2 Gedanken zu „Aufarbeitung, Hilfe, Genugtuung: Wir stehen immer noch am Anfang!

  1. Lieber Matthias,

    Gut, dass du so klare Worte gefunden hast.

    „Wenn die Vergangenheit aber nicht aufgearbeitet wird, lässt das für die Nachhaltigkeit im Bemühen um Prävention nichts Gutes vermuten.“

    Absolut. Bei der ganzen Sache ging es sicherlich weniger darum, Missbrauch wirklich zu unterbinden, als diejenigen, die sich unbeteiligt und sicher wähnen in ihrer Sorglosigkeit zu belassen.
    Anno Tobak habe ich mal gelernt, wozu „Katharsis“ gut ist. So wie Goethe sie verstanden hat. „Eine Vereinbarkeit von Pflicht und Neigung (Vernunft und Gefühl), … die keine Menschenopfer kostet“. In diesem Fall unterblieben. Ich befürchte deshalb, dass das Opfern noch lange fortgesetzt wird.

    „Stattdessen vertrauen wir als Gesellschaft darauf, dass die Institutionen wie die Kirche sich quasi irgendwie selbst aufarbeiten“

    Sehe ich etwas anders. Die Gesellschaft vertraut den entsprechenden Institutionen überhaupt nicht mehr, denen scheint das egal zu sein und die Politiker haben offenbar noch nicht gerafft, was ihre WählerInnen von der Sache halten. Das finde ich alles sehr ermutigend. Denn die Gesellschaft – das sind wir alle und wir sind eindeutig in der Überzahl :)

    „Warum haben so viele weggeschaut?
    Warum wurde soviel geschwiegen?“

    Weil so viele selbst betroffen, mit-betroffen, verantwortlich oder schuldig sind. Das aber meistens lieber vor sich und anderen verleugnen.
    Die haben das Erlebnis, wie sehr die Wahrheit befreit wohl noch vor sich.

    „Wir beklagen heute, dass das Gesetz, das mehr Opferschutz in Strafverfahren bringen sollte, immer noch im Bundestag schmort, und die Regierung offensichtlich nicht in der Lage ist, den Widerstand in den eigenen Reihen zu überwinden.“

    Die nächsten Skandale werden kommen. Genauso wie die nächsten Wahlen.

    „Die meisten sind nie gehört worden.“

    Ich kann anderen Betroffenen nur raten, sich zu outen und zu melden. Es kostet Kraft ist aber viel gesünder als die üblichen Bewältigungsstrategien Verdrängen und Krankheit.

    „Abschließend ein Gedanke: vielleicht werden wir dann im Verlaufe dieses Prozesses auch die Zeichen der Anerkennung durch Politik und Gesellschaft bekommen, die sich viele Betroffene wünschen. Dazu gehören Genugtuungszahlungen, die als angemessen wahrgenommen werden können aber auch Gesten der Wertschätzung und Orte des Erinnerns und Gedenkens.“

    Wovon ich fest überzeugt bin ist, dass ich es noch miterleben darf, wie etliche Verantwortliche in Rückschau bitter bereuen werden, dass sie sich jetzt nicht für genau das eingesetzt haben.

    Insofern Matthias:

    dir und allen „Kirchenopfern“, die sich vor drei Jahren so entschlossen an die Öffentlichkeit gewandt und statt zu resignieren sich die meiste Zeit so sehr engagiert haben einen ganz, ganz herzlichen Dank.

    Ohne das was ihr angeschoben habt, wären wie nie so weit gekommen wie wir es sind. Jedenfalls als BetroffenenaktivistInnen nicht.

    In meinem Fall kann ich das daran erkennen, dass ich noch vor nicht all zu langer Zeit nicht gewagt hätte, mich als Missbrauchsopfer zu outen. Und es trotz der Warnungen von Freunden und Kollegen getan habe. Weil ihr es auch gemacht habt.

    Und nichts Schlimmes daraus entstanden ist.

    Im Gegenteil: viele gute Kontakte, Erkenntnisse und mehr Souveränität im Umgang mit der eigenen Biografie.

    Herzliche Grüße von
    Angelika

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