„Die nackte Ohnmacht“

Beitrag von Ebba Hagenberg-Miliu

Am Bonner Aloisiuskolleg mussten sich Schüler entblößen, ein Pater fotografierte sie. Die Bilder gelten nicht als pornografisch, doch sie schmerzen noch nach Jahrzehnten.

… weiterlesen in Christ & Welt vom 27.02.2014

unheiliger berg

Am 19. März wird das Buch „Unheiliger Berg – Das Bonner Aloisiuskolleg der Jesuiten und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals“ erscheinen.

Dieses Buch ist ein Baustein für das Projekt einer ge­samtgesellschaftlichen Aufarbeitung der Gewalt gegen Kinder und des Missbrauchs von Kindern.  Matthias Katsch, ECKIGER TISCH

Presseerklärung: „Vergesst die Opfer nicht!“

In diesen Tagen wird die Bundesrepublik von einem Skandal erschüttert, bei dem es um den Konsum von mutmaßlich kinderpornographischen Material durch einen prominenten Politiker geht, sowie die Art und Weise, wie die Ermittlungsbehörden und die Politik mit diesem Verdacht umgegangen sind und umgehen. Die vielen Hundert Kinder, die für die Erstellung dieses „Materials“ in ihrer Menschenwürde verletzt oder sexuell missbraucht wurden, spielen leider keine Rolle mehr.         weiterlesen

Vor vier Jahren – am 28. Januar 2010 – wurden die Missbrauchsfälle bekannt …

… was machen heute eigentlich die Täter von damals?

WOLFGANG STATT
(früher: „Pater Wolfgang Statt SJ“, auch bekannt als: „Padre Volfi“ oder „Joaquin Statt“)

WAS IM JANUAR 2010 BEKANNT WURDE
Wolfgang Statt hat seit den 1960er Jahren mehr als dreißig Jahre lang in Deutschland, Spanien und Chile nach eigenen Angaben „mehrere hundert“ Kinder und Jugendliche missbraucht.

Im Februar 2010 hatte sich Statt zunächst in der deutschen Presse mit Interviews  und Statements in eigener Sache zu Wort gemeldet und seinen Umzug nach Deutschland angekündigt. Am 9. Februar 2010 dementierte der Sprecher des deutschen Jesuitenordens in Chile (aber nicht in Deutschland) mit einer Pressemitteilung in spanischer Sprache, dass es in Deutschland Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Statt gebe. Statt nahm dann von seiner geplanten Übersiedlung nach Deutschland Abstand und hat sich seitdem nicht mehr öffentlich geäußert.

Wolfgang Statt bezieht seit Februar 2010 eine Pension von seinem letzten Arbeitgeber, dem katholischen „Kolpingwerk Deutschland“ mit Sitz in Köln, in dessen Auftrag er als Lateinamerika-Beauftragter über viele Jahre den Kontinent bereiste. Das Kolpingwerk hat stets erklärt, von der die Vergangenheit des Ex-Paters nichts zu wissen, während der Jesuitenorden versicherte, man habe das Kolpingwerk informiert.

STAND JANUAR 2014
Wolfgang Statt nennt sich heute „Joaquin Statt“, er hat sich einen langen Bart wachsen lassen und lebt unbehelligt mit seiner Familie in der chilenischen Stadt Arica.

Fazit: Weder die katholische Kirche noch der Jesuitenorden haben Wolfgang Statt bis heute für seine Taten zur Verantwortung gezogen.

*****

PETER RIEDEL
(früher: „Pater Peter Riedel SJ“, „Pfarrer Peter Riedel“)

WAS IM JANUAR 2010 BEKANNT WURDE
Als Jesuitenpater hat Riedel über viele Jahre hinweg Kinder und Jugendliche missbraucht. Wie viele Betroffene es gibt, wissen wir nicht. Der Orden hat seit dreieinhalb Jahren keine aktuellen Zahlen mehr vorgelegt, wie viele Betroffene sich gemeldet haben. Die Missbrauchsbeauftragte des Ordens Ursula Raue hatte im Mai 2010 von 41 Betroffenen des Missbrauchs durch Riedel (Pseudonym: „Pater Anton“) berichtet. Tatsächlich ist von mindestens 100 Betroffenen auszugehen, wie auch Pater Klaus Mertes zuletzt im Dezember 2013 in einem Interview mit dem NDR erklärte.

