Stellungnahme zu den vorab veröffentlichten Zahlen zum Ausmaß von sexuellem Missbrauch durch Priester in Deutschland

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Es ist gut, dass wir nun endlich Zahlen vorliegen haben, die belegen, was wir schon ahnten: Die Kirche in Deutschland ist genauso wie ihre Schwesterkirchen in den USA, Australien, Irland und vielen anderen Ländern der Erde, in denen die katholische Kirche vertreten ist, in ein System aus Missbrauch und Vertuschung verstrickt, und hat es über Jahrzehnte verstanden, die Öffentlichkeit darüber zu täuschen.

Die Studie zeigt uns dabei nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Akten wurden vernichtet, viele Fälle sind nicht richtig dokumentiert worden, die Aktenführung ist konfus.

Vor allem, es fehlen die Aussagen der Opfer, es gab keine Zeugenvernehmungen, keine Möglichkeit, direkt in den Archiven nach Querverbindungen, Tatmustern, Mitwissern zu suchen.

Dennoch ist das, was sich hier in nüchternen Zahlen zeigt, erschütternd, wenn man sich das Leid vorzustellen vermag, dass über so viele Kinder und Jugendliche, ihre Familien und Angehörigen gebracht wurde.

Das erschreckende Ausmaß sexueller Gewalt von Priestern gegenüber Kindern und Jugendlichen macht deutlich was wir dringend brauchen: eine umfassende, unabhängige Untersuchung. Dafür muss die Kirche den direkten Zugang zu Ihren Akten und Archiven bereitstellen. Als Vorbilder können dabei die Untersuchungen durch Kommissionen in Pennsylvania und Australien dienen, die mit staatsanwaltlichen und kriminalistischen Mitteln diese Verbrechen aufklären muss.

Wir erfahren keine Namen von Tätern, es werden keine Verantwortliche Bischöfe identifiziert, die das System aus sexuellen Übergriffen und Vertuschung über Jahrzehnte gedeckt und perfektioniert haben.

Seit acht Jahren verspricht die Kirche sich um die Aufarbeitung zu kümmern. Weitgehend teilnahmlos schauen Politik und Gesellschaft diesen Bemühungen zu. Jetzt ist klar: eine Organisation von Tätern und Vertuschern kann sich nicht selbst aufarbeiten.

Ich appelliere an Politik und Gesellschaft, sich für die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für eine unabhängige, professionell ausgestattet Untersuchungskommission einzusetzen.

Und schließlich: Es wird Zeit, dass die Politik die Kirche an die Empfehlung des Runden Tisches erinnert, mit ihren Opfern eine Einigung über eine angemessende Entschädigung für dieses System aus Missbrauch und Vertuschung zu suchen. Die von den Bischöfen einseitig implementierte Anerkennungszahlung ist kein Ersatz dafür. Sie ist willkürlich und intransparent im Verfahren und lächerlich in den zuerkannten Summen, die im Mittel nicht einmal 3000 Euro betragen. Viele Betroffene wurden mit 1.000 oder 2.000 Euro abgewimmelt.

Angesichts der betroffenen Entschuldigungserklärungen, die wir schon bald wieder hören werden: Diese sind solange unglaubwürdig, wie die Bischöfe sich nicht zu einer umfassenden Aufarbeitung und damit verbunden der Zahlung von angemessenen Entschädigungen für das Versagen ihrer Institution bereiterklären.

Matthias Katsch, 12. September 2018

 

Einen Überblick über die aktuelle Medienberichterstattung zum Thema finden Sie HIER

 

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Studie zum Verhalten des Bistums Hildesheim im Fall Peter Riedel: Eine Dokumentation jahrzehntelangen Versagens

Das Münchner „Institut für Praxisforschung und Projektberatung“ (IPP) hat eine umfangreiche Studie zum Verhalten des Bistums Hildesheim im Fall des Ex-Jesuitenpaters Peter Riedel vorgelegt, der schon am Berliner Canisius-Kolleg zu den Haupttätern gehörte. ECKIGER TISCH hatte sich dafür in den letzten Jahren intensiv eingesetzt.

Hier ist ein Link zu der Pressekonferenz vom 16.10.17, in der die Studie vorgestellt wurde.

Die Studie findet sich hier zum Download.

Dazu haben wir eine erste Stellungnahme veröffentlicht:

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Eine Dokumentation jahrzehntelangen Versagens

 

