
Zu Ostern schrieb eine Gruppe von Betroffenen aus den ehemals vier Jesuiten-Schulen in Berlin, Bonn, Hamburg und St. Blasien an die Jesuiten in Deutschland, die sich in der Woche nach Ostern zu ihrer Jahrestagung trafen. In dem Schreiben werden konkrete Fragen und Forderungen formuliert.
UPDATE: Eine Antwort des Provinzials liegt seit heute vor. Das Schreiben enthält u.a. ein Gesprächs- angebot und erklärt die Bereitschaft, sich den Fragen zu stellen.
Der im Original namentlich gezeichnete Brief, dem sich weitere Betroffene angeschlossen haben, wird im folgenden dokumentiert. Wer sich den Fragen und Forderungen inhaltlich anschließen bzw. diese unterstützen möchte, kann dies gerne über die Kommentarfunktion tun.
An die Jesuiten in Deutschland
Da Sie in diesen Tagen zusammengekommen sind, um im Vorfeld des Osterfestes wohl auch über die Ereignisse der letzten acht Wochen nachzudenken, schreiben wir Ihnen diesen Brief.
Bisher verweigern Sie sich aus unserer Sicht einer direkten Auseinandersetzung mit den Opfern an den Jesuiten-Einrichtungen in Deutschland. Stattdessen verweisen Sie auf die Missbrauchsbeauftragte des Ordens.
Die Fragen, die wir an Sie haben, können uns jedoch durch keine Ombudsfrau beantwortet werden.
Wir fragen Sie konkret:
- Sind Sie bereit anzuerkennen, dass nicht nur einzelne aus Ihrer Gemeinschaft als unmittelbare Täter an uns schuldig geworden sind, sondern dass sie als Institution versagt haben und Schuld auf sich geladen haben?
- Erkennen Sie an, dass die Oberen Ihres Ordens, die über Jahre und Jahrzehnte Täter von einer Einrichtung zur nächsten weitergereicht haben, selbst wiederum eingebunden waren und als Teil eines Systems handelten, dass nur an den Interessen der Täter ausgerichtet war?
- Sehen Sie den größeren Rahmen, in dem Taten und Vertuschungsmaßnahmen standen, und der mit dem Begriff „kirchliche Sexualmoral“ umschrieben werden kann? Denn erst diese konkreten Rahmenbedingungen ermöglichten so ausgedehnte Taten.
- Ist Ihnen bewußt, dass für ihre Institution nicht nur in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren, sondern auch in den Jahrzehnten danach immer nur das Interesse der Täter von Bedeutung war und sie die Opfer dabei völlig vergessen haben?
- Erkennen Sie an, dass viele − wenn nicht die meisten von uns − nicht zu Opfern hätten werden müssen, wenn ihre Institutionen und die handelnden Personen nicht so schmählich versagt hätten?
- Verstehen Sie, dass es uns schmerzt, wenn jetzt sofort an die Prävention gedacht wird, und die konkreten Menschen, die den Mut gefasst haben, sich dem Leid in ihrem Leben zu stellen, wieder vergessen werden?
- Die Jesuiten folgen bei ihrer Arbeit einer Option für die Armen: Wollen sie die konkreten Betroffenen vor Ihren Türen betteln und bitten lassen?
Wenn Sie diese Fragen für sich beantwortet haben, dann sind wir gewiss, dass Sie bereit sein werden, auf unsere Forderungen einzugehen:
- Öffnen Sie ihre Archive, gestatten Sie unabhängigen Personen die Nachforschung, um Taten, Täter und Unterstützer zu benennen und die Strukturen offenzulegen, in denen die Taten geschahen! Wirken Sie an der Aufklärung mit und erlauben Sie Aufklärung!
- Bieten Sie uns heute konkrete Unterstützung an. Erklären Sie sich bereit, die Kosten für eventuelle Behandlungen und Therapien zu übernehmen.
- Und schließlich: Wir erwarten ein Angebot für eine angemessenes finanzielle Genugtuung. Überzeugen Sie uns, dass ihre Bitten um Vergebung ernst gemeint sind. Bußwerke können kein Unrecht ungeschehen machen, sie können nur beitragen, die Wunden zu heilen.
Um Ihre Antworten zu hören, werden wir Sie in den kommenden Wochen zu einem Gespräch an einen Tisch einladen, der allerdings nicht rund sein wird.
