„Meine Täter, die Priester“ – Eine ARD-Dokumentation mit Matthias Katsch

 

In ihrer ARD-Dokumentation „Richter Gottes“ hatte die WDR-Journalistin Eva Müller im Herbst 2015 einen aktuellen, nicht verjährten Missbrauchsfall durch Peter Riedel im Bistum Hildesheim recherchiert und aufgedeckt (Video).

Für ihren neuen Film „Meine Täter, die Priester“ hat sie Matthias Katsch nach Chile begleitet, wo er sich auf Spurensuche nach den beiden Haupttätern vom Canisius-Kolleg (Peter Riedel und Wolfgang Statt) begeben hat. Wolfgang Statt lebt bis heute in Chile, Peter Riedel lebt in Berlin. In Chile finden sie weitere Missbrauchsopfer von Peter Riedel.

Pressetext:  „Dass der Umgang der Kirche mit Missbrauch auch aktuell noch problematisch ist, zeigt nun einer der prominentesten Opfervertreter in Deutschland – Matthias Katsch – in einer exklusiven ARD/WDR Recherche auf. Der ehemalige Canisius-Schüler und Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ hat 2010 den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland ausgelöst. Über dreißig Jahre blieben die Verbrechen seiner Täter, der Jesuitenpriester Peter R. und Wolfgang S. im Verborgenen. Erst 2010 werden ihre Taten am Canisius-Kolleg durch Matthias Katsch und seine Mitschüler öffentlich. Und dann? Nur so viel ist bislang bekannt: Beide Täter wurden nach 2010 in Chile gesehen.

Weil die Aufklärung nicht voran geht, hat Matthias Katsch die Dinge nun selbst in die Hand genommen. Er ist nach Chile gereist und hat dort nach den Spuren seiner Täter und weiteren Opfern gesucht – und sie gefunden. Story-Autorin Eva Müller hat ihn dabei mit der Kamera begleitet. Die Recherche zeigt: Der zweite Haupttäter am Canisius-Kolleg, Wolfgang S., wohnt bis heute in Chile und hat dort einen Sportverein für Jugendliche gegründet. Er hat seinem ehemaligen Kollegen Peter R. von dort aus Jugendliche zum „Stipendium“ nach Deutschland vermittelt. Während dieser Aufenthalte werden die Jugendlichen von Peter R. missbraucht.

Eine Rolle spielt auch das größte Sozialwerk Südamerikas: Christo Vive. Auch von hier aus brachen Jugendliche zu Priester Peter R. nach Deutschland auf, um bis zu einem Jahr bei ihm zu leben. Die Betroffenen sprechen in der ARD zum ersten Mal über Ihren Missbrauch durch Peter R. in Hildesheim, Berlin und Hannover.

Wiederholungstermine auf tagesschau24:

  • Freitag, 19. Oktober 2018, 21:17 Uhr
  • Samstag, 20. Oktober 2018, 13:15 Uhr
  • Donnerstag, 25. Oktober 2018, 19:15 Uhr
  • Sonntag, 28. Oktober 2018, 09:15 Uhr

ECKIGER TISCH  fordert Unterstützung durch die Politik für eine unabhängige Aufarbeitung sowie angemessene Entschädigung

Da die katholische Kirche nach ihren kurzen Scham- und Entschuldigungs­bekun­dun­gen auch acht Jahre nach Beginn der öffentlichen Debatte keinerlei konkrete Schritte vorlegt − wie die die Offenlegung ihrer Archive und eine angemessene Entschädigung − fordern wir angesichts der vielen Tausend Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch katho­lische Priester:

  1. Politik und Strafverfolgungsbehörden müssen den Schutz der Betroffenen gewährleisten und tätig werden

Wir fordern die Politik auf, den Schutz der Betroffenen zu gewährleisten und sie nicht der Willkür der Kirche zu überlassen. Der Staat kann nicht länger zulassen, dass die Verbrechen durch katholische Priester von der Kirche intern geregelt und vertuscht wer­den. Angesichts des institutionellen Versagens der Kirche bedeutet ein Gewähren­lassen gleichzeitig auch ein Staatsversagen.