  1. Der überaus gründlichen Studie der Experten vom IPP ist es gelungen, Licht in die zwanzigjährige Einsatzzeit des Jesuitenpaters Peter Riedel (alias Anton P., Pater Anton) im Bistum Hildesheim zu bringen. Während dieser Zeit war er ständig in der Jugendarbeit tätig, obwohl er 1982 Berlin und das Canisius Kolleg aufgrund von Übergriffen auf minderjährige Jungen verlassen musste.
  2. Das Gutachten belegt ein fortdauerndes Führungsversagen im Bistum Hildesheim. Geradezu exemplarisch wird die mangelnde Personalverantwortung für Priester illustriert, die sich zwischen verschiedenen kirchlichen Gliederungen bewegen, wie Riedel zwischen dem Jesuitenorden und dem Bistum. Ein unklares Kapitel bleiben die wiederkehrenden Besuche in Lateinamerika, bei denen er offenbar „priesterlich“ im Einsatz war und möglicherweise immer noch ist.
  3. Die Vorwürfe, die die Betroffeneninitiative ECKIGER TISCH 2015 gegen die Bistumsleitung erhoben hatte, wurden in vollem Umfang bestätigt. Gegen die Leitlinien der DBK wurde verstoßen. Das Bistum ist über viele Jahre seinen dienstrechtlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen und hat Kinder und Jugendliche einer tatsächlichen Gefahr ausgesetzt. Opfer hätten verhindert werden können, wenn gehandelt worden wäre.
  4. Die strafrechtliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen bezüglich des Mädchens, welches sich 2010 wegen nichtverjährter Übergriffe gemeldet hatte, wurde zumindest fahrlässig behindert. Die zahlreichen vorhandenen Informationen zu Übergriffen 1989, 1993 und 1997 wurden nicht an die Berliner Staatsanwaltschaft weitergegeben und damit letztlich eine angemessene Bestrafung verhindert – auch wenn sich die Behörde in Berlin den Vorwurf gefallen lassen muss, bei ihren Ermittlungen nicht besonders engagiert gewesen zu sein.
  5. Guter Wille und gute Intentionen reichen nicht aus, um Kinder wirksam zu schützen. Nur wenn rückhaltlos aufgeklärt wird, wie jetzt geschehen, werden hoffentlich auch die geeigneten Konsequenzen gezogen. Es wird Zeit für eine Professionalisierung des Engagements für den Kinderschutz. Dazu gehört – wie von den Gutachtern empfohlen – die Zusammenarbeit mit externen Fachberatungsstellen und ExpertInnen.
  6. Besondere Verantwortung trifft den Jesuitenorden, der spätestens seit 1981 von den Vorwürfen gegen seinen Mitbruder wusste, auch danach immer wieder Kenntnis von der von Riedel ausgehenden Gefahr erhielt, und sich weder zu einer klaren Haltung gegenüber dem Täter durchringen konnte, noch die Kollegen im Bistum Hildesheim klar informiert hat. Es bleibt der Verdacht, dass man im Orden sehr froh war, den „schwierigen Mitbruder“ schadensmindernd losgeworden zu sein.
  7. Ein Satz bleibt besonders im Gedächtnis: „Es ist an keiner Stelle ein aktives Interesse der Verantwortlichen zu identifizieren, Taten aufzudecken, die über unmittelbar vorgebrachte Beschwerden hinausgehen.“ (s. S. 54) Das heißt umgekehrt: Ohne den langen Atem und die beharrliche Geduld von Betroffenen, hätte es bis heute keine Aufklärung und damit keinen Ansatz für eine Aufarbeitung gegeben.
  8. Eines ist klar: die Aufarbeitung ist keineswegs mit der Vorlage dieses wichtigen Gutachtens beendet. Der Fall Riedel muss kirchenrechtlich weiterhin bearbeitet werden, die zahlreichen Empfehlungen der Autoren müssen umgesetzt, Versäumnisse der Vergangenheit müssen wiedergutgemacht, den Opfern Angebote zur Hilfe, Unterstützung und Entschädigung gemacht werden.

 

Wir würdigen die Anstrengungen insbesondere vieler Laien in der Kirche für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen. Wir erwarten unsererseits auch keinen Dank, aber vielleicht kann irgendwann -auch von Seiten des Bistums- der Kampf der Betroffenen gewürdigt werden. Denn ohne die Aufdeckung der Versäumnisse der Vergangenheit gäbe es jene Erkenntnisse nicht, die nun hoffentlich für einen besseren Kinderschutz genutzt werden.

Acht Jahre nach dem „Missbrauchsskandal“: ECKIGER TISCH beim internationalen Treffen von Betroffenenvertretern in Chile

http://www.eckiger-tisch.de/wp-content/uploads/2017/10/2017-10-16_PM_Eckiger-Tisch.pdf

Anlässlich des Papstbesuchs in Chile und Peru haben sich in Santiago de Chile zahlreiche Vertreter von Initiativen Betroffener sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kirche versammelt, um sich auszutauschen. Ziel dieser Zusammenkunft wird es sein, die katholische Kirche auf globaler Ebene zu einer Auseinandersetzung mit ihrer systemischen Verantwortung für die zahllosen Fälle von sexueller Gewalt durch Priester gegen Kinder und Jugendliche zu zwingen. Eine wichtige Rolle spielt die Frage, wie die bisherige informelle Zusammenarbeit der Gruppen aus aller Welt, die sich in den letzten Jahren bei einer Reihe von Zusammenkünften entwickelt hat, in Zukunft auf eine organisierte Basis

gestellt werden kann.

Es werden VertreterInnen u.a. aus Chile, Peru, Argentinien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Jamaika erwartet. Unterstützung erhalten die Betroffenen durch eine Reihe von Gästen, die den Kampf der Opfer / Überlebenden unterstützen.

Dazu gehören aus Ecuador die ehemalige Vize-Vorsitzende des UN-Kinderrechtskomitees Sara Oviedo und aus Mexiko Alberto Athie, der wesentlich an der Aufdeckung des Missbrauchsskandals um den Gründer der Legionäre Christi in seinem Heimatland mitgewirkt hat.

