannte Aufarbeitungskommission ihr Arbeitsprogramm für die kommende Zeit vor. Die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen erläuterte, auf welchen Wegen Betroffene sich an die Kommission wenden können. Ab sofort können Betroffene sich bei der Kommission mit ihrer Geschichte melden:

https://www.aufarbeitungskommission.de/

Hier der Text der Pressemitteilung: PM_Aufarbeitungskommission-startet-Anhörungen-in-2016.

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Bundespressekonferenz_20x13_300dpiBei der Pressekonferenz hat Matthias Katsch, Sprecher von ECKIGER TISCH, Mitglied im Betroffenenrat und ständiger Gast in der Unabhängigen Kommission folgendes Statement gegeben:

„Ich bin sehr froh, dass diese Kommission heute an den Start geht.  Wir als Betroffene und ich ganz persönlich haben lange dafür gekämpft. Denn sexueller Missbrauch ist kein privates Schicksal, sondern ein andauernder institutioneller und gesellschaftlicher Skandal!

Als ich im Januar 2010 dem Leiter meiner alten Schule davon berichtete, dass es an dieser katholischen Vorzeigeinstitution hier mitten in Berlin vermutlich eine dreistellige Zahl von Opfern sexuellen Missbrauchs gegeben hatte, geschah dies, damit auch die vermuteten Leidensgefährten die Chance erhielten zu erfahren, dass sie nicht alleine gewesen waren. Wir wollten sie anschreiben und ermutigen, ihr Schweigen zu brechen, aus der Überzeugung, dass dies eine befreiende Wirkung haben kann.

Die Botschaft dieser Kommission heute hier verstehe ich so: Diesmal wollen wir es wirklich wissen!

Wir wollen in die dunkelsten Ecken gucken, auch in Bereiche, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Wir wollen die Verantwortlichen benennen, die Strukturen und Bedingungen aufdecken, unter denen Kinder und Jugendliche, Jungen und Mädchen in diesem Land sexuelle Gewalt erlitten haben und immer noch erleiden.

In dem Film Spotlight fiel kürzlich der Satz: Wenn es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, braucht es auch ein ganzes Dorf, um Kinder zu missbrauchen.

Das heißt: Sexueller Missbrauch geschieht immer in einem Umfeld, in einem Zusammenhang: familiär, institutionell, gesellschaftlich.

Auf institutioneller Ebene stellt Aufarbeitung daher eine besondere Herausforderung dar für alle Bildungs- und Betreuungseinrichtungen,

  • in denen Jungen und Mädchen Opfer wurden.
  • in denen Erwachsene vielfach davon Kenntnis erlangten und nicht oder nicht angemessen reagiert haben,
  • und schließlich für jene Institutionen, in denen sogar aktiv dazu beigetragen wurde, dass die Taten solange unentdeckt blieben.

Institutionelle Aufarbeitung ist bislang nur sehr punktuell geschehen.  Vielfach haben wir nicht einmal belastbare Zahlen zu Tätern und Opfern.  Verantwortung wurde nicht übernommen, Strukturen nicht verändert. Opfer warten immer noch auf Anerkennung. Hier erwarte ich wichtige Impulse von der Arbeit der Kommission

Auf gesellschaftlicher Ebenen geht es darum zu klären,  weshalb über Jahrzehnte – in Ost wie West – diese Verbrechen an weitgehend ignoriert und auf Meldungen von Opfern nur unzureichend reagiert wurde. Diesen Schleier aus Wahrnehmungsverweigerung und Passivität müssen wir durchbrechen!