Riedel missbrauchte zunächst etwa zehn Jahre lang als Leiter der Jugendarbeit am Berliner Canisius-Kolleg Dutzende von Jungen. Nachdem Jugendliche 1982 in einem Brief an den Orden auf ihre Not aufmerksam gemacht hatten, wurde Riedel stillschweigend nach Göttingen versetzt. Dort arbeitete Riedel wieder mit Jugendlichen. Nach erneuten Missbrauchsvorwürfen auch dort verließ er den Jesuitenorden und betreute dann als Pfarrer nacheinander Gemeinden in Hildesheim, Wolfsburg und Hannover. Nachdem es auch an diesen Orten zu Missbrauchsfällen gekommen war, wurde er schließlich 2003 vorzeitig, aber in Ehren pensioniert. Riedel lebt seitdem in Berlin in einer Wohnung im bürgerlichen Stadtteil Lichterfelde. Über Riedel gibt es außerdem Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Frauen in Mexiko und in Südamerika, wo er auch nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle zeitweilig untertauchte.

STAND JANUAR 2014
Im Januar 2014 wurde durch Recherche einer engagierten Journalistin bekannt, dass ein geheimes „Kirchengericht“ bereits Ende 2013 Peter Riedel „bestraft“ hat: Er darf das Priesteramt nicht mehr ausüben und muss 4.000 Euro Geldstrafe bezahlen. Verhandelt wurde lediglich ein einziger Fall des Missbrauchs (an einem Mädchen) aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer im Bistum Hildesheim. Riedels zahlreichen Missbrauchstaten am Canisius-Kolleg waren nicht Gegenstand des Verfahrens. Das „Urteil“ wurde vom Bistum bislang nicht veröffentlicht. Die Betroffenen des Missbrauchs von Peter Riedel wurden über das Verfahren sowie über das Ergebnis nicht informiert.

Fazit: Mit diesem Urteilsspruch zu einem Einzelfall ist für die katholische Kirche die Aufarbeitung der Missbrauchstaten von Peter Riedel offenbar abgeschlossen.

*****

Das ist der Stand der Dinge vier Jahre nach der Bekanntmachung der Missbrauchsfälle durch Betroffene: Den Tätern geht es gut. Die Kirche fühlt sich als Vorreiter bei der Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Und die Opfer können sehen, wo sie bleiben.

Zum Urteil des geheimen „Kirchengerichts“ gegen Peter Riedel

Gegen Peter Riedel, den ehemaligen Jesuiten und Leiter der Jugend­arbeit am Canisius-Kolleg von 1971 bis 1982 wurde nach Presseberichten durch das sog. „Kirchengericht“ des Erzbistums Berlin ein Urteil gefällt – aber nicht wegen des vielfachen Missbrauch von Jungen in dieser Zeit – Schätzungen gehen von über 100 Fällen aus, gemeldet haben sich ab 2010 etwa 60 Betroffene – sondern wegen eines einzelnen Falles aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer im Bistum Hildesheim. Dorthin wurde Riedel 1982 „entsorgt“, nachdem Jugend­liche in einem Brief an den Orden auf ihre Not aufmerksam gemacht hatten.

Im Bistum Hildesheim betreute Riedel nacheinander Gemeinden in Göttingen, Hildesheim und Hannover. Nach erneuten Missbrauchs­vorwürfen auch dort verließ er den Jesitenorden und wurde schließlich 2004 in Ehren pensioniert.

Dieses Urteil und der Umgang der Kirche mit ihrem Priester ist beschämend und empörend. Natürlich ist es gut, dass es überhaupt ein Urteil gibt, da Riedel seine Taten stets geleugnet hat. Die Taten am Canisius-Kolleg wurden jedoch gar nicht berücksichtigt. Die Opfer von Peter Riedel wurden nicht von dem Verfahren informiert und ihnen keine Gelegenheit gegeben, mitzuwirken und angehört zu werden.

Eine lächerliche Strafe –
Wir fordern Null-Toleranz bei Missbrauchspriestern!

