Matthias Katsch berichtet vom Missbrauchsgipfel in Rom

Ob ein anstehendes Ereignis als historisch zu bezeichnen ist, lässt sich naturgemäß immer erst im Rückblick entscheiden. Ein einschneidendes Datum wird der Missbrauchsgipfel der katholischen Bischöfe vom 21. bis 24. Februar in Rom auf jeden Fall sein − für die katholische Kirche, für die Betroffenen-Bewegung, und für mich auch ganz persönlich. Ich werde in dieser Woche in Rom an den verschiedenen Aktivitäten der Opfer / Überlebenden / Aktivisten aus aller Welt mitwirken und Gespräche mit Medienvertretern führen. Darüber möchte ich  täglich an dieser Stelle berichten. 

Tag 1:  Sonntag, 17. Februar 2019

Der lange Weg nach Rom

Endlich ist das Thema da, wo es hingehört: In der Zentrale der Weltkirche, die mit ihren organisatorischen Strukturen und ihren Lehren insbesondere zur menschlichen Sexualität eine „Kultur des Missbrauchs und der Vertuschung“ von sexueller Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und vulnerable Erwachsene geschaffen hat, so Franziskus in einem Brief an die Bischöfe in Chile im letzten Jahr.

Viele fragen, was von einem solchen Treffen zu erwarten ist. Die Erwartungen der Öffentlichkeit an den Krisengipfel werden vom Vatikan bereits heruntergespielt. Die Tatsache, dass diese Versammlung überhaupt stattfindet, ist bereits eine kleine Sensation. 34 Jahre nach dem Beginn der öffentlichen Aufmerksamkeit für diese Art von Verbrechen (1985 hatte sich ein Priester in Louisiana vor Gericht schuldig bekannt, elf Jungen sexuell belästigt zu haben), nach Boston und vielen anderen Orten in den USA, nach unzähligen Skandalen in Irland, Australien, Kanada, Deutschland und ganz Mitteleuropa, schließlich Chile und weiterer Staaten Lateinamerikas, nach dem Bekanntwerden vieler weiteren Fälle in fast allen Ländern dieser Erde, in denen die katholische Kirche präsent ist, wird sexueller Kindesmissbrauch nunmehr zum Thema eines Versammlung der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt gemacht. Endlich, möchte man sagen.

Eine solche Zusammenkunft gab es noch nie. Allenfalls ein Konzil, also eine Vollversammlung aller Bischöfe, hätte mehr Aufmerksamkeit erregen können. Es wird damit vor den Augen der Weltöffentlichkeit klar gemacht, dass die Kirche in einer weltweiten Krise ist. Sexueller Kindesmissbrauch durch Kleriker ist kein Problem einiger Länder im Norden und Westen des Globus ist, sondern ein generelles Phänomen in der Kirche.

Aber jenseits der Symbolik, die in dem Ereignis selbst liegt, muss es auch darum gehen, einen Anfang zu setzen und sich mit den dringenden Fragen, die nicht nur die Betroffenen an die Kirche haben, auseinanderzusetzen.

Untersuchungs- und Forschungsberichte weltweit − in Australien wie in Pennsylvania oder in Deutschland − haben immer wieder dieselben Risikofaktoren oder Themenbereiche identifiziert, die zu einer geradezu endemischen Verbreitung von sexuellen Übergriffen durch Priester auf ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche beiträgt, diese Verbrechen begünstigt sowie ihre Aufdeckung behindert:
– Die Frage der Macht der Priesterschaft in der Kirche,
– die Einstellung und Lehre zur menschlichen Sexualität − insbesondere das vormoderne Verständnis der Homosexualität −,
– der Zölibat als zwangsweise Lebensform der Priester und schließlich
– die Frage der Beichte und des Beichtgeheimnisses.

Die Einzelbeichte ist ein besonderer Risikoort, vor allem wenn dort aufgrund des antik anmutenden Sündenverständnisses der Kirche bereits mit vorpubertären Kindern über Sexualität („das Sechste Gebot“ im Jargon der Kirche) gesprochen wird. Die mangelnde Zusammenarbeit mit weltlichen Behörden bei der Verfolgung von Missbrauchstätern im Klerus wurde immer wieder mit der Geheimhaltung von dem Beichtvater bekannt gewordenen Sünden − besser: Verbrechen − als besonderem Merkmal des Sakraments der Beichte begründet. Auch wenn diese Argumentation auch theologisch auf wackligen Füssen steht: Unbestritten ist, dass es in der Kirche in Bezug auf Verfehlungen der Kleriker eine besondere Kultur der Intransparenz und Geheimhaltung gab und immer noch gibt. Das Stichwort ist hier das berüchtigte „päpstliche Geheimnis“.