Ostern 2010
Matthias Katsch * Thomas Weiner * Matthias Jost * T.N. * A. S. * Christian Georg Thibault * T. Z.
sowie weitere Unterzeichner:
Ronald H. * Marcello Moschetti * Mathias Bubel * A. J. * Robert Schulle * T.R. * Prof. Dr.Gernot Lucas * Stephan Lobert * Anselm Neft
Tags: Jesuiten, Offener Brief
So verständlich und wichtig Wut ist, im Gespräch führt sie üblicherweise zu einer Verhärtung des Angebellten. Der offene Brief verlangt eine völlige Kapitulation der Jesuiten. Ich fürchte daher, dass seine berechtigten Forderungen nicht gehört werden. Auch wenn der Brief längst so verschickt ist, plädiere ich dringend für eine gemäßigtere Version. Ein neuer Brief ist möglich! Es sei denn, es soll hauptsächlich darum gehen, die Wut und die Enttäuschung der Betroffenen auf eine ganze Institution auszudrücken.
Ich selbst verstehe mich nicht mehr als Christ, bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten und betrachte das Treiben der Amtskirche sehr skeptisch. Dennoch unterschreibe ich NICHT, dass der Missbrauch zwangsläufig Teil des katholischen “Systems” ist, so sehr das planmäßige Vertuschen und das sexuelle Klima innerhalb kirchlicher Einrichtungen die Missbrauchsvorfälle auch begünstigt haben. So, wie der Brief jetzt formuliert ist, kann ihn kaum ein Katholik unterschreiben, der einer bleiben möchte.
Jetzt ist in meinen Augen die Zeit, dass die Opfer gehört werden, dass sie Anerkennung und Entschädigung erhalten. Dieses Ziel wird verwässert, wenn gleichzeitig ein ideologischer Krieg gegen die (katholische) Kirche geführt werden soll. Einige der Menschen, die sich nun entschuldigen sollten, sind selbst Missbrauchte und haben es sich noch nicht eingstanden. Lasst uns die menschlichkeit über jede Art von Glaubenskreig stellen, so bescheuert uns auch das katholische Verständnis z.B. von Homosexualität erscheinen mag.
Ich schließe mich diesem Offenen Brief ohne Punkt und Komma an.
Berlin, 14. April 2010 gez. Stephan Lobert
Wut ist gut.
Das ist meine Erfahrung in den letzten Wochen. Viele Jahre war ich nur traurig. Das hat gelähmt. Nun fühle ich mich wie befreit.
Die “Angebellten” müssen das schon aushalten.
Niemand wollte unterstellen, dass die christliche Religion für den Missbrauch oder den Umgang damit verantwortlich zu machen ist, aber sehr wohl die katholische Amtskirche in Gestalt ihres Leitungspersonals.
Mit der von der Kirchenleitung propagierten Sexualmoral hat sie den Tätern vielfach den Weg in die Herzen der Opfer bereit. Mit dem Festhalten an einer krank machenden Vorstellung von Sexualität, einschließlich dem Zwangszölibat, hat sie viele Täter deformiert, oder deformierte, unreife Persönlichkeiten angelockt. Das war sicher nicht intendiert, wurde aber fast billigend in Kauf genommen. Denn die Vorteile lagen auf der Hand: Kontrolle der Sexualität der Gläubigen bedeutet Macht in den Händen des Kontrolleurs. Grosse Macht. Die Fernwirkungen sind bis heute sichtbar.
Mit der anschließenden Vertuschung der Taten, dem Täterschutzprogramm einschließlich Landverschickung an andere (Tat)-orte, hat die Kirchenleitung schuldhaft dafür gesorgt, dass immer weiter Taten begangen werden konnten. Aber vor allem: da alles unter der Decke gehalten werden mußte (Stichwort: großes päpstliches Geheimnis), wurde im Ergebnis jahrzehntelang alles für die Täter und nichts für die Opfer getan.
Mit einem ideologischen Krieg gegen die katholische Kirche haben diese Feststellungen aus meiner Sicht nichts zu tun.
Hab den Brief nach deinem Komentar noch mal durchgelesen. Ich hätte ihn anders formuliert, stimme inhaltlich aber zu. Du kannst meinen ausgeschriebenen Namen druntersetzen.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Thaswer, KaMaZhe erwähnt. KaMaZhe sagte: Neues vom eckigen Tisch: http://bit.ly/cHRMjj [...]
ich schließe mich ebenfalls dem brief an. prof.dr.gernot lucas
Es bestanden aber Beziehungen eines beschuldigten Jesuiten zur Odenwaldschule: [url=http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=728267]Bonner Generalanzeiger: Des Missbrauchs beschuldigter Ako-Pater war auch an Odenwaldschule [/url]
“Einen neuen Mosaikstein der Aufklärung über die Missbrauchsfälle am Bad Godesberger Aloisiuskolleg (Ako) fügt die Wochenzeitung “Die Zeit” in ihrer neusten Ausgabe hinzu. Ihr Autor hatte als einziger Journalist am Symposium der Deutschen Provinz des Jesuitenordens im bayrischen Vierzehnheiligen teilnehmen können. Dort hätten die Jesuiten erstmals bekannt, dass der heute 82-jährige, des vielfachen Missbrauchs an Ako-Internatsschülern beschuldigte Godesberger Pater während seiner Ausbildung einige Zeit an der heute ebenfalls in die Schusslinie geratenen Odenwaldschule verbrachte.