Das Urteil empfinden wir als sehr milde. Der Ausschluss vom Priester­dienst ist keine Strafe, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wir fordern von der Kirche in Deutschland endlich die Umsetzung der sogar vom Papst empfohlenen Null-Toleranz-Praxis für Priester, denen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird, und das sofortige Ende ihrer priesterlichen Tätigkeit ab dem ersten Fall. Vorreiter sind hier die Bistümer in den Vereinigten Staaten.

Die Geldstrafe von 4000 Euro für einen einzelnen Fall ist in der Höhe möglicher­weise auch vor weltlichen Gerichten leider ein üblicher niedriger Satz. Finanziell tut ihm das sicher nicht weh. Denn als Gemeindepfarrer dürfte er eine sehr hohe Pension erhalten. Wirklich beurteilen können wir dies jedoch nicht, weil weder das Urteil noch der Fall, über den geurteilt wurde, bekannt sind.

Unangemessene Heimlichkeit – Wir fordern Transparenz!

Wir kritisieren die Heimlichkeit und Intransparenz, mit der dieses Verfahren geführt wurde. Unter dem Deckmantel des Opferschutzes wurde ermittelt und geurteilt – von wem auch immer. Wir fordern von der Kirche, dass sie selbst das Verfahren erklärt und das Urteil selbst öffentlich macht. Wir bitten Presse und Öffent­lichkeit, darauf zu drängen, dass diese unwürdige Praxis von Geheimprozessen einem nachvollziehbaren Verfahren Platz macht.

Leider müssen wir auch im Jahr vier bitten und fordern. Wann geht die Kirche endlich einmal pro-aktiv auf die Menschen zu? Wann werden die Akten der Kirche endlich für unabhängige Untersuchungen geöffnet? Wir fordern nicht nur in Deutschland sondern auch in Rom ein Umdenken. Auch dort lagern viele Akten über Missbrauchsfälle in Deutschland. Auch diese müssen zugänglich gemacht werden.

Matthias Katsch

Sprecher Eckiger Tisch

16. Januar 2014

 

Weitere Informationen:

SPIEGEL ONLINE: „Das ist beschämend“

Deutschlandradio Kultur:
„Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe“

SPIEGEL ONLINE: Kirchengericht verurteilt Jesuitenpater

Deutschlandradio: Kirchengericht verurteilt Jesuitenpater

Nach dem Scheitern der Selbst-Aufarbeitung: ECKIGER TISCH fordert erneut unabhängige Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der Katholischen Kirche

UAMKK

Seit drei Jahren fordern wir eine nachhaltige Aufarbeitung der zahlreichen Missbrauchsfälle in Einrichtungen der Katholischen Kirche. Weder der Runde Tisch noch die von der Kirche selbst in Auftrag gegebenen Studien haben dies bisher leisten können.

Jetzt wird es Zeit, dass die Öffentlichkeit, das heißt das Parlament, das Thema in die Hand nimmt.

Pressemitteilung vom 9. Januar 2013

 

 

ECKIGER TISCH fordert die zeitnahe Einrichtung einer „Unabhängigen Untersuchungs- und Anlaufstelle für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche (UAMKK)“

UAMKK

Pressemitteilung

1. Zwei Jahre nach den ersten Veröffentlichungen liegen noch immer keinerlei detaillierte Zahlen und Informationen über das Ausmaß der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland vor.

Dass es auch anders geht, hat das Vorgehen in den Niederlanden gezeigt. Hier wurde im Dezember 2011 das Ergebnis der so genannten Deetman-Komission veröffentlicht. Diese unabhängige Untersuchung kam zum Ergebnis, dass etwa 10.000 bis 20.000 Menschen zwischen 1945 und 1981 in den Niederlanden von Missbrauch in katholischen Institutionen betroffen waren. 800 Täter sind dort bisher identifiziert worden.

Diese Untersuchung im kleinen Nachbarland hat das erschreckende Ausmaß institutionellen Versagens beim sexuellen Missbrauch im Bereich der katholischen Kirche konkret deutlich gemacht. In der Konsequenz wurden Entschädigungssummen zwischen 25.000 und 100.000 Euro empfohlen.

2. Die Betroffenen der katholischen Kirche werden von Politik und Gesellschaft allein gelassen mit „ihrer“ Täter-Institution.