Wir fordern daher die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland auf, tätig zu werden. Während Staatsanwaltschaften − beispielsweise beim Anfangsverdacht der Vertuschung von Abgasmanipulationen von Kraftfahrzeugen − konsequent ermitteln und etwaiges Beweis­material sicherstellen, ist dies bei Missbrauchsfällen durch Priester im Bereich der katholischen Kirche bislang konsequent unterblieben. Bei Straftaten wie dem sexuellen Missbrauch von Kindern muss die Staatsanwaltschaft tätig werden. Da die katholische Kirche weiterhin keine konkrete Bereitschaft zeigt, Täter zu benennen, fordern wir die Strafverfolgungsbehörden auf, den bekannten Anfangsverdachtsfällen jetzt ent­schlos­sen nachzugehen und endlich zu ermitteln.

Im MHG-Untersuchungsbericht wird die Zahl von 1.670 Tätern genannt. Das sind 1.670 kon­krete Anfangsverdachtsfälle, denen nachgegangen werden muss: Welche Täter leben noch, welche sind weiterhin aktiv, wie heißen diese Täter, wo fand (oder findet) der Miss­brauch statt, welche Fälle sind noch nicht verjährt? Das alles wissen wir nicht, weil die Kirche es nicht wissen will. Die Staatsanwaltschaften, die in den vergangenen acht Jah­ren in Deutschland untätig geblieben sind, müssen daher jetzt endlich handeln, damit Kinder heute nicht länger einem Risiko durch die noch lebenden und aktiven Täter aus­ge­setzt sind.

Fälle, die nach dem Dafürhalten der Staatsanwaltschaften offensichtlich verjährt sind, müssen künftig durch eine von der Regierung einzurichtende unabhängige Unter­suchungs­kommission aufgeklärt werden.

Betroffenen muss ein Einsichtsrecht in die ihren Fall betreffenden Unterlagen bei den Bistümern und Ordensgemeinschaften gewährt werden. Die Opfer haben ein Recht dar­auf, etwas über die Tatumstände und das Handeln der verantwortlichen Vorgesetzten zu erfahren. Auch die Gesellschaft sollte wissen, was aus den Tätern wurde.

  1. Wir fordern zu Entschädigungszahlungen auf, die der Schwere des Schadens gerecht werden

Die Menschen, die in ihrer Kindheit von katholischen Priestern missbraucht worden sind, sind häufig massiv geschädigt worden. Sie müssen lebenslang mit den zerstörerischen Auswirkungen des Missbrauchs weiterleben. Viele Lebensbereiche können von weitrei­chenden Beeinträchtigungen betroffen sein:

  • Viele Betroffene haben in ihrem weiteren Leben erhebliche Probleme bei zwischen­menschlichen Beziehungen, Bindungen und Partnerschaften.
  • Oft wurde die Beziehung zum eigenen Körper beschädigt, Intimität und Sexualität sind daher für viele Betroffene problembelastet.
  • Viele Betroffene konnten und können sich nicht beruflich und erwerbsmäßig ent­
  • Viele Betroffene leiden über die gesamte Lebensspanne verschiedenen psychischen Problemen wie Depressionen, andere psychische Erkrankungen oder Suchterkran­
  • Manche Betroffene, die nicht die Kraft hatten, mit dem Erlittenen weiterzuleben, haben ihr Leben beendet.

Eine Wiedergutmachung dieser Schäden ist nicht möglich. Die Taten und die Schäden können nicht rückgängig gemacht werden. Eine Entschädigung kann aber dazu beitragen, dass betroffene Menschen besser mit diesem Leben klarkommen und mit den Beeinträch­tigungen weiterleben können.

Wenn die Kirche die bisher angebotenen ‚Anerkennungsleistung‘ von bis zu 5.000 Euro mit dem Faktor 100 multipliziert, dann wäre dies ein Betrag, der sich für Betroffene tatsäch­lich wie der Versuch einer Entschädigung anfühlen und damit dem Ausmaß des per­sön­lichen Schadens ansatzweise gerecht werden würde.

Matthias Katsch / Sprecher ECKIGER TISCH

 

Download der Pressemitteilung vom 28. September 2018

„Diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück.“

27. September 2018 – Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenvereinigung ECKIGER TISCH, erklärte nach der Pressekonferenz der Bischöfe: „Wir haben zwar nicht erwartet, dass die katholischen Bischöfe in den Fragen der Aufarbeitung und der Entschädigung jetzt zu schnellen Ergebnissen kommen, aber diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück.