ECKIGER TISCH bringt zu diesen Beratungen drei Forderungen mit:

  • Die Benennung eines Unabhängigen Beauftragten, einer Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, die zusammen mit einem Team weltweit als Ansprechperson für Fragen, Probleme und Anliegen gerade auch von Betroffenen hat. Diese Person sollte unabhängig von der Hierarchie agieren können. Wichtig ist eine enge Zusammenarbeit mit Betroffenen.
  • Die Berufung eines Betroffenenbeirats, der alle Erdteile repräsentiert und den (oder die) Beauftragte unterstützt
  • Die Einrichtung einer von der Kirche unabhängig besetzten Untersuchungskommission, die die globale Verantwortung der Kirche für die zahllosen Fälle von Kindesmissbrauch in ihren Einrichtungen und Gemeinden untersucht und − wo nötig − auch einzelnen Fälle nachgeht und diese ggf. an ordentliche Gerichte übergibt und die kirchliche Gerichtsbarkeit informiert. Diese Kommission sollte lokale Berichte sammeln und Betroffenen, ermutigen, sich an sie zu wenden, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, oder die das Gefühl haben, dass ihre Meldung bislang nicht bearbeitet wurde. Die Untersuchung sollte eine Laufzeit von zunächst fünf Jahren haben, jährlich soll in Zwischenberichten über den Fortgang berichtet werden. Als Vorbild können die Royal Commission in Australien dienen.

Sollte die Kirche nicht zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihrer dunklen Vergangenheit bereit sein, streben die Betroffeneninitiativen die Abhaltung eines globalen Tribunals an, um die Kirche zur Rechenschaft zu ziehen.

Aus Deutschland nimmt Matthias Katsch an den Beratungen in Santiago de Chile teil. Er ist Gründer und Vorsitzender der Initiative ECKIGER TISCH, Mitglied im Betroffenenrat beim UBSKM und ständiger Gast der deutschen Unabhängigen Aufarbeitungskommission

Die Situation in Deutschland

Vor acht Jahren haben wir vom Jesuitenorden und der katholischen Kirche in Deutschland Aufklärung, Hilfe und Entschädigung gefordert − und das tun wir noch immer. Manches hat sich in dieser Zeit verändert und verbessert. Bei anderen Themen stehen wir immer noch am Anfang.

Es ist leichter geworden, als Betroffener sexueller Gewalt in der Kindheit öffentlich zu sprechen. Die Expertise, die gerade Betroffene zur Verfügung stellen können, um den Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch als sozialem Massenphänomen zu gewinnen, wird immer öfter auch genutzt.

Es ist gelungen in Deutschland eine beispielhafte Triade aus Unabhängigem Beauftragten (UBSKM), Betroffenenrat und Unabhängiger Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zu etablieren, die das Thema stetig vortreibt und verhindert, dass die Gesellschaft − wie in der Vergangenheit geschehen − nach dem Skandal zur Tagesordnung übergeht. Ein Beirat aus engagierten ExpertInnen und WissenschaftlerInnen unterstützt die Arbeit des Beauftragten. Endlich gibt es auch eine Bundeskoordinierungsstelle für die spezialisierten Fachberatungsstellen.

Auch die katholische Kirche hat gerade hierzulande Anstrengungen unternommen, um wirksame Kinderschutzverfahren einzuführen und insbesondere ihre zahlreichen Mitarbeitenden zu schulen. Das ist gut und notwendig und manchmal auch vorbildhaft, wenn man etwa das lange Zögern im Bereich des organisierten Sports vergleicht, das Thema als ureigene Aufgabe anzunehmen.

Noch nie war so viel die Rede von Prävention. Doch bis heute gibt es in Deutschland keine ehrliche und offene Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Institution selbst. Es gibt vereinzelt gute Aufarbeitungsprojekte für einzelne Einrichtungen, wie das Kloster Ettal oder die Regensburger Domspatzen, Projekte, für die sich Betroffene stark gemacht haben und geduldig eingesetzt haben. Irgendwann Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres wird auch eine Studie vorliegen, die uns für die 27 deutschen Bistümer wenigstens ein Grundzahlengerüst vermitteln soll. Die 400 Ordensgemeinschaften, die zahlreiche Heime, Internate und Schulen sowie Jugendarbeit in Deutschland betreiben oder betrieben haben, wurden in der Studie leider nicht berücksichtigt.

Viele in der Kirche scheinen der Meinung zu sein, die Krise sei vorbei, die schlimmsten Nachrichten bereits verkündet, nun gehe es nur noch um das Alltagsgeschäft und um punktuelle Veränderungen wie mehr Schulungen.

Bis heute hat es keine grundsätzliche Diskussion über die strukturellen Ursachen des verbreiteten Phänomens des sexuellen Missbrauchs durch Priester gegeben (Studien in den USA und Australien weisen aus: 4 bis 7 Prozent aller Priester missbrauchen mindestens ein Kind, teilweise sind es aber durch die besonderen institutionellen Umstände dutzende Opfer, die ein einzelner Täter hinterlässt). Die sollte eine Anfrage an das Selbstverständnis einer Organisation deren Gründerfigur die Sätze zugeschrieben werden: Lasset die Kinder zu mir!

Bis heute gibt es keine Untersuchung auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene über Missbrauchsfälle und den Umgang damit. Es gibt bis heute keine Aktenfreigabe der zahllosen Berichte über sexuellen Kindesmissbrauch die über die Jahrzehnte in der Zentrale der Kirche in Rom eingetroffen sind. Nicht einmal Akteneinsicht ist möglich.