Das Vorgehen in den Niederlanden führt gleichzeitig vor Augen, in welcher fachlich und menschlich absolut inakzeptablen Situation sich die Missbrauchsbetroffenen aus katholischen Institutionen in Deutschland befinden: Da es keine unabhängige Anlaufstelle gibt, müssen sie sich an die Institution selbst – also die katholische Kirche – wenden, um Ihre Anliegen zu formulieren. Es handelt sich hierbei um dieselbe Institution, die bis zum Januar 2010 vorsätzlich jegliche Thematisierung, Aufdeckung, Aufarbeitung oder gar Hilfen für die Betroffenen verhindert hat.

3. Daher fordert ECKIGER TISCH die zeitnahe Einrichtung einer „Unabhängigen Untersuchungs- und Anlaufstelle für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche (UAMKK)“.

Die Betroffenen sollen hier erstmals Gelegenheit haben, konkrete Angaben zu ihrem Missbrauch zu machen. Diese biografischen Einzelschicksale sollen wissenschaftlich ausgewertet werden. Die konkreten Angaben der Betroffenen – auch Angaben zu den Tätern – sollen systematisch gesammelt und ausgewertet werden. In einer Dunkelfeldstudie soll untersucht werden, welches zahlenmäßige Ausmaß die Missbrauchsfälle in Deutschland hatten. Ein detailliertes Konzept für diese Anlaufstelle ist in Arbeit (siehe Grafik). Dass es bei dieser notwendigen Aufarbeitung nicht nur um die ferne Vergangenheit geht, zeigen beispielhaft die aktuellen Vorgänge um das Bonner Aloisiuskolleg der Jesuiten, die bis heute für Schlagzeilen sorgen.

4. Die im vergangenen Jahr von der katholischen Kirche einseitig festgelegte Anerkennungsprämie für die Missbrauchstaten ihrer Priester von „bis zu 5.000 Euro“ ersetzt keine echte Entschädigung, die auf der Grundlage der unabhängigen Untersuchung festgelegt werden sollte.

Auf Grundlage der unabhängigen Untersuchungsergebnisse muss über eine angemessene Entschädigung für den zugefügten Schaden gesprochen werden. Ein solches Vorgehen entspräche dem vom Runden Tisch Kindesmissbrauch in seinem Abschlussbericht empfohlenen Verfahren – im Unterschied zur einseitigen und willkürlichen Festsetzung eines Betrags durch die betroffene Institution.

Viele der Betroffenen haben wohl auch deshalb darauf verzichtet, sich bisher dem würdelosen und traumatisierenden Antragsverfahren der katholischen Kirche in Deutschland zur Erlangung der „Missbrauchsprämie“ auszusetzen.

5. Die Betroffenen des ECKIGEN TISCHES wiederholen ihren Vorschlag der Einrichtung einer Art „Opfergenesungswerk“ für Betroffene sexuellen Missbrauchs. Denn bis heute gibt es – mit Ausnahme des öffentlichen Gesundheitssystems – keine spezifischen Hilfsangebote für die Betroffenen. Für weitere Hilfen müssen die Betroffenen wiederum mit der Institution in Kontakt zu treten, die zuvor an ihnen „das zweite Verbrechen“ des Vertuschens und Verheimlichens verübt hat.

In Ergänzung zur Arbeit der zu schaffenden „Unabhängigen Untersuchungs- und Anlaufstelle Missbrauch in der Katholischen Kirche (UAMKK)“ soll dieses Opfergenesungswerk gerade den langjährigen Betroffenen von sexueller Gewalt Unterstützung bei der Bewältigung des Traumas bieten, Hilfen vermitteln sowie in Ergänzung der etablierten Hilfesysteme Coaching und Begleitung bei der Lebensbewältigung anbieten.

Das Opfergenesungswerk sollte co-finanziert werden von den Institutionen, in denen Kinder nicht ausreichend geschützt waren und Täter zu lange gedeckt wurden. Eine Zusammenarbeit mit anerkannten Fachstellen und Experten für die Folgen von sexuellem Missbrauch an Kindern soll eine hohe fachliche Qualität sicherstellen.

6. Wie es uns heute geht

Die Missbrauchsbetroffenen der katholischen Kirche haben vor zwei Jahren die intensive Debatte zum Missbrauch in Institutionen und darüber hinaus in Gang gesetzt. Im Zuge dieser breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung wurden die Opfer von Missbrauch im familiären Bereich endlich angemessener wahrgenommen. Wir sind sehr froh, dazu beigetragen zu haben. Seitdem ist viel über Prävention und für die Zukunft debattiert und beschlossen worden.