 

Hinweis:  Den „Sieben-Punkte-Plan“ der Deutschen Bischofskonferenz (Pressemitteilung vom 27. September 2018)kann man hier nachlesen.

Eine aktuelle Auswahl der Medienberichterstattung finden Sie im Menü PRESSESCHAU.

ECKIGER TISCH fordert Unabhängige Aufarbeitung und angemessene Entschädigung

Die Studie wirft ein Schlaglicht auf das Ausmaß der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der katholischen Kirche in Deutschland. Ein großer Teil der Verbrechen bleibt jedoch weiterhin im Dunkeln.

Kritik am Studiendesign

Die jetzt vorgelegte sozialwissenschaftliche Studie darf nicht mit Aufarbeitung verwechselt werden. Wir erfahren keine Namen von Tätern. Es werden auch keine verantwortlichen Bischöfe genannt, die das System aus sexuellen Übergriffen über Jahrzehnte gedeckt und perfektioniert haben.

Stattdessen wurden Zahlen erhoben, die nur einen sehr unvollständigen Eindruck vom tatsächlichen Ausmaß des Missbrauchs durch Priester vermitteln. Zum einen ist die Studie vom Umfang her unvollständig, weil die Ordensgemeinschaften (beispielsweise Jesuiten, Benediktiner etc.) nicht untersucht wurden. Ordensgemeinschaften von Frauen wurden ebenfalls nicht einbezogen.

Zum anderen bleibt die Studie nur an der Oberfläche dessen, was in den erhalten gebliebenen Personalakten der Institution zu finden ist. Das System aus Missbrauch, Versetzung und Vertuschung konnte aufgrund des Settings der Studie nicht abgebildet werden. Die tatsächliche Zahl der betroffenen Menschen, die sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erleben mussten, bewegt sich in völlig anderen Dimensionen, als es die vorgelegten Zahlen suggerieren.

Forderung nach unabhängiger Aufarbeitung

Es ist jetzt auch endgültig deutlich geworden, dass sich eine Organisation, in der so viele Täter und Vertuscher aktiv waren, nicht selbst aufarbeiten kann. Betroffene haben ein Recht auf die Wahrheit und die Fakten ihres konkreten Falls. Abstrakte wissenschaftliche Studien können das naturgemäß nicht leisten. Eine unabhängige Aufarbeitung muss Namen, Fakten, Orte etc. konkret benennen, um Täterstrategien, Netzwerke, Muster aufzeigen zu können und Täter zu stoppen.

Daher fordern wir eine unabhängige, staatliche Untersuchungs- und Aufarbeitungskommission. Diese muss professionell ausgestattet sein und Zugang zu allen Akten bekommen. Sie muss Betroffene anhören und Zeugen vernehmen. Dazu muss die Kirche ihre Bereitschaft zur Öffnung ihrer Archive erklären. Gute Vorbilder hierfür sind beispielsweise die australische „Royal Commission“ oder die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen in Pennsylvania. Auch der Vatikan muss Zugang zu den dort befindlichen Missbrauchsakten gewähren. Dort lagern Tausende von Akten, die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester in aller Welt dokumentieren.

Forderung nach angemessener Entschädigung

Die Studie zeigt, dass wir es nicht mit einer Anzahl von Einzelfällen zu tun haben, sondern dass die Kirche als Institution versagt hat. Dafür muss sie die Verantwortung gegenüber den Betroffenen übernehmen. Bisher gewährt die Kirche auf Antrag lediglich eine so genannte „Materielle Leistung in Anerkennung des Leids“ von durchschnittlich 3.000 Euro, weil sie sich nicht für die Taten selbst verantwortlich fühlt, sondern lediglich anerkennt, dass dem Opfer durch den Täter Unrecht widerfahren ist. Spätestens durch die jetzt vorliegende Studie ist deutlich geworden, dass in der Katholischen Kirche Täter systematisch geschützt und dadurch Kinder fortgesetzt sexuellen Übergriffen ausgesetzt wurden, beispielsweise durch die beschriebene Praxis der wiederholten Versetzungen von Tätern. Daher fordern wir endlich eine angemessene Entschädigung für die Opfer.