Immer noch herrscht die Auffassung vor, dass sexuellen Missbrauch durch Priester ein Einzelfallphänomen, das Problem einiger weniger, schlecht ausgewählter oder schlecht ausgebildeter schwarze Schafe, die man nur entfernen muss. Das strukturelle Versagen, die Verantwortung der Gesamtorganisation, insbesondere an der Spitze wird nicht gesehen, ja ausdrücklich geleugnet.

Das muss sich ändern. Der Umgang der Kirche mit ihrem Versagen im Umgang mit den Taten von Geistlichen gehört ins Zentrum der Agenda.

Dazu wäre endlich ein Austausch mit Betroffenen notwendig, gerade auch mit denen, die sich organisiert haben, um ihre Forderungen zu vertreten. Dies würde den Bemühungen um einen besseren Schutz der Kinder heute mehr Glaubwürdigkeit und auch mehr Wirksamkeit verschaffen.

 

Matthias Katsch / ECKIGER TISCH e.V.

z.Zt. Santiago de Chile

  1. Januar 2018

 

Zeugenmeldung für Kirchengerichtsverfahren auch nach Fristablauf möglich!

Nach dem Ablauf der Frist für die Meldung als Zeuge im Kirchenrechtsverfahren gegen Peter Riedel warten wir nun auf die Eröffnung des Verfahrens.
Natürlich sind auch weiterhin jederzeit Zeugenmeldungen möglich!

Hier der Link zur Seite des Berliner Kirchengerichts (Konsistorium): http://www.erzbistumberlin.de/wir-sind/konsistorium/

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Der Text der dort veröffentlichten Erklärung:

Zeugenaussagen gesucht bis 31. Juli 2017

Der Priester und ehemalige Jesuitenpater Peter R. wurde von zahlreichen Personen, deren Namen dem Kirchengericht nicht bekannt sind, beschuldigt, sie als Minderjährige in den Jahren von 1970-1988 sexuell missbraucht zu haben.

Das Konsistorium, das kirchliche Gericht im Erzbistum Berlin hat im Namen und im Auftrag der Glaubenskongregation ein Verfahren gegen den Beschuldigten eingeleitet.

Zur Erstellung einer Klageschrift benötigt der kirchliche Anwalt, dem weltlichen Recht vergleichbar, belastbare und zuordbare Aussagen von Zeugen und Betroffenen.

Da es bislang nicht gelungen ist, die vorliegenden anonymisierten Zeugenaussagen konkreten Personen zuzuordnen, sucht das Kirchengericht nach Zeugen, die bereit und in der Lage sind, eine konkrete Aussagen zu machen, bzw. sich eine vorliegende Aussage zuordnen lassen.

Um mit dem Verfahren beginnen zu können, erneuert das Konsistorium seinen Aufruf und bittet mögliche Zeugen sich bis zum 31. Juli 2017 zu melden beim

Konsistorium des Erzbistums Berlin
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
Tel.: (030) 30 67 38-0
Fax: (030) 30 67 38-19
E-Mail: Konsistorium@erzbistumberlin.de

Absolute Vertraulichkeit ist selbstverständlich zugesichert. Das Konsistorium wird auch über den Verlauf des Verfahrens, die handelnden Personen, etc. umfassend Auskunft geben.

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Gloria, Regensburg und die Domspatzen.

Von Matthias Katsch,
Sprecher ECKIGER TISCH, Betroffener Canisius-Kolleg, Mitglied im Betroffenenrat (Fachgremium beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung) und Ständiger Gast in der Aufarbeitungskommission,  zu den Äußerungen von Frau Gloria Fürstin von Thurn und Taxis. 21.07.2017,

http://www.br.de/nachrichten/oberpfalz/inhalt/gloria-von-thurn-und-taxis-missbrauch-regensburg-domspatzen-100.html

 

In dem Oskar gekrönten Spielfilm Spotlight von 2015 wird eine alte Volksweisheit abgewandelt: “if it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one” – “Wenn es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, dann braucht es auch das Dorf um eines zu missbrauchen.“

Dieser Satz, im Film gemünzt auf Boston, trifft auch auf Regensburg zu.

Die Witwe eines der reichsten Männer Deutschlands und einflussreichste Frau Regensburgs hat das gerade wieder unter Beweis gestellt: Nicht wahrhaben wollen, relativieren, verleugnen, die Opfer zu Tätern machen. So wird man als Gemeinschaft mitschuldig am Leiden von Kindern.

Die 57Jährige betont, in ihrer Jugend seien Schläge ein ganz normales pädagogisches Mittel gewesen, um „mit frechen Kindern, wie ich eines war, fertig zu werden.“ Gloria betonte auch, sie fände es unfair, heutige Maßstäbe auf frühere Dekaden anzuwenden. „Das geht nicht. Die Welt hat sich verändert.“

Das ist falsch. Die Zeiten mögen sich geändert haben. Aber auch schon vor vierzig Jahren war schwere Körperverletzung, Folter, Erniedrigung und sexuelle Gewalt gegen Kinder strafbar. Und es geht auch nicht darum, dass man mit besonders frechen Kinder „fertigwerden“ musste. Hier wird die Schuld an der Gewalttat dem Opfer zugeschoben, so wie man dem vergewaltigten Kind sagen würde, „ja hättest halt nicht so unschuldig geschaut“.