Damit sei die letzte Mauer zwischen beiden Skandalen durchbrochen, die zwischen konfessionell-katholischem und reformerisch-kulturprotestantischem Anspruch. Die Verbindung zwischen beiden Welten des Missbrauchs sei der Godesberger Pater, gegen den die Bonner Staatsanwaltschaft wegen nicht verjährter Fälle ermittelt.”
[url=http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=726967]Bonner Generalanzeiger: Ako-Rektor schweigt zu Missbrauchsvorfällen [/url]
Bad Godesberg. Pater Theo Schneider, der wegen des Missbrauchsskandals Anfang Februar zurückgetretene Rektor des Aloisiuskollegs (Ako), wird sich nun doch nicht öffentlich erklären.
Es bestanden aber Beziehungen eines beschuldigten Jesuiten zur Odenwaldschule
Generalanzeiger: Des Missbrauchs beschuldigter Ako-Pater war auch an Odenwaldschule
http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=728267
“Einen neuen Mosaikstein der Aufklärung über die Missbrauchsfälle am Bad Godesberger Aloisiuskolleg (Ako) fügt die Wochenzeitung “Die Zeit” in ihrer neusten Ausgabe hinzu. Ihr Autor hatte als einziger Journalist am Symposium der Deutschen Provinz des Jesuitenordens im bayrischen Vierzehnheiligen teilnehmen können. Dort hätten die Jesuiten erstmals bekannt, dass der heute 82-jährige, des vielfachen Missbrauchs an Ako-Internatsschülern beschuldigte Godesberger Pater während seiner Ausbildung einige Zeit an der heute ebenfalls in die Schusslinie geratenen Odenwaldschule verbrachte.
Damit sei die letzte Mauer zwischen beiden Skandalen durchbrochen, die zwischen konfessionell-katholischem und reformerisch-kulturprotestantischem Anspruch. Die Verbindung zwischen beiden Welten des Missbrauchs sei der Godesberger Pater, gegen den die Bonner Staatsanwaltschaft wegen nicht verjährter Fälle ermittelt.”
Generalanzeiger: Ako-Rektor schweigt zu Missbrauchsvorfällen
http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=726967
Bad Godesberg. Pater Theo Schneider, der wegen des Missbrauchsskandals Anfang Februar zurückgetretene Rektor des Aloisiuskollegs (Ako), wird sich nun doch nicht öffentlich erklären.
»Ich war ein Täter!«
Bei seiner diesjährigen Klausur geht der Jesuitenorden hart mit sich ins Gericht – hinter verschlossenen Türen
»An die Jesuiten in Deutschland« ist der Brief überschrieben, den sieben Männer namentlich unterzeichnet haben, die als Kinder alle Missbrauchsopfer an Einrichtungen der Jesuiten geworden sind. Worte der Entschuldigung genügen ihnen nicht mehr, aus ihren Zeilen spricht Zorn. »Bisher verweigern Sie sich einer direkten Auseinandersetzung mit den Opfern«, schreiben sie. »Stattdessen verweisen Sie auf die Missbrauchsbeauftragte des Ordens. Die Fragen, die wir an Sie haben, können uns jedoch durch keine Ombudsfrau beantwortet werden.« Es folgen sieben Fragen, die sieben Anklagen sind: »Sind Sie bereit anzuerkennen, dass…?« – »Ist Ihnen bewusst, dass…?« – »Verstehen Sie, dass…?«
Quelle DIE ZEIT, 22.04.2010 Nr. 17, Seite 60
http://www.zeit.de/2010/17/Jesuiten?page=1
Autor: Patrik Schwarz
http://community.zeit.de/user/patrik-schwarz
[...] »Ich war ein Täter!« darüber, wie die Jesuiten auf ihrer Klausurtagung nach Ostern über den Offenen Brief (»An die Jesuiten in Deutschland«) beraten [...]
Lehmann gegen pauschale Zahlungen an Opfer
http://www.swr.de/nachrichten/rp/-/id=1682/nid=1682/did=6309216/jw0usm/
[...] wir um eine Stellungnahme gebeten worden, und da bewerteten wir die Antwort der Jesuiten auf den Osterbrief noch positiv, inzwischen sind wir nach einem zweiten Schreiben aus München eher [...]