 

Matthias Katsch / Sprecher ECKIGER TISCH

 

 

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ECKIGER TISCH in den Medien

TV-Hinweis: „Das Schweigen der Männer“ (Montag, 16. März 2015 um 23:30 Uhr / ARD):

Das Schweigen der Männer

Vorschau

„Wir wollen Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche“, sagte Bischof Ackermann im Namen der katholischen Bischöfe, als er im März 2014 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt vorstellte. Die Wissenschaftler erhielten den Auftrag, die zahlreichen Kindesmissbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufzuarbeiten. Ein Jahr danach ist es Zeit für eine Zwischenbilanz: Wie ehrlich meint es die katholische Kirche wirklich mit der Aufarbeitung? Wie groß ist das Ausmaß des Skandals? Die Autoren Birgit Wärnke und Sebastian Bellwinkel haben hinter die Mauern der katholischen Kirche geschaut.

 

Was die Betroffenen sexuellen Missbrauchs jetzt von der Kirche in Deutschland erwarten…

Aufarbeitung, Hilfe, Genugtuung – auch vier Jahre nachdem wir begonnen haben, über den erlittenen sexuellen Missbrauch in unserer Kindheit zu sprechen, sind diese Forderungen aus dem Frühjahr 2010 noch aktuell. Der Reflex der Selbst- und Ruferhaltung der Kirche ist unverändert und blockiert eine wirksame, d.h. für alle (auch die Institution und die Gläubigen) hilfreiche Aufarbeitung.

Konkret fordern wir von den Bischöfen und Ordensoberen in Deutschland, endlich aktiv auf die Betroffenen sexuellen Missbrauchs  in ihrem Verantwortungsbereich zuzugehen und die Gesprächsblockade, die faktisch seit 2010 herrscht, zu beenden. Ängstliches Schweigen einerseits und Wut auf der anderen Seite bringen uns nicht weiter.

WEITERLESEN

„Die nackte Ohnmacht“

Beitrag von Ebba Hagenberg-Miliu

Am Bonner Aloisiuskolleg mussten sich Schüler entblößen, ein Pater fotografierte sie. Die Bilder gelten nicht als pornografisch, doch sie schmerzen noch nach Jahrzehnten.

… weiterlesen in Christ & Welt vom 27.02.2014

unheiliger berg

Am 19. März wird das Buch „Unheiliger Berg – Das Bonner Aloisiuskolleg der Jesuiten und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals“ erscheinen.

Dieses Buch ist ein Baustein für das Projekt einer ge­samtgesellschaftlichen Aufarbeitung der Gewalt gegen Kinder und des Missbrauchs von Kindern.  Matthias Katsch, ECKIGER TISCH

Presseerklärung: „Vergesst die Opfer nicht!“

In diesen Tagen wird die Bundesrepublik von einem Skandal erschüttert, bei dem es um den Konsum von mutmaßlich kinderpornographischen Material durch einen prominenten Politiker geht, sowie die Art und Weise, wie die Ermittlungsbehörden und die Politik mit diesem Verdacht umgegangen sind und umgehen. Die vielen Hundert Kinder, die für die Erstellung dieses „Materials“ in ihrer Menschenwürde verletzt oder sexuell missbraucht wurden, spielen leider keine Rolle mehr.         weiterlesen

Vor vier Jahren – am 28. Januar 2010 – wurden die Missbrauchsfälle bekannt …

… was machen heute eigentlich die Täter von damals?

WOLFGANG STATT
(früher: „Pater Wolfgang Statt SJ“, auch bekannt als: „Padre Volfi“ oder „Joaquin Statt“)

WAS IM JANUAR 2010 BEKANNT WURDE
Wolfgang Statt hat seit den 1960er Jahren mehr als dreißig Jahre lang in Deutschland, Spanien und Chile nach eigenen Angaben „mehrere hundert“ Kinder und Jugendliche missbraucht.

Im Februar 2010 hatte sich Statt zunächst in der deutschen Presse mit Interviews  und Statements in eigener Sache zu Wort gemeldet und seinen Umzug nach Deutschland angekündigt. Am 9. Februar 2010 dementierte der Sprecher des deutschen Jesuitenordens in Chile (aber nicht in Deutschland) mit einer Pressemitteilung in spanischer Sprache, dass es in Deutschland Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Statt gebe. Statt nahm dann von seiner geplanten Übersiedlung nach Deutschland Abstand und hat sich seitdem nicht mehr öffentlich geäußert.