Im Abschlussbericht, der jetzt vorgelegt wurde, geht es nicht um gelegentliche Kopfnüsse oder Ohrfeigen, die noch bis 1980 in Bayern in der Kindererziehung erlaubt waren, sondern um systematische Gewalt gegen Kinder vergleichbar einem Straflager. Die Gewalt bei den Regensburger Domspatzen hatte System. Darum geht es.

Und gegen brutale Vergewaltigungen von Grundschülern helfen auch keine Ermahnungen der Eltern, vor alle wenn man im Internat lebt. Hier waren die Kinder den Tätern Tag und Nacht ausgeliefert, ohne Hoffnung auf Entkommen. Wie kann man über dieses Elend derart gefühllos hinweggehen?

Mit ihren Bemerkungen, mit denen sie wohl ihre Solidarität mit dem Ex-Bischof und Ex-Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Ludwig Müller unter Beweis stellen wollte, – auch einer der nicht wahrhaben wollte – hat die Vorzeige-Katholikin sich als empathie- und verständnislos entlarvt.

Der Jesuitenpater Hans Zollner, der selbst aus Regensburg stammt und heute in Rom an der Päpstlichen Universität ein Kinderschutzprojekt für die Weltkirche betreibt, äußerte sich in diesen Tagen nach der Veröffentlichung des Berichts über die Täter. Dies seien Menschen gewesen, „die vor lauter Ehrgeiz, den Chor zu einer Weltinstitution im musikalischen Bereich zu machen, jedes Mittel eingesetzt haben; die eine sadistische Ader hatten“.

Zum Versagen des Umfelds in Regensburg gehört nach seinen Worten: „dass man über Jahre und Jahrzehnte nicht hingeschaut hat.“ Und weiter: „Ich erinnere mich selber, dass in meiner Kindheit zwei meiner Schulkameraden zu den Domspatzen – nicht in die Vorschulen, aber aufs Domgymnasium gegangen waren. Sie erzählten auch mir, dass sie geschlagen worden waren. Diese Dinge wussten wir. Aber heute ist unvorstellbar, dass damals niemand etwas getan hat, um das zu unterbinden. Dass nichts getan wurde, auch nicht von den Eltern, von denen einige davon hätten wissen können, und von der Direktion oder der Kirchenleitung.“

Viele müssen damals etwas mitbekommen haben. Vielen hätten es wissen können.

Wie sieht es heute mit den anderen Honoratioren und Vertretern von Stadt und Gesellschaft in Regensburg aus, die sich im Glanz des weltberühmten Chores gesonnt haben? Wo sind die Solidaritätsadressen für das Leid der Kinder in der Renommiereinrichtung der Stadt, wo sind die Entschuldigungen fürs Nicht-Wahrhaben wollen und Weggucken über viele Jahrzehnte?

Werden wenigstens jetzt die ehemaligen Opfer angemessen gewürdigt, die unter hohem Einsatz und gegen heftigste Widerstände seit mehr als sieben Jahren um die Aufklärung der systematischen Verbrechen an dieser Regensburger Institution gekämpft haben? Wird Ihnen der Verdienstmedaille der Stadt oder des Landes angeboten? Werden sie von den heutigen Eltern dafür gefeiert, dass sie mit ihrem unermüdlichen Einsatz die Kinder in den Einrichtungen in einem der berühmtesten Knabenchöre der Welt sicherer gemacht haben?

Und noch ein Satz zu dem hohen Kunstgenuss, der all das wert war: All die Tränen, das Blut, die Verzweiflung von Kindern über Generationen: Mir wird übel, wenn ich die „engelsgleichen“ Knabenstimmen höre. Denn ich muss zugleich daran denken, wie die Katholische Kirche bis Mitte des 19. Jahrhunderts um der Kunst willen – und um weiterhin Frauen ausschließen zu können – Knaben mit besonders schöner Stimme kastrieren ließ, um den hellen Klang auch nach der Pubertät zu bewahren. Vielleicht ist es an der Zeit, dass man sich auch in Regensburg von der Zeit der reinen Knabenanstalt verabschiedet.

Die Stadt und ihre Bürger, die Katholiken in Regensburg und darüber hinaus schulden den Opfern und ihren Vertretern nicht nur Hilfe und Genugtuung, sondern Dank und Anerkennung. Relativierende Schmähreden von adligen Damen haben sie nicht verdient

„Zeugenaussagen gesucht“

Auch das Erzbistum Berlin starte einen neuen Versuch, die Verbrechen des vormaligen Pater Riedel am Berliner Canisius Kolleg mit den Mitteln des Kirchenrechts aufzuklären. Dazu wird ein eigenes Kirchengericht eingesetzt, dass ein „ordentliches Verfahren“ gegen Riedel führen soll.

Hier der Link zur Seite des Berliner Kirchengerichts (Konsistorium): http://www.erzbistumberlin.de/wir-sind/konsistorium/

 

Hier der Text der dort veröffentlichten Erklärung:

„Der Priester und ehemalige Jesuitenpater Peter R. wurde von zahlreichen Personen, deren Namen dem Kirchengericht nicht bekannt sind, beschuldigt, sie als Minderjährige in den Jahren von 1970-1988 sexuell missbraucht zu haben.

Das kirchliche Gericht im Erzbistum Berlin, das sog. Konsistorium, hat im Namen und im Auftrag der Glaubenskongregation ein Verfahren gegen den Beschuldigten eingeleitet.

