Zum Urteil des geheimen „Kirchengerichts“ gegen Peter Riedel

Gegen Peter Riedel, den ehemaligen Jesuiten und Leiter der Jugend­arbeit am Canisius-Kolleg von 1971 bis 1982 wurde nach Presseberichten durch das sog. „Kirchengericht“ des Erzbistums Berlin ein Urteil gefällt – aber nicht wegen des vielfachen Missbrauch von Jungen in dieser Zeit – Schätzungen gehen von über 100 Fällen aus, gemeldet haben sich ab 2010 etwa 60 Betroffene – sondern wegen eines einzelnen Falles aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer im Bistum Hildesheim. Dorthin wurde Riedel 1982 „entsorgt“, nachdem Jugend­liche in einem Brief an den Orden auf ihre Not aufmerksam gemacht hatten.

Im Bistum Hildesheim betreute Riedel nacheinander Gemeinden in Göttingen, Hildesheim und Hannover. Nach erneuten Missbrauchs­vorwürfen auch dort verließ er den Jesitenorden und wurde schließlich 2004 in Ehren pensioniert.

Dieses Urteil und der Umgang der Kirche mit ihrem Priester ist beschämend und empörend. Natürlich ist es gut, dass es überhaupt ein Urteil gibt, da Riedel seine Taten stets geleugnet hat. Die Taten am Canisius-Kolleg wurden jedoch gar nicht berücksichtigt. Die Opfer von Peter Riedel wurden nicht von dem Verfahren informiert und ihnen keine Gelegenheit gegeben, mitzuwirken und angehört zu werden.

Eine lächerliche Strafe –
Wir fordern Null-Toleranz bei Missbrauchspriestern!

Das Urteil empfinden wir als sehr milde. Der Ausschluss vom Priester­dienst ist keine Strafe, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wir fordern von der Kirche in Deutschland endlich die Umsetzung der sogar vom Papst empfohlenen Null-Toleranz-Praxis für Priester, denen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird, und das sofortige Ende ihrer priesterlichen Tätigkeit ab dem ersten Fall. Vorreiter sind hier die Bistümer in den Vereinigten Staaten.

Die Geldstrafe von 4000 Euro für einen einzelnen Fall ist in der Höhe möglicher­weise auch vor weltlichen Gerichten leider ein üblicher niedriger Satz. Finanziell tut ihm das sicher nicht weh. Denn als Gemeindepfarrer dürfte er eine sehr hohe Pension erhalten. Wirklich beurteilen können wir dies jedoch nicht, weil weder das Urteil noch der Fall, über den geurteilt wurde, bekannt sind.

Unangemessene Heimlichkeit – Wir fordern Transparenz!

Wir kritisieren die Heimlichkeit und Intransparenz, mit der dieses Verfahren geführt wurde. Unter dem Deckmantel des Opferschutzes wurde ermittelt und geurteilt – von wem auch immer. Wir fordern von der Kirche, dass sie selbst das Verfahren erklärt und das Urteil selbst öffentlich macht. Wir bitten Presse und Öffent­lichkeit, darauf zu drängen, dass diese unwürdige Praxis von Geheimprozessen einem nachvollziehbaren Verfahren Platz macht.

Leider müssen wir auch im Jahr vier bitten und fordern. Wann geht die Kirche endlich einmal pro-aktiv auf die Menschen zu? Wann werden die Akten der Kirche endlich für unabhängige Untersuchungen geöffnet? Wir fordern nicht nur in Deutschland sondern auch in Rom ein Umdenken. Auch dort lagern viele Akten über Missbrauchsfälle in Deutschland. Auch diese müssen zugänglich gemacht werden.

Matthias Katsch

Sprecher Eckiger Tisch

16. Januar 2014

 

Weitere Informationen:

SPIEGEL ONLINE: „Das ist beschämend“

Deutschlandradio Kultur:
„Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe“

SPIEGEL ONLINE: Kirchengericht verurteilt Jesuitenpater

Deutschlandradio: Kirchengericht verurteilt Jesuitenpater

6 Kommentare zu “Zum Urteil des geheimen „Kirchengerichts“ gegen Peter Riedel

  1. Lieber Herr Katsch, jedes Opfer denkt so wie Sie. Aber Kirche findet sich mal wieder großartig. Dieser Gerichtsprozess zeigt, w i e es funktioniert. Ein Alibi Opfer und all die, die mitgeholfen haben, dass der Herr Pater so lange wirken konnte, bleiben. Man kann sich über dieses Urteil ärgern, Herr Katsch, man kann sich aber auch freuen über diesen Selbstschuss.Dieses Eigentor zeigt: der Klerus versteht nicht, worum es geht.Katholische Kirche hat an erster Stelle mit heiler Welt zu tun. Weh Dem, der sie ankratzt. Ich meine natürlich die heile Welt des Klerus.Vor Weihnachten hat der Jesuitenorden die Katholiken gebeten, eine Novene für Ordensberufungen zu beten.Ich denke die ganze Zeit daran, dass Gotthold Hasenhüttl damals in Nullkommanichts weg vom Fenster war.Wegen seiner Todsünde der Inmterkommunion.