Wolfgang Statt bezieht seit Februar 2010 eine Pension von seinem letzten Arbeitgeber, dem katholischen „Kolpingwerk Deutschland“ mit Sitz in Köln, in dessen Auftrag er als Lateinamerika-Beauftragter über viele Jahre den Kontinent bereiste. Das Kolpingwerk hat stets erklärt, von der die Vergangenheit des Ex-Paters nichts zu wissen, während der Jesuitenorden versicherte, man habe das Kolpingwerk informiert.

STAND JANUAR 2014
Wolfgang Statt nennt sich heute „Joaquin Statt“, er hat sich einen langen Bart wachsen lassen und lebt unbehelligt mit seiner Familie in der chilenischen Stadt Arica.

Fazit: Weder die katholische Kirche noch der Jesuitenorden haben Wolfgang Statt bis heute für seine Taten zur Verantwortung gezogen.

*****

PETER RIEDEL
(früher: „Pater Peter Riedel SJ“, „Pfarrer Peter Riedel“)

WAS IM JANUAR 2010 BEKANNT WURDE
Als Jesuitenpater hat Riedel über viele Jahre hinweg Kinder und Jugendliche missbraucht. Wie viele Betroffene es gibt, wissen wir nicht. Der Orden hat seit dreieinhalb Jahren keine aktuellen Zahlen mehr vorgelegt, wie viele Betroffene sich gemeldet haben. Die Missbrauchsbeauftragte des Ordens Ursula Raue hatte im Mai 2010 von 41 Betroffenen des Missbrauchs durch Riedel (Pseudonym: „Pater Anton“) berichtet. Tatsächlich ist von mindestens 100 Betroffenen auszugehen, wie auch Pater Klaus Mertes zuletzt im Dezember 2013 in einem Interview mit dem NDR erklärte.

Riedel missbrauchte zunächst etwa zehn Jahre lang als Leiter der Jugendarbeit am Berliner Canisius-Kolleg Dutzende von Jungen. Nachdem Jugendliche 1982 in einem Brief an den Orden auf ihre Not aufmerksam gemacht hatten, wurde Riedel stillschweigend nach Göttingen versetzt. Dort arbeitete Riedel wieder mit Jugendlichen. Nach erneuten Missbrauchsvorwürfen auch dort verließ er den Jesuitenorden und betreute dann als Pfarrer nacheinander Gemeinden in Hildesheim, Wolfsburg und Hannover. Nachdem es auch an diesen Orten zu Missbrauchsfällen gekommen war, wurde er schließlich 2003 vorzeitig, aber in Ehren pensioniert. Riedel lebt seitdem in Berlin in einer Wohnung im bürgerlichen Stadtteil Lichterfelde. Über Riedel gibt es außerdem Hinweise auf den sexuellen Missbrauch von Frauen in Mexiko und in Südamerika, wo er auch nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle zeitweilig untertauchte.

STAND JANUAR 2014
Im Januar 2014 wurde durch Recherche einer engagierten Journalistin bekannt, dass ein geheimes „Kirchengericht“ bereits Ende 2013 Peter Riedel „bestraft“ hat: Er darf das Priesteramt nicht mehr ausüben und muss 4.000 Euro Geldstrafe bezahlen. Verhandelt wurde lediglich ein einziger Fall des Missbrauchs (an einem Mädchen) aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer im Bistum Hildesheim. Riedels zahlreichen Missbrauchstaten am Canisius-Kolleg waren nicht Gegenstand des Verfahrens. Das „Urteil“ wurde vom Bistum bislang nicht veröffentlicht. Die Betroffenen des Missbrauchs von Peter Riedel wurden über das Verfahren sowie über das Ergebnis nicht informiert.

Fazit: Mit diesem Urteilsspruch zu einem Einzelfall ist für die katholische Kirche die Aufarbeitung der Missbrauchstaten von Peter Riedel offenbar abgeschlossen.