Zur Erstellung einer Klageschrift benötigt der kirchliche Anwalt, dem weltlichen Recht vergleichbar, belastbare und zuordbare Aussagen von Zeugen und Betroffenen.

Da es bislang nicht gelungen ist, die vorliegenden anonymisierten Zeugenaussagen konkreten Personen zuzuordnen, sucht das Kirchengericht nach Zeugen, die bereit und in der Lage sind, eine konkrete Aussagen zu machen, bzw. sich eine vorliegende Aussage zuordnen lassen.

Wir bitten mögliche Zeugen sich zu melden beim

Konsistorium des Erzbistums Berlin
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
Tel.: (030) 30 67 38-0
Fax: (030) 30 67 38-19
E-Mail: Konsistoriumerzbistumberlin.de

Absolute Vertraulichkeit ist selbstverständlich zugesichert. Das Konsistorium wird auch über den Verlauf des Verfahrens, die handelnden Personen, etc. umfassend Auskunft gegeben.

Weihbischof Domkapitular Dr. Matthias Heinrich leitet als Bischofsvikar und Offizial das Konsistorium.

Für Auskünfte und die Vereinbarung von Beratungsterminen können Interessierte sich gern an das Sekretariat des Konsistoriums wenden.

Im Konsistorium steht außerdem eine Fachstelle „Kirchenrecht“ für Beratung in kirchenrechtlichen Angelegenheiten zur Verfügung. Leiter ist Konsistorialrat Dr. Achim Faber.“

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Auch dieses Vorhaben unterstützen wir. Wir werden uns dazu von einem Anwalt für Kirchenrecht beraten und unterstützen lassen.

Aufruf an Betroffene in Hildesheim

Im Bistum Hildesheim hat das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) jetzt einen Aufruf an Betroffene gestartet, sich zu melden. Konkret geht es um Menschen, die sexualisierte Übergriffe durch den früheren Hildesheimer katholischen Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988) oder den pensionierten Priester und früheren Jesuitenpater Peter Riedel erlitten haben. Der Aufruf richtet sich auch ausdrücklich an Menschen,  die Kenntnisse über solche Vorfälle haben.

Nach seiner Zeit als Jugendseelsorger und Religionslehrer am Berliner Canisius Kolleg von 1970 bis 1982 war Riedel von seinem Orden nach Göttingen abgeschoben worden, nachdem sich Jugendliche mit Missbrauchsvorwürfen an die Verantwortlichen des Ordens gewandt hatten.  Dennoch arbeitete Riedel in Göttigen von 1982 bis 1989 als Dekanatsjugendseelsorger – bis es auch dort zu Vorwürfen gegen ihn kam und er wiederum versetzt werden musste.

Anschließend war er bis 1997 als Pfarrer in der Gemeinde Guter Hirte in Hildesheim tätig, danach bis 1998 in Sankt Christophorus in Wolfsburg und schließlich bis 2003 in Sankt Maximilian Kolbe in Hannover, wo er schließlich früh pensioniert wurde. Seit dem lebt er im Ruhestand in Berlin.

 

ECKIGER TISCH unterstützt dieses Vorhaben. Wir haben die uns bekannten Fakten dem Institut zur Verfügung gestellt.

 

Hier der Aufruf des IPP: 20170320_HH_Aufruf_WebsiteIPP

Jesuiten legen „Zwischenbericht“ vor

Die deutschen Jesuiten haben einen als „Zwischenbericht“ titulierte Übersicht über die ihnen und ihren Beauftragten seit 2010 angezeigten Fälle von sexuellem Missbrauch vorgelegt, der uns einem der beiden Beauftragten des Ordens Marek Spitcok von Brisinki übermittelt wurde.

Hier geht es zu dem Text als PDF zum Download : Zwischenbericht Meldungen – 30.05.2016.

***

Dazu passt der Kommentar von Matthias Katsch zur schleppenden Aufarbeitung in der Katholischen Kirche, der von der Tageszeitung taz anlässlich des Leipziger Katholikentages ebenfalls am 30. Mai veröffentlicht wurde – fast auf den Tag sechs Jahre nach dem ersten Treffen am Eckigen Tisch in Berlin:

Ehrliche Reue sieht anders aus

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Kommentar von Matthias Katsch

Zum vierten Mal nach 2010 das Thema sexueller Kindesmissbrauch auf der Agenda eines Katholikentags in Deutschland. Und obwohl es bei der Versammlung der katholischen Laienorganisationen in Leipzig durchaus einige Veranstaltungen zur Thematik gab, erscheint es, dass sexuelle Gewalt vor allem als zu bewältigendes Einzelschicksal präsent ist. Auch in Leipzig wird so die Chance verpasst, endlich die systematischen Ursachen der zahlreichen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen, Heimen, Schulen und Pfarreien zu besprechen.

Wie sieht es mit der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Jungen und Mädchen in der Kirche aus?