  2. Sehr erhellend in dem Zusammenhang diese Erklärung:

    http://www.jesuiten.org/fileadmin/Redaktion/Downloads/Erkl%C3%A4rung_R-D._Pfahl.pdf

    Niemand hat etwas gemerkt, gehört oder geschlussfolgert. Man leitete schließlich Bildungsprojekte. Da hatte man Wichtigeres zu tun.

    Im Ernst: ich halte Verdrängung eigener traumatischer Erfahrungen für eine der Hauptursachen, was die hartnäckige immer wieder in Arroganz übergehende Ignoranz der Verantwortlichen angeht.

    Innerhalb der katholischen Priesterschaft müsste es rein statistisch gesehen weltweit 50 000 Kleriker geben, die selbst Missbrauchsopfer sind. Wenn man nur die niedrigsten wissenschaftlich ermittelten Zahlen ansetzt. Legt man Studien an, die höhere Werte ermittelt haben, dann landet man bei 50 000 Priestern, die als Kinder und oder Jugendliche durch Handlungen malträtiert wurden, die man vorsichtig als „beischlafähnlich“ bezeichnet. Und etwas ziemlich widerliches damit meint.

    Und wie viele dieser Geweihten haben sich davon als Opfer zu erkennen gegeben?!?

    Eben.

    Ich weiß nur von Pfarrer Ix, der von der Eifel aus tapfer gegen diese psychosozialen Verwahrlosungen innerhalb seiner Institution kämpft. Unter anderem, indem er seine Erfahrungsexpertise als Missbrauchsopfer in seine Arbeit einfließen lässt.

    Schönen Gruß, für die Fälle, dass er das hier liest.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

  3. http://www.handelszeitung.ch/politik/missbrauch-durch-priester-fuehrt-zu-bankrott-560986

    „Die katholische Diözese Helena im US-Bundesstaat Montana ist pleite. Es ist die elfte Diözese, die in den USA nach teuren Gerichtsverfahren in finanzielle Schieflage geraten ist. Helena reichte ihren Insolvenzantrag bei Gericht ein, wie der TV-Sender NBC berichtet. Der Schritt erfolgt im Zusammenhang mit einer Entschädigungszahlung über 15 Millionen Dollar.

    Bis in die 1980er Jahre sollen in Helena 362 Kinder durch Priester, Nonnen und andere Mitarbeiter missbraucht worden sein. Weitere 2,5 Millionen Dollar wurden für mögliche weitere Betroffene zur Seite gelegt, die Missbrauchsfälle bisher verschwiegen haben. Helenas Bischof George Leo Thomas entschuldigte sich schriftlich bei den Opfern. Er wolle die mehr als 30 Jahre alten Unterlagen durchpflügen und klären, ob «Versäumnisse der Führung» beabsichtigt waren.“

    Man beachte besonders das vorletzte Wort.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  4. Ob beabsichtigt, oder nicht. Die Wirkung ist dieselbe. Wenn mir jemand mit ich konnte leider nicht, kommt, da ärgere ich mich noch mehr. Wer unfreiwillig oder dumm sündigt, wird unfreiwillig oder dumm bestraft. Das wußten die alten Griechen schon.Eina andere Möglichkeit wäre, ob der Mißbrauch unter Alkoholeinfluss stattfand. Da wäre Kirche aus dem Schneider. ( Aus dem Schneider, Frau Oetken ;-) )

  5. «Versäumnisse der Führung» beabsichtigt waren.”

    Da denke ich immer zuerst an Kinderhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Sowas gibt es auch institutionsintern.

    Prominentes Beispiel: der BBC-Skandal. Savile und Co. brachten viel Geld ins Haus, also bekamen sie die Möglichkeit Kinder sexuell zu foltern.

    In solchen Gefügen gilt Mitgefühl und Verantwortungsübernahme offenbar als Zeichen von Schwäche.

    Und solchen Einrichtungen sollen wir bedürftige Menschen, insbesondere Kinder anvertrauen?!?

    Sie sind vor allem Projektionsflächen der Eitelkeiten ihrer Anhänger.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  6. „Ich unterwerfe mich, damit ich unterwerfen darf.“

    „Unterwerfungsrituale haben für beide Seiten, Opfer und Täter, eine magische Attraktivität. Das heißt aber nicht, dass die Opfer sich freiwillig daran beteiligen. Im Gegenteil: Sie haben Angst vor Ausgrenzung. Es gibt einen Druck innerhalb des sozialen Systems auf diese Riten hin.“

    http://www.zeit.de/2015/05/rituale-gewalt-unterwerfung

    Sollte das bewährte klerikale Muster „Heranwachsende sexuell ausbeuten, sich dabei aber nicht von Außenstehenden erwischen lassen“ nicht auch den Unterwerfungsritualen (Initiationsriten) zugeordnet werden?

    Übergriffigkeit gilt in unserer Kultur ja schließlich nicht umsonst auch als erstrebenswerte Tugend. Sie wird dann nur anders bezeichnet.
    Als Durchsetzungsfähigkeit, Zielstrebigkeit, intellektuelle Überlegenheit, Disziplin, Engagement, Individualität…

    Jede Medaille hat zwei Seiten.

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