Allein eine Aufzählung dieser zentralen Problemfelder zeigt, dass eine solche Versammlung in vier Tagen keine vernünftigen Ergebnisse erzielen kann. Dennoch sind diese auch innerkirchlich heftig umstrittenen Themen vermutlich nicht einmal die schwersten Brocken, die vor den Bischöfen und dem Papst liegen. Denn es geht dabei ja um die Zukunft, um die Frage, wie die Kirche ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche werden kann. Die Zehntausenden von Opfern und Überlebenden dieser Verbrechen in aller Welt erwarten eine Antwort auf ihre Forderungen nach Aufklärung der Verantwortlichkeiten, nach Hilfe und Unterstützung und schließlich nach einer angemessenen Entschädigung für das institutionelles Versagen der Kirche.

Wie soll eine Aufarbeitung dieser Verbrechen in zahllosen Bistümern und Ordensgemeinschaften geschehen? Wie wird dabei die Zentrale der Kirche einbezogen? Schließlich lagern Tausende von Akten aus aller Welt im Vatikan.

Die Opfer / Überlebenden / Aktivisten von Ending Clergy Abuse (ECA), die sich zu einem Alternativen Gipfel in dieser Woche in Rom versammeln, fordern für das Treffen Fortschritte bei zwei konkreten Themen: Null-Toleranz und Schluss mit der Vertuschung. Dazu sollten konkrete Änderungen im Kirchenrecht vorgenommen werden. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sollte endlich als Verbrechen an diesen selbst und nicht länger nur als Verstoß des Klerikers gegen seine Pflichten definiert werden. Und es sollte klargestellt werden: Wer als Priester Kinder missbraucht, kann nicht länger Priester sein, und wer das als Bischof oder Ordensvorgesetzter vertuscht hat, disqualifiziert sich für Führungsämter in der Kirche.

Diese simplen Festlegungen würden der seit langem immer wieder lautstark verkündeten Null-Toleranz-Politik des Papstes endlich Taten folgen lassen. Als oberster Gesetzgeber der Kirche könnte Franziskus diese Änderungen aus eigener Macht jederzeit einleiten. Er hat es bislang nicht getan. Der Missbrauchsgipfel gibt ihm nunmehr die Gelegenheit, zu zeigen, dass er nicht nur gut im Ankündigen ist.

Schließlich ein Ausblick auf den kommenden Samstag, wenn das Treffen der Bischöfe in den Endspurt geht: Da versammeln wir uns ab 11:00 Uhr in den Gärten bei der Engelsburg, um durch die römische Innenstadt zum Vatikan zu ziehen.

An alle, die am 23. Februar in Rom sind, ob als Besucher oder beruflich oder als BewohnerInnen: Bitte kommt alle und unterstützt die Betroffenen aus aller Welt bei ihrem #MarchToZero. Die zentralen Forderungen lauten:

#ZeroTolerance    

#ZeroCoverup     

#TruthAndJustice.

Bitte verbreitet den Aufruf. Wir werden versuchen, die Demonstration auch in den sozialen Medien zu streamen und somit für alle zugänglich zu machen, die diese Reise nach Rom nicht antreten konnten, weil ihnen Zeit und Geld dafür fehlen.

Und damit verbunden die Bitte: Ich nehme mir die Zeit, aber Geld kostet die Reise und der Aufenthalt natürlich auch. Wer die Arbeit von ECKIGER TISCH unterstützen möchte, hier wäre ein guter Anlass dazu.

Morgen berichte ich über den Auftakt der Betroffenenversammlung, die Erwartungen der Betroffenen und über die Stimmung in der Stadt vor dem „Missbrauchsgipfel“.