Doch die Anliegen der vielen tausenden Betroffenen im Bereich der katholischen Kirche, deren mutiges Durchbrechen des von der Kirche jahrzehntelang beförderten Schweigens der Auslöser für diese Debatte war, sind dabei in den Hintergrund gerückt. Stattdessen prägen die Interpretationen der Vertreter der Täterorganisation zunehmend die öffentliche Debatte und Wahrnehmung.

Diese Erfahrung droht viele der Betroffenen erneut zu traumatisieren und endgültig zum Schweigen zu bringen. Viele von ihnen haben sich bereits resigniert zurückgezogen. Andere fragen sich, ob der Preis für die Wahrheit über die Vergangenheit, die sie in Form einer Erschöpfungsdepression und anderer posttraumatischer Belastungssymptome heute bezahlen, am Ende nicht zu hoch war.

Rückzug und Schweigen – das darf nicht am Ende dieses anstrengenden Prozesses für die Betroffenen stehen. Deshalb arbeitet der ECKIGE TISCH – inzwischen als eingetragener Verein – weiter für eine angemessene Aufarbeitung des Skandals des Missbrauchs in der katholischen Kirche.

Matthias Katsch

Sprecher / ECKIGER TISCH

Download der Presseerklärung

Stellungnahme zum Treffen des Papstes mit fünf Missbrauchsopfern

Wir versuchen seit 18 Monaten, in einen Dialog mit den Verantwortlichen der Kirche zu treten − leider ohne wirklichen Erfolg. Nun heißt es, Papst Benedikt XVI. hat sich mit einigen Betroffenen von sexuellem Missbrauch getroffen. Das ist hoffentlich eine gute Nachricht für diese Betroffenen und wir freuen uns, wenn Ihnen dieses Zusammentreffen hilft.  Wir sind auch froh, dass bei dieser Gelegenheit das Engagement von Menschen gewürdigt wurde, die mit Betroffenen sexueller Gewalt in der Kirche professionell umgehen.

Wir bedauern, dass unsere Bitte zu einem Dialog über die systemischen Ursachen sexueller Gewalt in der Kirche nicht gehört wurde und ein Gespräch mit dem Papst nicht möglich war. Erneut erleben wir die Kirche als „vermachtete“ Institution, an der wir abprallen wie von einer Wand.

Es heißt, der Papst sei von dem Treffen tief bewegt gewesen. Dies glauben wir gern. Wir sind gespannt, ob Benedikt XVI. sich auf sein „hörendes Herz“ verlässt und sich daraufhin in den nächsten Tagen zu seiner institutionellen Verantwortung für das Leid von Kindern und Jugendlichen in seiner Kirche äußern wird. Es geht nicht bloß um „Unkraut“, dass gejätet werden muss, wie er sich im Olympiastadion ausdrückte. Es geht um gewalttätige Strukturen in der Kirche, die Missbrauch begünstigt und das zweite Verbrechen, das der Vertuschung, ermöglicht haben.

Für uns ist auf unserem Weg der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit auch eine Etappe zu Ende gegangen. Wir müssen anerkennen, dass die römisch-katholische Kirche in unserer Gesellschaft eine solche Machtposition aufgebaut hat, dass sie auch weitgehend ohne Dialog mit ihren Opfern auskommt – und wie es scheint, auch mit immer weniger Dialog mit ihren engagiertesten Mitgliedern. Doch dies müssen diese für sich klären.

Wir werden nicht weiter den Unwilligen hinterherlaufen und unsere Kräfte dabei verschleißen, Anerkennung von denen zu erreichen, die fest entschlossen sind, unsere drängenden Fragen zu überhören. Vielmehr werden wir uns darauf konzentrieren, Zukunft zu bauen für uns und für andere. Wir haben die Opferrolle abgelegt und wollen stattdessen selbstbewusst, aufrecht und mit unseren Beschädigungen im Gepäck  voranzugehen – ohne zornigen Blick zurück, auch wenn es schwer fällt.

Matthias Katsch

Sprecher ECKIGER TISCH

23. September 2011