Stellungnahme zum Treffen des Papstes mit fünf Missbrauchsopfern

Wir versuchen seit 18 Monaten, in einen Dialog mit den Verantwortlichen der Kirche zu treten − leider ohne wirklichen Erfolg. Nun heißt es, Papst Benedikt XVI. hat sich mit einigen Betroffenen von sexuellem Missbrauch getroffen. Das ist hoffentlich eine gute Nachricht für diese Betroffenen und wir freuen uns, wenn Ihnen dieses Zusammentreffen hilft.  Wir sind auch froh, dass bei dieser Gelegenheit das Engagement von Menschen gewürdigt wurde, die mit Betroffenen sexueller Gewalt in der Kirche professionell umgehen.

Wir bedauern, dass unsere Bitte zu einem Dialog über die systemischen Ursachen sexueller Gewalt in der Kirche nicht gehört wurde und ein Gespräch mit dem Papst nicht möglich war. Erneut erleben wir die Kirche als „vermachtete“ Institution, an der wir abprallen wie von einer Wand.

Es heißt, der Papst sei von dem Treffen tief bewegt gewesen. Dies glauben wir gern. Wir sind gespannt, ob Benedikt XVI. sich auf sein „hörendes Herz“ verlässt und sich daraufhin in den nächsten Tagen zu seiner institutionellen Verantwortung für das Leid von Kindern und Jugendlichen in seiner Kirche äußern wird. Es geht nicht bloß um „Unkraut“, dass gejätet werden muss, wie er sich im Olympiastadion ausdrückte. Es geht um gewalttätige Strukturen in der Kirche, die Missbrauch begünstigt und das zweite Verbrechen, das der Vertuschung, ermöglicht haben.

Für uns ist auf unserem Weg der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit auch eine Etappe zu Ende gegangen. Wir müssen anerkennen, dass die römisch-katholische Kirche in unserer Gesellschaft eine solche Machtposition aufgebaut hat, dass sie auch weitgehend ohne Dialog mit ihren Opfern auskommt – und wie es scheint, auch mit immer weniger Dialog mit ihren engagiertesten Mitgliedern. Doch dies müssen diese für sich klären.

Wir werden nicht weiter den Unwilligen hinterherlaufen und unsere Kräfte dabei verschleißen, Anerkennung von denen zu erreichen, die fest entschlossen sind, unsere drängenden Fragen zu überhören. Vielmehr werden wir uns darauf konzentrieren, Zukunft zu bauen für uns und für andere. Wir haben die Opferrolle abgelegt und wollen stattdessen selbstbewusst, aufrecht und mit unseren Beschädigungen im Gepäck  voranzugehen – ohne zornigen Blick zurück, auch wenn es schwer fällt.

Matthias Katsch

Sprecher ECKIGER TISCH

23. September 2011

 

11 Gedanken zu „Stellungnahme zum Treffen des Papstes mit fünf Missbrauchsopfern

  1. Wir legen die Opferrolle ab. Endlich! Es war eine Heidenarbeit für mich , die Verantwortlichen an Land zu ziehen.Ich habe an das entsprechende Bistum geschrieben, erzählt, was sich damals ereignet hat. Natürlich hat niemand geantwortet. Ich habe an die Täter geschrieben, die haben sich rausgeredet. Die Einzigen, die sich richtig verantwortlich gefühlt haben waren die, die nichts mit der Tat zu tun hatten, aber zum Orden gehören. Dem Täter geht es schlecht, er hat im Leben lang nicht das erreicht, was er hat erreichen wollen. Das freut mich, böse wie ich bin. Ich habe einen Ordensvertreter gefunden, der sich mit mir befaßt und es geht mir gut.Unsere ganze Gesellschaft hat mit dafür gesorgt, dass Kirche so sein konnte, wie sie damals war.

  2. ´Unsere ganze Gesellschaft hat mit dafür gesorgt, dass Kirche so sein konnte, wie sie damals war.´ -Danke Anne!
    ..und sorgt sie immer noch, besonders die speichelsabbernden TV-Kommentatoren der letzten Tage und die seelig-lächelnden Nonnen in Erfurt und anderswo!