Matthias Katsch (Rom)

Tag 2:  Montag, 18. Februar 2019

Auftakt mit vielen Themen

Schwule Priester, das Doppelleben von Bischöfen und Kardinälen im Vatikan, der Missbrauch von Nonnen, die verheimlichten Kinder von Priestern – zum Auftakt dieser Woche der Wahrheit stehen viele Themen medial auf der Agenda. Dazu der Zölibat, Frauenpriestertum und Kirchenreform – die katholische Kirche und ihre verschiedenen internen Lager haben diese Woche eine Menge zu diskutieren. Die Nachricht von der Entlassung des schwulen Missbrauchstäters McCarrick, der als Bischof, Erzbischof und Kardinal seine Macht ausgenutzt hat, um Minderjährige zu missbrauchen und sich an jungen Priesteramtskandidaten zu vergehen, prägt die Berichterstattung insbesondere der US-Medien.

Alles wichtige Themen. Doch die Sorge ist da, dass dabei das eigentliche Anliegen dieses Krisengipfels zu einem Thema unter vielen werden könnte. Wir wollen versuchen, unsere zentralen Fragen im Fokus zu behalten: Wie gelingt die Aufarbeitung des tausendfachen Unrechts an Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Kirche und durch ihre Kleriker weltweit, wie und durch wen kann dabei die Rolle der Zentrale, des Vatikans, dabei untersucht werden, wie soll Hilfe und Unterstützung für die Opfer und Überlebenden organisiert werden und wie muss eine angemessene Entschädigungen für das institutionelle Versagen der Kirche aussehen.

40 Betroffene aus allen Teilen der Welt treffen sich in einem römischen Hotel nahe der Vatikanstadt, um in den kommenden Tagen zu beraten, wie sie den Druck auf die Kirchenführung aufrechterhalten können und den Opfern in Weltregionen helfen können, in denen es bislang schwer ist, sexuelle Gewalt aufzudecken. Die Teilnehmer kommen unter anderem aus den USA, Jamaika, Ecuador, Peru, Chile, Mexiko, England, Irland, Deutschland, Italien, Polen, Belgien, Schweiz, Spanien, dem Kongo und Indien. Einige haben es nicht nach Rom geschafft, Janet aus Uganda etwa erhielt kein Visum.

Nach zwei Stunden steht ein erster gemeinsamer Auftritt vor den Medien auf dem Programm. Gemeinsam gehen wir zu dem wenige hundert Meter entfernten Pressezentrum des Vatikans am Ende der Via della Conciliazione gleich neben dem Petersplatz. Wir spüren die deutlich erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, sind sogleich umringt von einer Gruppe von zivilen Sicherheitsbeamten, die aus der Menge der Touristen auftauchen. Unsere mitgebrachten Banner und Plakate werden unter die Lupe genommen, fotografiert. Nach längerer Diskussion dürfen wir sie behalten.

Doch der Deal ist klar: Wir dürften sie nicht auf dem Petersplatz enthüllen, sonst werden sie beschlagnahmt. Da wir noch eine Menge vorhaben diese Woche, akzeptieren wir und lassen uns von den aufmerksam gewordenen Pressefotografen ablichten, während wir auf das Ende der Pressekonferenz warten. Drinnen im überfüllten Pressezentrum stellt die Vorbereitungsgruppe des Vatikan-Gipfels den Ablauf der Beratungen der Bischöfe dar, und die thematischen Oberbegriffe für die drei Tage werden vorgestellt: responsibility, accountability und Transparenz. Am Samstag wird der deutsche Kardinal Marx dazu einen Impulsvortrag halten. Da bin ich mal gespannt.

Als die Journalisten schließlich aus dem Saal strömen, stellen wir uns zu einem gemeinsamen Statement auf, Peter Isely, Pete Saunders und ich, hinter uns die Gruppe. Es wird ein großes Gedränge, aber wir können unsere Botschaft vermitteln: Null-Toleranz gegen Täter und Vertuscher heißt Entlassung aus dem Priesterstand auch für die verantwortlichen Bischöfe, Transparenz bedeutet Öffnung der Archive für unabhängige Untersuchungen. Wahrheit und Gerechtigkeit für die Opfer. Die Betroffenen, die nach Rom gereist sind, sind bereit, dem Papst und den Bischöfen ihre Expertise zur Verfügung zu stellen, wenn man sie denn anhören will.