Sexueller Missbrauch ist keine abgeschlossene Geschichte aus ferner Zeit. Die Kommission muss – wenn möglich – jenen Kindern und Jugendlichen, die heute diese Erfahrungen machen müssen – und das sind zehntausende jedes Jahr – signalisieren, dass wir als Gesellschaft zuhören wollen und bereit sind, sie zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten. Dazu müssen wir alle miteinander sprachfähiger in Bezug auf sexuelle Gewalt werden, damit die Tabuisierung endet und Opfer sich an uns wenden können, um gehört zu werden.“

“If it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse them”

spotlight-2015-directed-by-tom-mccarthy-movie-review2We feel happy and proud today. Thank you to SNAP, to Phil Saviano and all the brave survivors.

Thank you to the Spotlight team at Boston Globe and all the journalist working on this topic throughout all these years – around the world and here in Germany too.

And thank you to these wonderful actors: Michael Keaton, Mark Rufallo, Rachel McAdams, Liev Schreiber and Stanley Tucci.

 

 

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Eine Kritik des Films hier:
http://www.spiegel.de/kultur/kino/spotlight-von-tom-mccarthy-die-unbestechlichen-a-1078838.html

Nach Oscar für Spotlight: Missbrauchsbetroffene des Aloisiuskollegs fordern deutsche Medien zu mehr Mut und „Dranbleiben“ auf!

Berlin/Bonn, 29.02.2016. Anlässlich der Verleihung des Academy Awards „bester Film“ an SPOTLIGHT fordert der ECKIGE TISCH BONN – Verein Geschädigter des Aloisiuskollegs e.V. die deutschen Medien zu Mut bei der Berichterstattung und Recherche über die historischen (und aktuellen?) Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auf.

Man habe, so die Betroffenen, in den letzten Jahren nach dem Bekanntwerden der Skandale zunehmend den Eindruck gewonnen, die Medienlandschaft habe das Thema und dessen historische Aufarbeitung in der Breite aus den Augen verloren. Hinzu käme, dass sich die Kirchen mit dem medial bislang nicht öffentlich überprüften Präventionsversprechen auch als Aufklärer in eigener Sache in Stellung gebracht hätten. Dass letzteres nicht funktioniere zeigte leuchtturmhaft die jüngste Berichterstattung rund um die Personalien im Bistum Hildesheim.

Der Jesuitenorden z.B. habe noch keine unabhängige Untersuchung der Missbrauchssystematiken und des Versagens im gesamten (deutschen) Orden vorgelegt. Omnipräsente Protagonisten fänden in den Medien statt, die Komplizen der Täter hätten sich im Orden eingerichtet und würden mittelbar und unmittelbar gedeckt – bis heute.

So wie am Aloisiuskolleg gäbe es überall vor Ort Betroffene, die „oscarreife“ Skandale und Ungeheuerlichkeiten vor, während und vor allem nach den eigentlichen Missbrauchstaten zu berichten wüssten und die noch nicht öffentlich erzählt wurden. Das sei aber wichtig, damit der systemische Aspekt und Hintergründe von Missbrauch in der Gesellschaft diskutiert werden können. Die Meinungshoheit z.B. zum Ausmaß der Aufarbeitung und Entschädigung, dürfe nicht einseitig den Kirchen überlassen werden. Das passiere aber, wenn man nur über dem Skandal (Missbrauchstaten) berichte und nicht am Thema dranbleibe.

Bei der Beschäftigung mit der 40 jährigen Missbrauchsgeschichte des Bonner Aloisiuskollegs habe man nur wenige standhafte Journalistinnen und Journalisten kennengelernt, die das Thema auch lokal und entgegen vieler Widerstände bis heute beleuchten. Das wünschen sich die Missbrauchsbetroffenen von der deutschen Presse, der sie vertrauen: Bringen Sie Licht in die deutsche Missbrauchsgeschichte. Fragen Sie die Betroffenen vor Ort, die kennen die dunklen Stellen.

http://eckiger-tisch-bonn.de/

„Unabhängige Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch“ benannt

Die nationale Kommission zur Aufarbeitung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist berufen worden. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, gab am Dienstag die Namen der sieben Kommissionsmitglieder bekannt. Der Bundestag hatte sich im vergangenen Sommer für die Einrichtung einer solchen Aufarbeitungskommission ausgesprochen.