  3. und doch……
    vieles hat der papst laut und deütlich gesagt, das sehr vielen aufgestoßen ist, oder noch aufstoßen wird, wenn sie den sinn des gesagten letzendlich verstehen werden.
    sein deutschlandbesuch hat einmal mehr..und mit aller deutlichkeit herausgekehrt, daß er weder in bezug auf rechtstaatlich bezogene themen, noch auf erwartungen bzgl. der ökumene, noch auf das gesprächsangebot der „überlebenden“ der mißbrauchsfälle wirklich, oder offen eingehen wollte.
    im gegenteil, er hat sich, zugegeben, brilliant einer rethorik bedient, die all dies themen einschließend, und ein annerkennen der divergierenden positionen vorgebend, in jedem einzelnen punkt einer wie auch immer gearteten öffnung verschlossen hat. er hat ein klares zeichen gesetzt das heißt,… mit mir wird es keine reformen und keine veränderung geben.
    nicht nur wir überlebende, nicht nur die reformierten in unseren reihen, sondern die gesammtheit der deutschen gesellschaft wird sich nun die frage stellen müssen, ob wir als moderner rechtsstaat mit den positionen eines oberhauptes der kath. kirche konform gehen wollen, die doch letztlich, traditionelle werte beschwörend, unser modernes verständnis von entwicklung und voranschreiten unterminieren.
    ein ausdruck der höchsten arroganz scheint zudem die von bennedikt geäußerte kritik an den deutschen katholiken, als er sich auf deren zu eingesessenen positionen und also deren laisse-faire attitüden bezogen hat.
    profitiert der mann doch, trotz aler kirchenaustritte, zumindest wirtschaftlich von diesen alteingesessenen seilschaften und jahrhundertealten verträgen.
    wie gesagt,…es ist nunmehr an der dt. gesellschaft zu überlegen, ob sie mit dieser art der geistigen führung weiterhin zufrieden sein möchte, oder aber, ob sie aus sich selbst heraus antworten finden kann auf fragen, die da rechtsphilosophisch sind, oder die ökumene betreffen. oder ganz banal, ob es nicht ein, unserem verständnis entsprechendes, freiwilliges übernehmen von persönlichen verantwortlichkeiten geben sollte.
    eines scheint evident, … von seiten bennedikts sind keine brücken gebaut worden, kein händereichen ist erkennbar.
    unter diesen prämissen sollte man diesen menschen wahrnehmen und verstehen…und doch waren es doch dies faktoren, die uns allen geholfen hätten, ihn vielleicht doch noch ernstzunehmen.

  4. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass es in dem ganzen Kirchengeflecht auch nur einen einzigen Priester oder eine einzige Nonne gegeben hat, die nichts von irgendeinem Missbrauch innerhalb der Kirche gewusst hat und nicht weggeschaut oder weggehört hat, ganz zu schweigen von Bischöfen und Päpsten..

  5. die haben das gewußt und eine nonne hat mal was mitbekommen und hat was geäussert, da wurde sie in meiner gegenwart so heruntergeputzt von hochwürden, dass ihr hören und sehn vergingen..die strukturen waren damals recht männliche..mißbauchsprozesse vor gericht haben damals so ausgesehen, dass das opfer sich den tod gewünscht hat..ich habe in einem erziehungsheim gearbeitet 1970,da waren fast nur mädchen drin, die sich mal geoutet haben als opfer von onkeln, stiefvätern, brüdern, vätern.. die lösung war dann heim. geschlossenes.bis 21 jahre, da waren die dann volljährig.in der zeit war schweigen gold.

  6. die dem pontifex zukommt..damals habe ich nur den täter und das ganze schöne staatliche system um die ohren gehabt.ich kann mir das bei ratzinger nicht vorstellen und der konnte sich wohl nicht vorstellen, dass seine heiligen priester..vom gefühl her haben bei mir ganz andere ein ausmaß von verantwortung. schwacher bischof..und gesellschaft. der eine ist der täter, der andere kann sich nicht vorstellen, der nächste guckt weg und der allerletzte, der überhaupt nichts damit zu tun hat, macht es wieder gut.

  7. An Matthias und Holger
    und alle anderen Betroffenen…

    an Matthias und Holger zuallererst einen herzlichen Dank für das bemerkenswerte Engagement die ganze Zeit hindurch.

    Ich selbst bin inzwischen „ausgestiegen“. Ich habe einen Antrag auf Entschädigung gestellt und € 5.000,00 erhalten.

    Ich habe diese Entscheidung – für mich alleine – getroffen, weil ich zunehmend gemerkt habe, dass es in den Auseinandersetzungen und Diskussionen der letzten Zeit in mir „Verschiebungen“ gegeben hat, die mich genervt haben.