Danach gibt es noch zahlreiche Folgeinterviews. Francesco Zanardi, der italienischer Betroffenenvertreter von der Rete l’abuso kommentiert für die italienischen Medien, der peruanische Journalist und ECA-Aktivisten Pedro Salinas, selbst Opfer der katholischen Missbrauchssekte „Sodalicio de Vida Cristiana“, spricht zu den Spanisch sprechenden Journalisten über den Prozess, der vom Ortsbischof gegen ihn angestrengt wurde, weil er die Machenschaften des Kultes aufgedeckt hatte. Ihm drohen drei Jahre Haft. Juan, ein junger Mann aus Ecuador, der von Mitgliedern des „Sodalicio“ missbraucht wurde, spricht darüber, wie er als einziger von etwa 100 Opfern bereit war, seinen Peiniger anzuzeigen und die Anzeige auch auf Druck nicht zurückziehen will. Ich selbst spreche noch mit der ARD und dem Schweizer Fernsehen.

Erschöpft kehren wir zu unserem Hauptquartier zurück, einem kleinen Versammlungsraum in einem nahegelegten Hotel, um bis in den Abend über eine Satzung, Ziele und Formen der vernetzen Zusammenarbeit zu diskutieren. Wir sind stolz an diesem Tag. Dieser Gipfel verdankt sich dem jahrelangen Engagement von Betroffenen weltweit. Wie ernst die Verantwortlichen, die Herausforderung der kommenden Tage nehmen, zeigt sich an der ungewöhnlich guten medialen Vorbereitung durch die vatikanischen Veranstalter. Sie haben eine eigene Webseite eingerichtet (www.pbc2019.org) und den Hashtag #pbc2019 vorgestellt.

Am morgigen Dienstag geht es weiter mit Pressearbeit und mit unseren Beratungen. Jetzt gilt es, die Pressekonferenz für den Mittwoch vorzubereiten. Der Vatikan hat informell Mitglieder von ECA für ein Treffen mit dem Vorbereitungskomitee angefragt, ebenfalls am Mittwoch früh. Damit müssen wir erst einmal umgehen.

Tag 3:  Dienstag, 19. Februar 2019

#NunsToo

Der Ansturm der Presse hält an, die zahlreichen Interviews kosten Energie. Unsere Beratungen am Dienstag dienten zur Vorbereitung der Pressekonferenz am heutigen Mittwoch im Saal der Auslandspresse in Rom. Eine unerwartete Einladung an einige Betroffene aus dem Kreis von ECA zu einem Gespräch mit dem Team um Bischof Scicluna, das den Krisengipfel der Bischöfe vorbereitet hat, verursachte viel Hektik.

Wir sind nicht nach Rom gekommen, um unsere persönlichen Geschichten zu erzählen, sondern haben konkrete Forderungen formuliert:  #NullToleranz gegen Täter und Vertuscher,  #TruthAndJustice für die Opfer / Überlebenden.

Diese werden wir übermitteln und zugleich darauf hinweisen, dass es ein sehr schlechter Stil ist, die gewählten Vertreter einer Organisation, mit der man sprechen will, zu ignorieren und über unklare Wege Kontakt zu einzelnen Mitgliedern aufzunehmen. Deshalb werden alle ECA-Mitglieder am Mittwoch nach unserer Pressekonferenz zu den Büros beim Vatikan gehen, in dem das Meeting stattfinden soll. Unklar blieb auch, ob wie von uns gefordert, Papst Franziskus an diesem Gespräch teilnehmen wird.

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Dazwischen gab es am Dienstagnachmittag eine eindrucksvolle Pressekonferenz von Frauen von „Voices of Faith“, darunter unser ECA Mitglied Virginia Saldanha aus Indien, die langjährige SNAP-Vorsitzende Barbara Dorris sowie Doris Reisinger (früher: Doris Wagner), die kürzlich in einem eindrucksvollen Gespräch mit dem Wiener Kardinal im BR zu sehen war. Es ging um den Kampf gegen die sexuelle Gewalt von Priestern gegen Frauen, insbesondere Nonnen. Die Darstellung der undemokratischen, männerbündischen Machtstrukturen und Mechanismen, die diese Verbrechen ermöglichen und zugleich deren Aufdeckung behindern, ähnelte sehr der Analyse von Ursachen und Gründen für den fortgesetzten Kindesmissbrauch durch Priester weltweit.