Ein Gesamtbild für Deutschland gibt es nicht, soll es wohl auch nicht geben. Die von den Bischöfen beauftragten Wissenschaftler werden erst im nächsten Jahr erste Berichte vorlegen. Die dabei genutzte Auswertung der von einigen Bistümern zur Verfügung gestellten Akten kann dabei schon jetzt getrost als gescheitert angesehen werden, weil sie wenig verwunderlich wenig neues zu den zentralen Fragen beitragen können: Wie viele Täter haben in den letzten Jahrzehnten in welchen Einrichtungen wie viele Jungen und Mädchen zu Opfern gemacht, wie groß ist dabei wissenschaftlich plausibel das Dunkelfeld? Wo liegen die Ursachen für die regelrechten Täterkarrieren und die zahlreichen Serientaten? Welche Mechanismen haben an der Verschleierung und dem Verschweigen mitgewirkt. Wer waren die Verantwortlichen? Welche Risikofaktoren lassen sich daraus für die heutigen Institutionen ableiten? Und durch welche Maßnahmen organisatorischer und institutioneller Art lassen sich diese Risiken reduzieren oder neutralisieren?

Diesen Fragen wird beharrlich ausgewichen.

Auch wenn inzwischen flächendeckend Präventionsprogramm ausgerollt werden und das Thema sexueller Kindesmissbrauch damit vordergründig auf der Agenda angekommen ist, so wird die Ernsthaftigkeit zugleich dementiert, wenn Bischöfe, die im Umgang mit übergriffigen und verbrecherisch handelnden Priestern versagt haben weiterhin im Amt bleiben. Dass gar an der Spitze in Rom als Verantwortlicher für alle Missbrauchsfälle weltweit ausgerechnet ein Kardinal steht, der in seiner Amtszeit als Bischof von Regensburg alles getan hat, um die Aufarbeitung von Missbrauch zu behindern, ist ein fortdauernder Skandal. Erst nach dem Weggang von Kardinal Müller beginnt endlich die lange überfällige Auseinandersetzung mit dem Missbrauchs- und Gewaltsystem in den Einrichtungen der Regensburger Domspatzen.

Andernorts wurden Berichte über Täter und ihre Taten erhoben. Doch über das Zählen der Opfer, die sich gemeldet haben hinaus, geschah wenig, um das Verständnis für die eigenen institutionellen Ursachen zum Beispiel bei den Jesuitenschulen, die 2010 der Ausgangspunkt der Aufdeckungswelle waren, zu erhöhen. Wissenschaftliche Analyse, Auswertung und Einordnung stehen noch aus.

Einrichtungen, die gute, wissenschaftlich fundierte Berichte erstellt haben, wie das Kloster Ettal tun sich bis heute schwer, diese der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wieder anderen Bistümer haben bis heute keine Berichte vorgelegt.

Die Frage der Entschädigung wartet immer noch auf eine befriedigende Lösung. Die von den deutschen Bistümern über die Köpfe der Betroffenen hinweg dekretierte „Anerkennungszahlung“ ist es nicht. Auch hier setzt sich die bekannte Intransparenz im Antragsverfahren fort. Bis heute muss jede oder jeder, der wissen will, wie viele Opfer sich bei der Kirche gemeldet haben, wie viele eine Anerkennungszahlung aktuell beantragt haben, wie viele Hilfen beantragen, die Zahlen mühsam zusammensuchen.

Die versprochenen schnellen unbürokratischen Hilfen wurden in Einzelfällen gewährt, die Beteiligung am staatlich organisierten ergänzenden Hilfesystem EHS blieb fast unbekannt und wirkungslos.

Es wird aber auch für die Zukunft Hilfen für die Opfer benötigt. Dazu muss ein Weg gefunden werden, diese in Anspruch nehmen zu können, ohne unnötig mit der Institution der Täter in Kontakt zu können. Vielleicht kann eine Stiftung, ein Opfergenesungswerk, diese Aufgabe in der Zukunft übernehmen.

Der Umgang mit den Betroffenen der eigenen Institution ist nicht nur bei der Kirche immer noch von Ängstlichkeit und Abwehr geprägt. Ein offener Austausch mit Vertretern von Opfern wird immer noch verweigert.

Stattdessen werden die eigenen Anstrengungen für die Prävention hervorgehoben. Wie frustrierend diese neue kirchliche Rolle als Vorbilder der Prävention von den Opfern erlebt wird, stellt man sich wohl kaum vor. Eine von den Opfern immer wieder angebotene Einbindung in die kirchlichen Initiativen zum Kinderschutz heute hat ganz überwiegend nicht stattgefunden.

Die Fragen nach den systemischen Ursachen und damit nach den Risikofaktoren der eigenen Institution werden auch auf dem Katholikentag in Leipzig nur am Rande gestellt oder finden im Alternativprogramm der Laienorganisation Wir sind Kirche statt:

Die Überhöhung des männlichen Priesters und der damit verbundene männerbündische Klerikalismus; die Ausgrenzung und Abwertung der Frauen, die verbal geschätzt werden aber von aller Macht ausgeschlossenen sind; die leibfeindliche Moral und das dunkle Verständnis von Sexualität, die geradezu zwanghafte Fixierung auf die Sünde im Sexuellen; die durch die nichtlebbaren Vorschriften zur Sexualität von Priestern und Laien erzeugte permanente Doppelmoral. Die mangelnde Transparenz und Klarheit bei innerkirchlichen Vorgängen, bei der Entscheidungsfindung und Personalauswahl.

Dies alles sind Themen, die die Lehre und die Organisationsform der katholischen Kirche betreffen und denen sich die Verantwortlichen nicht stellen wollen.

Damit dementieren sie aber zugleich ihre zentrale Beteuerung, man habe aus dem Skandal gelernt und wahlweise „die Opfer“ oder die „Kinder“ stünden nun im Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns.

Ehrliche Reue sieht anders aus. Eine wirkliche Entschuldigung bei den Opfern, die von diesen angenommen werden kann, verbunden mit dem Willen zur Wiedergutmachung, hat es nicht gegeben. Der sogenannte Bußakt der Bischöfe von 2012 war an Gott gerichtet, nicht an die vor dem Dom in Paderborn versammelten Heimkinder und von Missbrauchsopfer.

Wirksame Aufarbeitung muss dreierlei leisten: erheben was war, die Ursachen für das Geschehene offenlegen und den Opfern Anerkennung vermitteln. Alles drei ist bislang bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland nicht gelungen.

Ist die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der Kirche damit gescheitert? Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die staatlicherseits eingesetzte Unabhängige Aufarbeitungskommission wird sicher wichtige Impulse liefern. Aber die Kirche und ihre Mitglieder müssen es auch selber wollen.  Vielleicht beim nächsten Katholikentreffen.

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmisbrauchs geht an den Start

AAUFARBEITUNGSKOMMISSIONuf einer Pressekonferenz in Berlin am 3. Mai 2016 stellte die zum Jahresanfang benannte Aufarbeitungskommission ihr Arbeitsprogramm für die kommende Zeit vor. Die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen erläuterte, auf welchen Wegen Betroffene sich an die Kommission wenden können. Ab sofort können Betroffene sich bei der Kommission mit ihrer Geschichte melden:

https://www.aufarbeitungskommission.de/

Hier der Text der Pressemitteilung: PM_Aufarbeitungskommission-startet-Anhörungen-in-2016.

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Bundespressekonferenz_20x13_300dpiBei der Pressekonferenz hat Matthias Katsch, Sprecher von ECKIGER TISCH, Mitglied im Betroffenenrat und ständiger Gast in der Unabhängigen Kommission folgendes Statement gegeben:

„Ich bin sehr froh, dass diese Kommission heute an den Start geht.  Wir als Betroffene und ich ganz persönlich haben lange dafür gekämpft. Denn sexueller Missbrauch ist kein privates Schicksal, sondern ein andauernder institutioneller und gesellschaftlicher Skandal!

Als ich im Januar 2010 dem Leiter meiner alten Schule davon berichtete, dass es an dieser katholischen Vorzeigeinstitution hier mitten in Berlin vermutlich eine dreistellige Zahl von Opfern sexuellen Missbrauchs gegeben hatte, geschah dies, damit auch die vermuteten Leidensgefährten die Chance erhielten zu erfahren, dass sie nicht alleine gewesen waren. Wir wollten sie anschreiben und ermutigen, ihr Schweigen zu brechen, aus der Überzeugung, dass dies eine befreiende Wirkung haben kann.

Die Botschaft dieser Kommission heute hier verstehe ich so: Diesmal wollen wir es wirklich wissen!

Wir wollen in die dunkelsten Ecken gucken, auch in Bereiche, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Wir wollen die Verantwortlichen benennen, die Strukturen und Bedingungen aufdecken, unter denen Kinder und Jugendliche, Jungen und Mädchen in diesem Land sexuelle Gewalt erlitten haben und immer noch erleiden.

In dem Film Spotlight fiel kürzlich der Satz: Wenn es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, braucht es auch ein ganzes Dorf, um Kinder zu missbrauchen.

Das heißt: Sexueller Missbrauch geschieht immer in einem Umfeld, in einem Zusammenhang: familiär, institutionell, gesellschaftlich.

Auf institutioneller Ebene stellt Aufarbeitung daher eine besondere Herausforderung dar für alle Bildungs- und Betreuungseinrichtungen,

  • in denen Jungen und Mädchen Opfer wurden.
  • in denen Erwachsene vielfach davon Kenntnis erlangten und nicht oder nicht angemessen reagiert haben,
  • und schließlich für jene Institutionen, in denen sogar aktiv dazu beigetragen wurde, dass die Taten solange unentdeckt blieben.

Institutionelle Aufarbeitung ist bislang nur sehr punktuell geschehen.  Vielfach haben wir nicht einmal belastbare Zahlen zu Tätern und Opfern.  Verantwortung wurde nicht übernommen, Strukturen nicht verändert. Opfer warten immer noch auf Anerkennung. Hier erwarte ich wichtige Impulse von der Arbeit der Kommission

Auf gesellschaftlicher Ebenen geht es darum zu klären,  weshalb über Jahrzehnte – in Ost wie West – diese Verbrechen an weitgehend ignoriert und auf Meldungen von Opfern nur unzureichend reagiert wurde. Diesen Schleier aus Wahrnehmungsverweigerung und Passivität müssen wir durchbrechen!

Sexueller Missbrauch ist keine abgeschlossene Geschichte aus ferner Zeit. Die Kommission muss – wenn möglich – jenen Kindern und Jugendlichen, die heute diese Erfahrungen machen müssen – und das sind zehntausende jedes Jahr – signalisieren, dass wir als Gesellschaft zuhören wollen und bereit sind, sie zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten. Dazu müssen wir alle miteinander sprachfähiger in Bezug auf sexuelle Gewalt werden, damit die Tabuisierung endet und Opfer sich an uns wenden können, um gehört zu werden.“