Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Kommentar von Matthias Katsch

Zum vierten Mal nach 2010 das Thema sexueller Kindesmissbrauch auf der Agenda eines Katholikentags in Deutschland. Und obwohl es bei der Versammlung der katholischen Laienorganisationen in Leipzig durchaus einige Veranstaltungen zur Thematik gab, erscheint es, dass sexuelle Gewalt vor allem als zu bewältigendes Einzelschicksal präsent ist. Auch in Leipzig wird so die Chance verpasst, endlich die systematischen Ursachen der zahlreichen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen, Heimen, Schulen und Pfarreien zu besprechen.

Wie sieht es mit der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Jungen und Mädchen in der Kirche aus?

Ein Gesamtbild für Deutschland gibt es nicht, soll es wohl auch nicht geben. Die von den Bischöfen beauftragten Wissenschaftler werden erst im nächsten Jahr erste Berichte vorlegen. Die dabei genutzte Auswertung der von einigen Bistümern zur Verfügung gestellten Akten kann dabei schon jetzt getrost als gescheitert angesehen werden, weil sie wenig verwunderlich wenig neues zu den zentralen Fragen beitragen können: Wie viele Täter haben in den letzten Jahrzehnten in welchen Einrichtungen wie viele Jungen und Mädchen zu Opfern gemacht, wie groß ist dabei wissenschaftlich plausibel das Dunkelfeld? Wo liegen die Ursachen für die regelrechten Täterkarrieren und die zahlreichen Serientaten? Welche Mechanismen haben an der Verschleierung und dem Verschweigen mitgewirkt. Wer waren die Verantwortlichen? Welche Risikofaktoren lassen sich daraus für die heutigen Institutionen ableiten? Und durch welche Maßnahmen organisatorischer und institutioneller Art lassen sich diese Risiken reduzieren oder neutralisieren?

Diesen Fragen wird beharrlich ausgewichen.

Auch wenn inzwischen flächendeckend Präventionsprogramm ausgerollt werden und das Thema sexueller Kindesmissbrauch damit vordergründig auf der Agenda angekommen ist, so wird die Ernsthaftigkeit zugleich dementiert, wenn Bischöfe, die im Umgang mit übergriffigen und verbrecherisch handelnden Priestern versagt haben weiterhin im Amt bleiben. Dass gar an der Spitze in Rom als Verantwortlicher für alle Missbrauchsfälle weltweit ausgerechnet ein Kardinal steht, der in seiner Amtszeit als Bischof von Regensburg alles getan hat, um die Aufarbeitung von Missbrauch zu behindern, ist ein fortdauernder Skandal. Erst nach dem Weggang von Kardinal Müller beginnt endlich die lange überfällige Auseinandersetzung mit dem Missbrauchs- und Gewaltsystem in den Einrichtungen der Regensburger Domspatzen.

Andernorts wurden Berichte über Täter und ihre Taten erhoben. Doch über das Zählen der Opfer, die sich gemeldet haben hinaus, geschah wenig, um das Verständnis für die eigenen institutionellen Ursachen zum Beispiel bei den Jesuitenschulen, die 2010 der Ausgangspunkt der Aufdeckungswelle waren, zu erhöhen. Wissenschaftliche Analyse, Auswertung und Einordnung stehen noch aus.

Einrichtungen, die gute, wissenschaftlich fundierte Berichte erstellt haben, wie das Kloster Ettal tun sich bis heute schwer, diese der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wieder anderen Bistümer haben bis heute keine Berichte vorgelegt.

Die Frage der Entschädigung wartet immer noch auf eine befriedigende Lösung. Die von den deutschen Bistümern über die Köpfe der Betroffenen hinweg dekretierte „Anerkennungszahlung“ ist es nicht. Auch hier setzt sich die bekannte Intransparenz im Antragsverfahren fort. Bis heute muss jede oder jeder, der wissen will, wie viele Opfer sich bei der Kirche gemeldet haben, wie viele eine Anerkennungszahlung aktuell beantragt haben, wie viele Hilfen beantragen, die Zahlen mühsam zusammensuchen.

Die versprochenen schnellen unbürokratischen Hilfen wurden in Einzelfällen gewährt, die Beteiligung am staatlich organisierten ergänzenden Hilfesystem EHS blieb fast unbekannt und wirkungslos.

Es wird aber auch für die Zukunft Hilfen für die Opfer benötigt. Dazu muss ein Weg gefunden werden, diese in Anspruch nehmen zu können, ohne unnötig mit der Institution der Täter in Kontakt zu können. Vielleicht kann eine Stiftung, ein Opfergenesungswerk, diese Aufgabe in der Zukunft übernehmen.

Der Umgang mit den Betroffenen der eigenen Institution ist nicht nur bei der Kirche immer noch von Ängstlichkeit und Abwehr geprägt. Ein offener Austausch mit Vertretern von Opfern wird immer noch verweigert.

Stattdessen werden die eigenen Anstrengungen für die Prävention hervorgehoben. Wie frustrierend diese neue kirchliche Rolle als Vorbilder der Prävention von den Opfern erlebt wird, stellt man sich wohl kaum vor. Eine von den Opfern immer wieder angebotene Einbindung in die kirchlichen Initiativen zum Kinderschutz heute hat ganz überwiegend nicht stattgefunden.

Die Fragen nach den systemischen Ursachen und damit nach den Risikofaktoren der eigenen Institution werden auch auf dem Katholikentag in Leipzig nur am Rande gestellt oder finden im Alternativprogramm der Laienorganisation Wir sind Kirche statt:

Die Überhöhung des männlichen Priesters und der damit verbundene männerbündische Klerikalismus; die Ausgrenzung und Abwertung der Frauen, die verbal geschätzt werden aber von aller Macht ausgeschlossenen sind; die leibfeindliche Moral und das dunkle Verständnis von Sexualität, die geradezu zwanghafte Fixierung auf die Sünde im Sexuellen; die durch die nichtlebbaren Vorschriften zur Sexualität von Priestern und Laien erzeugte permanente Doppelmoral. Die mangelnde Transparenz und Klarheit bei innerkirchlichen Vorgängen, bei der Entscheidungsfindung und Personalauswahl.

Dies alles sind Themen, die die Lehre und die Organisationsform der katholischen Kirche betreffen und denen sich die Verantwortlichen nicht stellen wollen.

Damit dementieren sie aber zugleich ihre zentrale Beteuerung, man habe aus dem Skandal gelernt und wahlweise „die Opfer“ oder die „Kinder“ stünden nun im Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns.

Ehrliche Reue sieht anders aus. Eine wirkliche Entschuldigung bei den Opfern, die von diesen angenommen werden kann, verbunden mit dem Willen zur Wiedergutmachung, hat es nicht gegeben. Der sogenannte Bußakt der Bischöfe von 2012 war an Gott gerichtet, nicht an die vor dem Dom in Paderborn versammelten Heimkinder und von Missbrauchsopfer.

Wirksame Aufarbeitung muss dreierlei leisten: erheben was war, die Ursachen für das Geschehene offenlegen und den Opfern Anerkennung vermitteln. Alles drei ist bislang bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland nicht gelungen.

Ist die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der Kirche damit gescheitert? Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die staatlicherseits eingesetzte Unabhängige Aufarbeitungskommission wird sicher wichtige Impulse liefern. Aber die Kirche und ihre Mitglieder müssen es auch selber wollen.  Vielleicht beim nächsten Katholikentreffen.

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