Tag 4: Mittwoch, 20. Februar 2019

TV-Hinweis:
Kirche im Kreuzfeuer – Was tut der Papst gegen den Missbrauch?
Gäste:
– Bernd Hagenkord, „Vatican News“
– Matthias Katsch, Sprecher ECKIGER TISCH
– Doris Wagner, ehemalige Ordensfrau und Missbrauchsopfer
– Notker Wolf, Benediktiner und ehemaliger Abtprimas

Tag 5:  Donnerstag, 21. Februar 2019

Pressetermine
tagesschau (ARD)
mittagsmagazin (ZDF)
NDR info: „Wir fordern Änderungen des Kirchengesetzes“
heute (ZDF)
18:45 Uhr –  WDR Fernsehen (aktuelle stunde)
heute-journal
SPIEGEL ONLINE

Weitere Medien-Links in unserer Presseschau

Tag 6:  Freitag, 22. Februar 2019

Der Gipfel der Opfer / Überlebenden

Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie viele Interviews ich gegeben habe. Neben den Auftritten in Studios von ARD und ZDF sind es viele Statements auf den Straßen rund um den Petersplatz, an den Absperrungen, wo die Bischöfe kommen und gehen. Gestern, am Donnerstag, konnte man bei strahlendem Sonnenschein an jeder Straßenecke rund um den Vatikan Betroffene stehen sehen, mit einem Kamerateam, und Interviews geben.

Am Rande der Absperrungen vor dem Tagungsort kam es zu einem bemerkenswerten Austausch mit dem Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Hollerich SJ  (Video).

VIDEO (Channel 4 ):
Matthias Katsch im Gespräch mit dem Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Hollerich

Es gab Pressekonferenzen am laufenden Band. Die Zivilpolizisten, die uns auf Schritte und Tritt begleiten, sagen uns, so einen Auftrieb sähen sie sonst nur, wenn ein Papst gestorben sei.

Die Dutzenden Betroffenen aus über 20 Ländern, die nach Rom gekommen sind, prägen das Gesicht dieses Krisengipfels. Heute beginnt der letzte Tag und es wird sich entscheiden, ob die Bischöfe und der Papst bereit sind, einen Sprung nach vorne zu wagen, oder ob sie ängstlich darauf warten, bis auch der Letzte von ihnen Einsicht zeigt. Gestern, bei der Diskussion um accountability – also Verantwortungsübernahme und Rechenschaft – war deutlich zu spüren, das es vielen von ihnen schwer fällt, sich von ihren verbrecherischen Mitbrüdern zu trennen. Die Solidarität mit den Tätern ist für manche größer als mit den Opfern. Der Kardinal von Manila kritisierte die geforderte Null-Toleranz, weil es unter den Missbrauchern doch auch viele gute Priester gebe. An dieser Äußerung wird deutlich, warum wir mit unserer unbedingten Forderung nach Null-Toleranz richtig liegen.

Das Gespräch mit Kardinal Marx war ein gutes Beispiel dafür, wie es besser und anders laufen könnte, wenn Papst und Bischöfe den Mut fänden, die Opfer ihrer Kirche in die Versammlung einzuladen: Klar und kontrovers in der Sache, auch mit vielen Übereinstimmungen, höflich und respektvoll. Bislang scheinen aber die Bedenkenträger und die Machtzyniker die Oberhand zu behalten, die meinen, man müsse die Opfervertreter draußen halten, um die Kontrolle nicht zu verlieren.

Wir sind gespannt auf den heutigen Vortrag von Kardinal Marx zur Transparenz, eine wichtige Frage, auch im Hinblick auf die immer wieder geforderten Untersuchungskommissionen und Aufarbeitungsprojekte in den Bistümern weltweit und im Vatikan selbst. Wir der Zugang zu den Akten und Unterlagen durch unabhängige Ermittler und Forscher geöffnet?

Tag 7:  Samstag, 23. Februar 2019

Gleich startet unser March to Zero und damit geht auch der Gipfel auf die Zielgeraden. Der Gipfel war schon jetzt ein Erfolg für die Bewegung der Opfer. Noch besteht Hoffnung, dass er auch für die Kinder und Jugendlichen in aller Welt ein Erfolg wird, die in von Missbrauch bedroht sind durch verbrecherische Priester und durch ein System, dass diese Täter bislang geschützt hat.

Tag 8:  Sonntag, 24. Februar 2019

Matthias Katsch zu Gast bei ANNE WILL
Beiträge zur Sendung in unserer Presseschau

„Die Rede des Papstes ist der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen.“ 

Matthias Katsch / ECKIGER TISCH

Nachwort:  Was für eine Woche!