Die Einrichtung der Kommission ist ein historischer Schritt. Weltweit einzigartig ist dabei die Einbeziehung familiären Missbrauchs in den Untersuchungsauftrag. ECKIGER TISCH hat seit 2012 immer wieder die Schaffung einer nationalen, unabhängigen Aufarbeitungskommission gefordert und durch seinen Sprecher Matthias Katsch auch aktiv an der Konzeption des jetzt eingerichteten Gremiums mitgewirkt.

Wir begrüßen die Einsetzung der Kommission und hoffen, dass hierdurch das Ausmaß, die Verantwortlichkeiten und die strukturellen Ursachen von sexueller Gewalt in kirchlichen Einrichtungen aufgedeckt werden. Dazu sind aber auch weiterhin unabhängige Ermittlungen vor Ort notwendig, wie der Fall Regensburg gerade sehr deutlich macht. Auch im Falle des Serientäters Riedel und des Bistums Hildesheim wäre ein solcher Schritt angebracht, um Verantwortlichkeiten aufzudecken.

Nur im Zusammenwirken von Ermittlungen vor Ort und nationaler Aufarbeitung kann es gelingen, die vielen dunklen Ecken in der Gesellschaft endlich aufzuhellen, in denen Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt wurden und werden.

Die Mitglieder der „Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch“, v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Prof. Dr. Jens Brachmann, Brigitte Tilmann, Prof. Dr. Sabine Andresen (Vorsitzende der Kommission), Prof. Dr. Peer Briken, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr. Heiner Keupp ©Christine Fenzl
Die Mitglieder der „Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch“, v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Prof. Dr. Jens Brachmann, Brigitte Tilmann, Prof. Dr. Sabine Andresen (Vorsitzende der Kommission), Prof. Dr. Peer Briken, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr. Heiner Keupp ©Christine Fenzl

 

Bistum Hildesheim will unabhängigen Gutachter einsetzen

Wie heute nachmittag mitgeteilt wurde, sucht das Bistum Hildesheim einen unabhängigen Gutachter, der den Umgang des Bistums mit den Missbrauchsvorwürfen gegen den Ex-Jesuit Peter Riedel in seiner Zeit als Gemeindepfarrer untersuchen soll.

„Der Gutachter soll auch den Auftrag erhalten, zu überprüfen, ob es möglicherweise weitere Fälle des sexuellen Missbrauchs durch R. in der Diözese gegeben hat“, heißt es weiter.

Hier der Link zur Seite des Bistums: http://www.bistum-hildesheim.de/bho/dcms/sites/bistum/nachrichten/nachrichten.html?f_action=show&f_newsitem_id=24697

Wir sind gespannt – auch wenn die Gewichtung der Aufgabenstellung eigentlich andersherum lauten müsste: mögliche weitere Fälle aufklären, den Opfern eine Anlaufmöglichkeit und Hilfe anzubieten. In dem Zusammenhang sind dann auch Verantwortlichkeiten zu klären, wie sich das Bistum in der Vergangenheit verhalten hat: wer wusste wann was… usw. Bis hin zur Frage einer angemessenen Entschädigung.

Dabei sollten auch die Jesuiten nicht aus der Verantwortung gelassen werden. Die Umstände, unter denen er den Orden verließ, wer informierte wen (der Orden das Bistum oder umgekehrt, oder gar nicht?) über die Vergangenheit des Peter Riedel in Berlin, die Vorgänge an der Göttinger Jesuitenpfarrei usw. -auch das gehört zu einer umfassenden Untersuchung dazu.

Jedenfalls eine gute Nachricht zum 6. Jahrestag der Veröffentlichungen über die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg, die eine Wende im Umgang mit sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland brachte. Und auch für uns die Bestätigung, dass es sich lohnt hartnäckig dran zu bleiben.