    Als ich mich das erste mal gemeldet hatte (bei der Staatsanwaltschaft in Münster im letzten Jahr, obwohl natürlich klar war, dass die Sache längst verjährt war), war dies ein Schritt gewesen, der für sich allein Wert hatte: ich habe den erlebten Missbrauch „öffentlich“ gemacht, habe darüber geredet, bin nach so vielen Jahren diesen verstörenden Gefühlen nachgegangen…

    Das Zusammentreffen mit dem „Eckigen Tisch“ hat den ganzen verdrängten Erfahrungen zusätzlich Raum gegeben. Das hat gut weh getan und war wichtig gewesen, auch wenn ich mich als „Nicht Jesuitenschüler“ nie so ganz zugehörig gefühlt hatte.

    Aber irgendwann und schleichend traten immer mehr Aspekte in den Vordergrund, die nicht mehr originär mit meinen ersten Bedürfnissen zu tun hatten. Meine Erfahrungen wurden im Kontext der Erfahrungen vieler anderer Betroffener zu einer Art Politikum. Das ist wahrscheinlich normal, aber plötzlich ging es eben um die „Kirche“, um deren Umgang mit Macht und Missbrauch, um Geld, um Entschädigungen und Entschuldigungen. Alles wichtig, ohne Frage, aber nicht mehr „eigentlich“ mein Thema.

    Im Gegenteil: plötzlich bekam „Kirche“ eine Bedeutung, die ich ihr in mir nicht zugestehe. Inhaltlich ist Kirche für mich so trivial und obszön wie jeder andere x-beliebige Besserwisserclub auch – nur noch ein wenig ekliger… Faktische Bedeutung hat sie ja noch, weil sie so verbreitet und mächtig ist, und das wiederum ist sie, weil sie so viele Jahrhunderte lange erpresserisch, menschenverachtend und mordlüstern agiert hat.

    Jedenfalls hatte ich wieder mit diesem Verein zu tun. Plötzlich war Dialog angesagt, Erwartung von Dialogbereitschaft, Hinterherrennen nach Wahrnehmung und Akzeptanz. Auch wenn ich selbst mich dabei weitgehend rausgehalten habe – Ihr beiden, Matthias und Holger, habt hauptsächlich den Job gemacht, und wie gesagt, allergrößte Hochachtung dafür – dieses 10-jährige Jesuitenopfer in mir war damit verschwunden.

    Dazu kamen dann auch noch so Phantasien nach Geld zwischen „Vielleicht kriege ich ja auch 5o.ooo oder mehr, cool, was kann man damit alles machen“ und „5.000 sind zu wenig, umverschämtes Angebot…“.

    Bis dann das Wissen kam: ich will das nicht. Dieser Scheißverein Kirche soll mich nicht beschäftigen dürfen, ich gestehe ihm diese Bedeutung nicht zu. Ich nehme die Kohle und gut solls sein. Was ich eigentlich brauchte – reden über meine Missbrauchserfahrungen, sie damit „öffentlich“ machen und damit auch ein Stück weit hinter mir lassen – ist passiert. Das verdanke ich u.a. Euch Beiden und vielen anderen Mutigen, die das Thema öffentlich angegangen sind.

    Aber ob sich einer dieser Kirchentypen – irgendein Papst oder irgendein anderer Pope – entschuldigt oder nicht, ob er „leidet“ oder „mitfühlt“ oder was auch immer an Gejammer loslässt: es soll mir am Arsch vorbeigehen… (so trivial schreibe ich gemeinhin nicht – für diesen Businessplan Katholische Kirche und ihre Handlager scheints mir wohl passend, wie es scheint…).

    Noch mal Herzlichen Dank an alle…

    Lieben Gruß
    FliFi

  8. Also ich hab in diesem „Rechtsstaat“ meinen Glauben verloren…. Seid wann wird sexueller Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen in dieser Größenordnung an einem runden Tisch ausgewertet????

    Für sowas brauch man Sonderermittler, Staatsanwälte ,Grand Jurys und außerordentliche Vollmachten um so einen Sumpf trockenzulegen. Damit all die Verantwortlichen und ihre Helfer die gerechten Strafe bekommen.

    Für Fälle in dieser Größenordnung gehört der runde Tisch allein schon vor ein ausserordentliches Sondergericht gestellt.

    Sorry wenn ichs so sage oder frage…:;

    Sind geistliche Würdenträger die „besseren Kinderfi…..“????

    Soviel kann man gar nicht fressen wie man kotzen möchte in diesem Land!

    Und mein Beileid an all die anderen Opfer!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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