Eine Woche ist seit dem Abschluss des Krisengipfels im Vatikan über den sexuellen Missbrauch durch Kleriker vergangen und ich fühle mich noch immer getragen von der Solidarität und dem Kämpfergeist der Betroffenen, die aus allen Teilen der Welt nach Rom gekommen waren. Mit diesem Geist geht nun die Auseinandersetzung in unseren jeweiligen Ländern weiter.

„Menschenopfer“

In seiner Rede am Sonntag hat der Papst darauf hingewiesen, wie weit verbreitet sexuelle − aber auch physische − Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in unseren Gesellschaften ist. Dennoch habe ich die Rede scharf kritisiert. Weil der Splitter und der Balken… diese Rede war einfach am Thema vorbei, wo alle Welt endlich konkrete Beschlüsse über die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt durch seine Priester erwartet hatte. Wenn die Kirche Teil der Lösung und nicht länger Teil des Problems sein will, muss sie sich zunächst den strukturellen und mentalen Ursachen in ihrer eigenen Organisation stellen.

In der Rede des Papstes war auch eine Passage enthalten, die ich für interessant und stimmig halte, wenn auch vermutlich anders, als der Papst meinte. Er ruft in Erinnerung, dass in früheren Zeiten die Menschen ihre Kinder in der Not den Göttern opferten, und dass so heute in unseren Gesellschaften die Kinder wie ein modernes Opfer erscheinen – etwas, was endlich überwunden werden muss. Wie wahr. Viele Kinder könnten vor schlimmen Schicksalen bewahrt werden, wenn wir entschlossen und mit ausreichenden Mitteln handeln würden. Auch Kindesmissbrauch geschieht nicht einfach nur schicksalhaft, sondern ist ein gesellschaftlicher Skandal, weil wir nicht alle Anstrengungen unternehmen, um es zu beenden.

Tatsächlich gehört das Opfern des Kostbarsten im Leben der Menschen, des eigenen Kindes zu den Urphänomenen von Religiosität. Auch und gerade im Christentum, wo der zornige Gottvater durch das selbstlose Opfer des Sohnes versöhnt, das heißt versühnt wird. Der Priester wiederum opfert sein privates Leben, seine Sexualität für den Dienst. Das hebt ihn aus der Masse der Gläubigen heraus und macht ihn zu etwas Besonderem. Auch wenn heute verbal gern bestritten wird, dass die Priesterschaft sich als herausgehoben versteht: Ihre tägliche Praxis zeigt etwas anderes.

Diese Haltung prägt auch im Innersten das Verhalten der Kirche angesichts der weltweiten Missbrauchskrise. Statt offen und rückhaltlos aufzuklären, statt über die Rolle ihrer Priesterkaste, den Zölibat, ihre überkommende Lehre zur Sexualität zu diskutieren, stritten die Bischöfe in der Versammlung beim Papst darüber, ob man einen Priester, der Kinder missbraucht hat, nicht vielleicht doch Dienst tun lassen kann − natürlich fern von Kindern und Jugendlichen −, „wenn er doch ein guter Priester ist“.

Mal abgesehen davon, was diese Bischöfe eigentlich unter einem guten Priester verstehen: Es ist genau diese weit verbreitete Praxis, die das Wohl der Institution und des Täters über alles andere stellt und der so viele Kinder zum Opfer gefallen sind und immer noch zum Opfer fallen. Letztlich wurden und werden die Kinder geopfert, um die Strukturen der Kirche aufrechterhalten zu können. Insofern hat der Spiegel, den der Papst der Gesellschaft vorhalten wollte, letztlich nur die tieferen Ursachen der Krise seiner Kirche aufgezeigt.

In diesen Tagen habe ich sehr viele Anfragen und Nachrichten der Unterstützung erhalten. Ich versuche − so gut es geht − auf alle zu antworten. Danke für diese Solidarität!

Wir müssen den Druck aufrechterhalten und noch erhöhen, damit die Kirche sich bewegt. Wir brauchen auch Mittel, um Betroffene zu erreichen, die sich allein und isoliert fühlen. Danke daher auch für die vielen kleinen und großen Spenden, die bei uns eingegangen sind.

ARD – extra 3:  Der Teufel trägt Talar:

ZDF heute-show vom 1. März 2019: