Archiv für Mai 2010

Emotion und Perspektive – Der Eckige Tisch am 29. Mai in Berlin

Sonntag, 30. Mai 2010

eckiger-tisch

Am gestrigen Eckigen Tisch haben Betroffene aus  vier Jesuitenschulen in Deutschland ihre Erlebnisse exemplarisch den Vertretern des Jesuitenordens ins Gesicht gesagt. Dieser aufwühlende und berührende Anfang mündete in eine deutlich geführte Diskussion über die Forderungen, die wir an den Orden stellen. Die Forderungen und Erwartungen der Teilnehmer wurden den anwesenden Jesuiten übergeben und eine baldige Beantwortung zugesagt.

Text: Forderungen und Erwartungen der Teilnehmer

Auch wenn inhaltlich vieles nicht geklärt werden konnte und es in wichtigen Fragen wie der Form der Genugtuung weiterhin Dissenz gibt, hat die Konfrontation, die sich in der Sitzordnung ausdrückte, auch Ansätze zur Verständigung gezeigt. Gestern galt unser Blick sehr stark dem Erlebnissen von Betroffenen. Dies war gut und notwendig. Viele andere Fragen konnten nur gestreift werden und bleiben einer weiteren Diskussion vorbehalten. Dazu gehörte etwa auch die Fragen nach der Rolle der katholischen Sexualmoral und den strukturellen Ursachen des Missbrauchs.

Eine Fortsetzung des Gesprächs am Eckigen Tisch im September, möglichst vor der nächsten Sitzung des sog. „Runden Tisches“ der Bundesregierung, an dem der Vertreter des Jesuitenordens teilnimmt, nicht aber Vertreter der Betroffenen, erscheint möglich und sinnvoll. Bis dahin müssen aber die Aufklärungsprozesse an den Schulen vorangetrieben, konkrete Hilfsangebote angeschoben und konkrete Aussagen zu den Forderungen nach finanzieller Genugtuung auf dem Tisch gelegt werden.

Jetzt erwarten wir den Nach-Ermittlungsbericht von Frau Fischer. Dieser Bericht, der bis Ende Juni vorliegen soll, wird seinen Blick auf die Haupttäter am Canisius-Kolleg richten. Weitere Untersuchungen durch unabhängige Ermittler soll es für das Kolleg St. Blasien und das Bonner Aloisius-Kolleg geben. Weiter kamen wir mit den Jesuiten überein, dass es für die St. Ansgar Schule einen Brief an die potentiell Betroffenen Schüler der 70er und 80er Jahre geben soll, analog zum Vorgehen in Berlin

Dafür dass sich die Verantwortlichen des Ordens der Diskussion in dieser Form gestellt haben, gilt Ihnen unser Respekt. Die Organisatoren möchten allen danken, die diese Veranstaltung in dieser Form möglich gemacht haben. Insbesondere gilt dieser Dank unseren hervorragenden Moderatoren, die ehrenamtlich Ihre Expertise eingebracht haben: Andrea Fischer, Susanne Burghardt-Plewig und Jürgen Lemke. Sie haben sich in kurzer Zeit durch einen Berg von Dokumenten gearbeitet, um kompetent das Gespräch zu führen und uns wichtige Impulse zu geben. Wir freuen uns auf die uns angebotenen Feedback-Berichte von Frau Burghardt-Plewig und Herrn Lemke.

Dank gilt auch dem Tagungszentrum “Centre Monbijou” der Bank für Sozialwirtschaft, die uns ihren hervorragenden Tagungsort an einem Samstag zur Verfügung gestellt hat, so dass wir uns ungestört treffen konnten. Wir danken auch den Medienvertretern, die die Einschränkungen, die sich aus unserem Wunsch nach Privatheit für ihre Berichterstattung über dieses außerordentliche Zusammentreffen ergaben, respektiert haben. Ein großes Danke auch an die Unterstützer und Gäste, die uns Halt gegeben haben an diesem schweren Tag. Schließlich können wir als Organisatoren vom Eckigen Tisch uns allen gratulieren, für dieses beeindruckende Beispiel von Teamgeist, freundschaftlicher Verbundenheit und Zusammenarbeit vor und während der Veranstaltung.

Eine Frage der Ehre

Dienstag, 25. Mai 2010

Bei einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie in Hamburg hat der „Zeit“-Journalist Patrik Schwarz der katholischen Kirche geraten, sich zur  finanziellen Entschädigung von Opfern sexualisierter Gewalt als  symbolische Wiedergutmachung zu entschließen. „Für die Kirche wäre es eine Frage der Ehre, es nicht auf Prozesse ankommen zu lassen, wie in den USA geschehen, sondern in Vorleistung zu treten“, sagte der stellvertretende Politik-Chef der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ .

Das wäre ein Akt der Großzügigkeit, den viele Opfer honorieren würden.“ Nach seinen Recherchen gehe es den meisten Opfern nicht darum, „die Kirche zu melken oder abzuzocken“, sondern zunächst um eine moralische Anerkennung der Taten. An zweiter Stelle stehe die finanzielle Unterstützung für therapeutische Hilfen, die die Menschen häufig erst „sprechfähig“ gemacht hätten. Erst an dritter Stelle rangiere für die meisten eine Entschädigung.

So meldet es Radio Vatikan unter Berufung auf KNA. Interessant die Einschätzung zu den Beweggründen der “meisten” Opfer. Kennt er also einige, die die Kirche “abzocken”  wollen? Betroffene fordern bisher öffentlich Aufklärung, Hilfe und eine finanzielle Genugtuung. In dieser Reihenfolge. Während über die ersten beiden Punkte gesprächsweise leicht Einigkeit herzustellen ist, polarisiert die Frage nach Zahlungen an die Opfer. Leider sind die ersten beiden Punkte bisher auch noch nicht befriedigend gelöst. Und letzterer ist auf die lange Bank beim “Runden Tisch” geschoben.

Eine direkte Aufrechnung “Geld gegen Leben” kann es natürlich nicht geben. Wiedergutmachen lässt sich nichts bei der Frage nach dem Glück im Leben, nach Beschädigungen des Gemüts und der Beziehungen zu anderen Menschen. Welche gute  Gründe gibt es dennoch eine finanzielle Genugtuung zu fordern? Eine Auswahl:

  • Es geht nicht um Wiedergutmachung, es  geht es um Genugtuung. Unter normalen Umständen erhält ein Opfer die Genugtuung durch Prozess und Verurteilung des Täters. Dank der Vertuschung seitens des Ordens und der Kirche kann es dazu nicht mehr kommen. Dies soll eine Zahlung ausgleichen. Deshalb kann man die Höhe der Genugtuung auch nicht einfach mit den Schmerzensgeldzahlungen an aktuelle Opfer vergleichen.
  • In einer Zahlung soll sich das Unrechtsbewusstsein der “Täterorganisation” darüber ausdrücken, dass sie die Betroffenen vor dem Missbrauch nicht bewahrt hat, obwohl sie Kenntnis über die Täter hatte. Stattdessen wurden die Täter geschützt.
  • Diese Genugtuung muss um zu wirken auch schmerzen. Dies muss sich  in der Höhe widerspiegeln, sie darf nicht einfach aus der “Portokasse” bezahlt werden können.  Letztlich spiegelt sich in einer angemessenen Zahlung auch die Ernsthaftigkeit bei der Bitte um Vergebung wieder.Völlig abwegig wäre es somit, die Zahlung auf die Allgemeinheit abzuwälzen.
  • Die Opfer sind nicht Schuld daran, dass es erst so spät zu einer Aufklärung kam. “Einzelfallprüfungen” durch die Vertreter von Kirche oder Orden sind ihnen heute nicht mehr zumutbar. Also kann es im Grunde auch nur um ein Angebot für einen einheitlichen Betrag für jeden Betroffenen gehen, der sich jetzt zu Wort meldet.

Abschlussbericht von Frau Raue wird am 27. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt

Freitag, 21. Mai 2010

Radio Vatikan meldete gestern, dass Frau Raue ihren Abschlussbericht am 27.5.2010 auf einer Pressekonfetrenz, an der wohl auch Herr Dartmann teilnehmen wird, in München vorstellen wird.

Wir gehen davon aus, dass der Abschlussbericht auch den Betroffenen zugänglich gemacht wird, und hoffen, dass dies rechtzeitig vor dem “Eckigen Tisch” in Berlin am 29.5. geschieht.

Nachtrag: Download des Abschlussberichts hier

“Vorwurf der Untätigkeit”

Donnerstag, 20. Mai 2010

Der Deutschlandfunk berichtet über die Kritik von Betroffenen an der bisherigen Aufklärungsarbeit der Missbrauchsbeauftragten der Jesuiten Rechtsanwältin Ursula Raue. Der bisher vorliegende Zwischenbericht wird als “mager” bezeichnet, ihre Äußerungen zu den Tätern als “freundlich im Ton”. Es folgt ein O-Ton, in dem sie die Täter als faszinierend für die Kinder bezeichnet, und erklärt, dass die ” ja keine schlechten Lehrer” waren: “Da war nur diese eine Geschichte, die da nicht reinpasste…”

Auf die Vorgänge im AKO angesprochen, wird sie zitiert, sie habe gehofft, “dort nicht hinfahren zu müssen”.

Zugleich wird berichtet, dass der Orden  reagiert und die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer beauftragt hat,  sich jetzt ebenfalls um die Aufklärung zu bemühen.

Hier der Link: Beitrag als Mp3

Auch in der aktuellen Zeit üben drei Betroffene in einem Interview Kritik am Vorgehen des Ordens. Unter der Überschrift »Wir sind enttäuscht« heißt es:

Unter den Missbrauchsopfern der Jesuitenschulen wächst der Unmut über die Art der Aufklärung

Kritisiert werden Aufklärungswillen und mangelnde Gesprächsbereitschaft der Jesuiten genau so wie die bisherige Arbeit der Missbrauchsbeauftragten. Darüber hinaus werden Forderungen nach finanzieller Genugtuung für die Betroffenen sowie für mitbetroffene Angehörige deutlich gemacht.

Link: http://www.zeit.de/2010/21/C-Interview-Missbrauchsopfer

Eckiger Tisch in Berlin am 29. Mai 2010

Mittwoch, 12. Mai 2010

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Opfer von sexualisierter Gewalt an Jesuiten-Einrichtungen treffen Vertreter des Ordens zu einem vierseitigen Gespräch. Moderatoren sind Andrea Fischer, Susanne Burghardt-Plewig und Jürgen Lemke, Gäste u.a. Ursula Raue sowie Angehörige der Betroffenen.  Mehr Infos zu der Veranstaltung hier zum download: Eckiger Tisch 29.10.

Zwischen Tür und Angel…

Dienstag, 11. Mai 2010

papst im flugzeug… hat der Papst sich heute in seinem Flugzeug zu den Missbrauchsfällen geäußert: “Der größte Angriff auf die Kirche kommt heute aus dem Innern der Kirche selbst – durch die Sünde.” Hier gibt es das Wackelvideo aus Benedikts Air Force One.

Welches geheime Zeichen gibt uns das Schild über seinem Kopf?

Betroffene vom AKO laden zu einem Eckigen Tisch ein

Dienstag, 11. Mai 2010

EINLADUNG ZUM 2. ECKIGEN TISCH / AKO BONN

Liebe Betroffene AKO Bonn, liebe Angehörige, Unterstützer und Freunde!

Wann: Samstag, 15. Mai 2010 von 12 – 18 Uhr
Wo: Bonn-Königswinter

Der zweite „Eckige Tisch/ AKO Bonn“ schließt sich an den ersten an, den Betroffene und Unterstützer bereits am 5. April in Düsseldorf veranstaltet haben. Dort ging es zunächst um ein erstes Kennenlernen und einen Erfahrungsaustausch der Missbrauchsfälle am AKO. Zugleich wurden Ideen gesammelt, wie nächste Schritte zu einer lückenlosen Aufklärung dieser und evtl. weiterer Fälle der letzten 60 Jahre sein und wie welche Forderungen gestellt werden können.

Um weitere Schritte in Richtung Aufklärung zu planen, um Betroffenen die Chance zu geben sich zu finden und zu äußern und um das Thema wieder in den Fokus der – medialen- Öffentlichkeit zu rücken, findet nun der zweite „Eckige Tisch“ statt.
Wichtige Punkte hierbei sollen sein:

Erfahrungsaustausch unter den Betroffenen;

Aufklärung über den Status Quo der aktuellen Aufarbeitung der Fälle am Bonner AKO seitens Frau Raue;

Stellungnahme des ehemaligen Rektors des AKO, Pater Schneider, zur Gesamtsituation (bisher fehlt jede Äußerung seitens P. Schneiders)

Forderungen, Wünsche zur Vorgehensweise des Ordens, des Kollegs und der Justiz.

Wir denken, dass wir eine passende Lokalität gefunden haben, die unseren Wünschen entspricht und darüber hinaus durch die Atmosphäre dem Hintergrund unserer wichtigen Anliegen ein wenig Ausgleich verschafft. Besonders interessant ist die Lage zu Fusse des Petersbergs an dem ja auch die Afghanistan-Gipfel stattgefunden haben. Vielleicht können wir ja mehr erreichen.

Wir freuen uns auf ein gelingendes Treffen!
Anmeldung bei: mschroedertoyka@yahoo.com

Mehr als eine Watschn? Tschüss Mixa.

Samstag, 08. Mai 2010

Mixa_Der Vatikan hat hat Bischof Mixa endlich aus dem Amt entlassen.

Damit hat Rom auf neue Vorwürfe reagiert, bei denen es auch um sexuellen Missbrauch ging.

Österreich / Freinberg

Freitag, 07. Mai 2010

Aus einer Mail an den Eckigen Tisch:

ich bin selbst “betroffener” wie man auf deutsch wohl sagen muss, habe mich nach längerer skepsis nun aber mit der amerikanischen bezeichnung “überlebender” angefreundet, die sich aufs deutlichste vom alten “opfer” absetzt.

dazu, also zum überleben, und aus zorn über einen arg verharmlosenden beitrag das österreichischen schriftstellers josef haslinger unter dem titel “pädophilie” in der wiener presse habe ich ein paar tagebucheintragungen redigiert und ebenso dort veröffentlicht:
http://diepresse.com/home/meinung/debatte/547640/

nach meiner einschätzung hat der täter, ein laienbruder im jesuitenorden, zumindest mehrere dutzend kinder auf dem gewissen. ich habe daher, ähnlich dem wordpress blog über das benediktinerstift kremsmünster einen blog über die institution freinberg (aloisianum) in linz/österreich eingerichtet:
http://freinberg.wordpress.com/ musste aber leider feststellen, dass meine mitschüler von damals noch nicht so weit sind, sich zu öffentlich oder privat zu wort zu melden.

ich würde mich freuen, wenn ihr beide links veröffentlichen könntet und würde auch gerne in einen dialog über erfahrungen in jesuitischen einrichtungen eintreten. ich bin anfang juli in österreich und von mitte juli bis mitte august in berlin, würde mich über persönliche begegnungen freuen und möchte insbesondere die einrichtung einer selbsthilfegruppe anregen.

Klaus ist über sein Blog erreichbar.

Diözese Regensburg geht gegen weiteren Blogger vor …

Mittwoch, 05. Mai 2010

Verstehe ich diesen Beitrag des Internet-Journalisten Stefan Niggemeier richtig, so geht die Diözese Regensburg mit Hilfe des in der Vergangenheit immer wieder durch die Meinungsfreiheit beschneidende Urteile auffallenden Landgerichts Hamburg nicht nur gegen Journalisten (z. B. vom SPIEGEL) vor, die eine unbestrittene Zahlung an ein Missbrauchsopfer als “Schweigegeld” bewerten, sondern auch gegen die, die über Abmahnung und einstweilige Verfügung berichten.

Da ich ja hier keine Auseinandersetzung mit der Diözese Regensburg führen will (die Jesuiten sind schon aufreibend genug), distanziere ich mich ausdrücklich von der abgemahnten Bewertung des SPIEGEL.

Ich frage mich in dem Zusammenhang:  Sind Zahlungen der katholischen Kirche Deutschlands an Missbrauchsopfer aus der Vergangenheit bekannt, die nicht mit der Zusage der Geschädigten über die Vorfälle zu schweigen verknüpft waren?