Schuld vergeben oder aushalten? – Radiofeature

… und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich dich darum.“ (O-Ton Wolfgang S.)

Was aber, wenn die Opfer nicht vergeben wollen. Bekommen sie dann wieder den Schwarzen Peter zugeschoben?

Kann und sollte die Kirche die offene Situation der nicht vergebenen Schuld aushalten?

Diesen und weiteren Fragen geht der Theologe und Journalist Christoph Fleischmann in einem 45minütigen Radiofeature u.a. mit der Theologin Katharina von Kallenbach nach, das am 13. März 2011 auf WDR 3 und WDR 5 ausgestrahlt worden ist.

Spin-Doctor Klaus Mertes

Im Blog des publik-forum analysiert Christoph Fleischmann unter der Überschrift Spin-Doctor Klaus Mertes: Schlechtes Angebot, gute Presse das jesuitische Angebot und die geschickte Politik der Jesuiten, die Medien zu nutzen, um ein schlechtes Angebot gut verkaufen zu können.

Das Angebot, so Fleischmann, verstößt gegen hohe theologische Ideale, die Klaus Mertes in seinem jüngsten Buch »Sein Leben hingeben« entwickelt hat; es entspricht auch nicht den Regeln des Basars des Aushandelns, die dann, so man eben der Sühneforderung der Opfer nicht nachgeben will oder kann, zur Anwendung kommen müssten.

Diesem Dilemma entziehen sich die Jesuiten durch das geschickte Auftreten ihres „Spin-Doctors“ Mertes.  Aber, so die Schlussfolgerung, einen Versöhnungsprozess […] kann man das nicht nennen.

Lesenswerter Kommentar, danke!

„Wie lange wollt ihr noch Schäfchen sein?“

Matthias bilanziert im Tagesspiegel in einem klugen Essay, dass an der Diktatur des Kirchenstaats und der rigiden Sexualmoral der katholischen Kirche die öffentliche Debatte wenig geändert hat:

Hat sich die katholische Kirche in Deutschland den mit dem Missbrauchsskandal verbundenen Fragen gestellt? Werden vielleicht sogar schon Antworten gegeben? Leider sieht es bisher nicht danach aus. Es scheint, als störten die unbequemen Opfer nur. Bis heute reagieren die Bischöfe nicht auf die Bitte von Betroffenen zum direkten Dialog.

Im Kern müsste die Debatte, die man ängstlich zu vermeiden sucht, sich um drei Aspekte drehen, die innerlich zusammenhängen: die Ordnungsform der Kirche, ihre Lehren zur Sexualität und der Kitt, der alles zusammenhält: das Geld. Altmodisch gesprochen geht es also um Gehorsam, Keuschheit und Armut – und den Missbrauch an diesen Tugenden zum Zwecke des Machterhalts, den die Hierarchie andauernd betreibt.

Ein zweiter Beitrag schaut, auch hier aus der eindrücklichen persönlichen Sicht von Matthias, auf das Jahr seit Bekanntwerden der Verbrechen an den Jesuitenschulen zurück.

Und zum dritten findet sich heute – bereits zum zweiten Male – eine ‚Richtigstellung‘ zu dem inzwischen zurückgezogenen Raue-Artikel von vergangener Woche im Tagesspiegel.

Ermittlungen in St. Blasien eingestellt

Die Badische Zeitung berichtet, dass die Staatsanwaltschaft Waldshut die Ermittlungen gegen Jesuiten und ehemalige Mitarbeiter des Kollegs wegen sexuellen Missbrauchs, Misshandlung und Körperverletzung eingestellt hat. Die Vorfälle, die bekannt geworden sind, fanden zwischen 1950 und 1990 statt und sind daher verjährt. Anhaltspunkte für Vorgänge in den letzten 20 Jahren hätten sich nicht ergeben.

Daneben steht allerdings noch eine Untersuchung der Verbrechen und der sie begünstigenden Strukturen von Verdeckung und Vertuschung in den 50er, 60er und 70er Jahren durch eine unabhängige Person aus, wie sie von dem Rektor St. Blasiens und dem Jesuitenorden auf dem Eckigen Tisch Ende Mai zugesagt worden ist. Auf Nachfrage wurde diese Zusage beim zweiten Eckigen Tisch im September bekräftigt; ob und wie dieses mittlerweile angegangen ist, ist dem Eckigen Tisch nicht bekannt.

Niederlande / Jan Sanders

Auch in den Niederlanden gibt es von Jesuiten durch Missbrauch Geschädigte, eine Reihe von ihnen hat sich untereinander vernetzt und berät zur Zeit das weitere Vorgehen. Die Forderungen ähneln unseren: Zugang zu den Archiven (wird von den Jesuiten verwehrt), eine unabhängige Untersuchung, Hilfe und Genugtuung. Sie arbeiten hier mit Juristen und auch mit den Medien zusammen.

Einer der Täter hieß Jan Sanders, er war bis in die 80er Jahre am Canisius Kollege in Nijmegen tätig. Danach ging er nach Chile und arbeitete dort in einem „Childcarecenter“! Auch hier gab es möglicherweise Geschädigte.

Aus Notizen geht hervor, dass Sanders öfters in deutschen Einrichtungen der Jesuiten zu Besuch war. Die Niederländer bewegt daher die Frage, ob es auch in Deutschland Übergriffe durch Sanders gegeben hat. Wer hier etwas weiß oder gar selbst betroffen ist, kann sich bei mir melden, ich stelle dann einen Kontakt zu unseren holländischen Freunden her.

Thomas Weiner (thomas@viertelnachvier.de)

Bilanz ziehen – Medienlinks

Pressegespräch Eckiger Tisch

Hier sind Links zur bisherigen Bericht- erstattung über un- ser Pressegespräch vom 26. Juli 2010 im Berliner Abgeordne- tenhaus, an dem etwa 30 Journalisten teilnahmen.

Die rbb-abendschau berichtete gestern, der Beitrag ist im Medienarchiv abrufbar. Ebenso zeigte tv.berlin einen Bericht.

Der Berliner Tagesspiegel titelt „Missbrauchsopfer fordern Geld vom Jesuitenorden“ und zeigt in einem Kommentar auf der Meinungsseite, dass verstanden worden ist, worum es uns ging.

Auch die Berliner Zeitung berichtet, ebenso die taz, die Süddeutsche Zeitung, die Märkische Allgemeine, die Berliner Morgenpost, die BZ sowie der stern. Auch die Washington Post berichtet über den „square table“.

Die Berliner Morgenpost hat inzwischen ihre Berichterstattung erweitert. In einem Kommentar wird unsere Forderung nach rascher Genugtuung gestärkt. Zusätzlich erschien ein umfangreiches Dossier zur Situation der katholischen Kirche in Berlin ein halbes Jahr nach dem Mertes-Brief.

Der Deutschlandfunk sendete am 28. 7. ein Interview mit Matthias Katsch und Stefan Dartmann. Dies steht als Audio-File und zum Nachlesen zur Verfügung.

AKO: Neues Ermittlerteam und anwaltliche Drohbriefe …

Nackte Knaben im Park
Nackte Knaben im Park

Am Bonner Aloisiuskolleg arbeitet seit Juni ein neues Team von Ermittlerinnen. Prof. Julia Zinsmeister von der FH Köln, Rechtsanwältin Petra Ladenburger und die Psychotherapeutin Inge Mitlacher sollen die Aufklärungsarbeit weiterführen.

Der hoffnungsvolle Neuanfang wird getrübt durch die Tatsache, dass einige Betroffene und eine engagierte Journalistin inzwischen anwältliche Drohbriefe von einem Jesuiten erhalten haben. Einen Überblick über die ambivalente Situaion gibt dieser WDR-Bericht:

http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2010/07/19/lokalzeit_bonn.xml?mo=386