*****

Das ist der Stand der Dinge vier Jahre nach der Bekanntmachung der Missbrauchsfälle durch Betroffene: Den Tätern geht es gut. Die Kirche fühlt sich als Vorreiter bei der Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Und die Opfer können sehen, wo sie bleiben.

Zum Urteil des geheimen „Kirchengerichts“ gegen Peter Riedel

Gegen Peter Riedel, den ehemaligen Jesuiten und Leiter der Jugend­arbeit am Canisius-Kolleg von 1971 bis 1982 wurde nach Presseberichten durch das sog. „Kirchengericht“ des Erzbistums Berlin ein Urteil gefällt – aber nicht wegen des vielfachen Missbrauch von Jungen in dieser Zeit – Schätzungen gehen von über 100 Fällen aus, gemeldet haben sich ab 2010 etwa 60 Betroffene – sondern wegen eines einzelnen Falles aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer im Bistum Hildesheim. Dorthin wurde Riedel 1982 „entsorgt“, nachdem Jugend­liche in einem Brief an den Orden auf ihre Not aufmerksam gemacht hatten.

Im Bistum Hildesheim betreute Riedel nacheinander Gemeinden in Göttingen, Hildesheim und Hannover. Nach erneuten Missbrauchs­vorwürfen auch dort verließ er den Jesitenorden und wurde schließlich 2004 in Ehren pensioniert.

Dieses Urteil und der Umgang der Kirche mit ihrem Priester ist beschämend und empörend. Natürlich ist es gut, dass es überhaupt ein Urteil gibt, da Riedel seine Taten stets geleugnet hat. Die Taten am Canisius-Kolleg wurden jedoch gar nicht berücksichtigt. Die Opfer von Peter Riedel wurden nicht von dem Verfahren informiert und ihnen keine Gelegenheit gegeben, mitzuwirken und angehört zu werden.

Eine lächerliche Strafe –
Wir fordern Null-Toleranz bei Missbrauchspriestern!

Das Urteil empfinden wir als sehr milde. Der Ausschluss vom Priester­dienst ist keine Strafe, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wir fordern von der Kirche in Deutschland endlich die Umsetzung der sogar vom Papst empfohlenen Null-Toleranz-Praxis für Priester, denen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird, und das sofortige Ende ihrer priesterlichen Tätigkeit ab dem ersten Fall. Vorreiter sind hier die Bistümer in den Vereinigten Staaten.

Die Geldstrafe von 4000 Euro für einen einzelnen Fall ist in der Höhe möglicher­weise auch vor weltlichen Gerichten leider ein üblicher niedriger Satz. Finanziell tut ihm das sicher nicht weh. Denn als Gemeindepfarrer dürfte er eine sehr hohe Pension erhalten. Wirklich beurteilen können wir dies jedoch nicht, weil weder das Urteil noch der Fall, über den geurteilt wurde, bekannt sind.

Unangemessene Heimlichkeit – Wir fordern Transparenz!

Wir kritisieren die Heimlichkeit und Intransparenz, mit der dieses Verfahren geführt wurde. Unter dem Deckmantel des Opferschutzes wurde ermittelt und geurteilt – von wem auch immer. Wir fordern von der Kirche, dass sie selbst das Verfahren erklärt und das Urteil selbst öffentlich macht. Wir bitten Presse und Öffent­lichkeit, darauf zu drängen, dass diese unwürdige Praxis von Geheimprozessen einem nachvollziehbaren Verfahren Platz macht.

Leider müssen wir auch im Jahr vier bitten und fordern. Wann geht die Kirche endlich einmal pro-aktiv auf die Menschen zu? Wann werden die Akten der Kirche endlich für unabhängige Untersuchungen geöffnet? Wir fordern nicht nur in Deutschland sondern auch in Rom ein Umdenken. Auch dort lagern viele Akten über Missbrauchsfälle in Deutschland. Auch diese müssen zugänglich gemacht werden.

Matthias Katsch

Sprecher Eckiger Tisch

16. Januar 2014

 

Weitere Informationen:

SPIEGEL ONLINE: „Das ist beschämend“

Deutschlandradio Kultur:
„Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe“

SPIEGEL ONLINE: Kirchengericht verurteilt Jesuitenpater

Deutschlandradio: Kirchengericht verurteilt Jesuitenpater