Jesuiten legen „Zwischenbericht“ vor

Die deutschen Jesuiten haben einen als „Zwischenbericht“ titulierte Übersicht über die ihnen und ihren Beauftragten seit 2010 angezeigten Fälle von sexuellem Missbrauch vorgelegt, der uns einem der beiden Beauftragten des Ordens Marek Spitcok von Brisinki übermittelt wurde.

Hier geht es zu dem Text als PDF zum Download : Zwischenbericht Meldungen – 30.05.2016.

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Dazu passt der Kommentar von Matthias Katsch zur schleppenden Aufarbeitung in der Katholischen Kirche, der von der Tageszeitung taz anlässlich des Leipziger Katholikentages ebenfalls am 30. Mai veröffentlicht wurde – fast auf den Tag sechs Jahre nach dem ersten Treffen am Eckigen Tisch in Berlin:

Ehrliche Reue sieht anders aus

Der Text findet sich auch hier in unserem Blog:

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

4 Kommentare zu “Jesuiten legen „Zwischenbericht“ vor

  1. Stefan Kiechle, oder wer immer das als „Zwischenbericht“ übertitelte Schreiben verfasst hat, formuliert es so: „Der Orden selbst hat daran ein Interesse“.

    Wenn ich mich in die Perspektive von Mitgliedern des Jesuitenordens hineinzuversetzen versuche, dann frage ich mich, was die denn von „Zahlen und Fakten zu den Meldungen über Vorwürfe von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt gegen Minderjährige und erwachsene Schutzbefohlene durch Ordensangehörige oder Mitarbeitende in Einrichtungen des Ordens“ hätten.

    Brächte eine effiziente und professionelle Aufklärung der jesuitischen Missbrauchskriminalität überhaupt irgendeinen Nutzen für die Jesuiten? Zumal das mit Hilfe eines ihrer Ordensbrüder gestarteten PR-Projekts „Papa-Franz-renoviert-den-Ruf-der-Katholischen-Kirche“ einen so durchschlagenden Erfolg hatte? Nicht nur, dass der Jesuit Jorge Mario Berglio es schaffte, durch geschicktes Agieren von den klerikalen Missbrauchsverbrechen abzulenken. Nein, er erhielt von weiten Teilen der Öffentlichkeit einen derartigen Vertrauensvorschuss, dass mittlerweile sogar die meisten Medienleute ihm ihren Glauben schenken. Was ja auch das Kerngeschäft einer spirituellen Organisation ist. Inwieweit es überhaupt der „Missbrauchstsunami“ war, der an den von Jesuiten betriebenen Internaten und sich elitär gebenden Schulen zu einem Rückgang der Nachfrage führte oder ob dies nicht viel mehr eine Folge des Zeitgeistes ist, der das Auserwählte mittlerweile immer kritischer betrachtet, ist ohnehin die Frage.

    Es sind die Opfer der Jesuiten, die Mitbetroffenen und die Allgemeinheit, die ein berechtigtes Interesse an Aufklärung haben. Denn der Einfluss der Ordensbrüder und ihrer Netzwerker ist immer noch groß. Die Absolventen der von ihnen betriebenen Lehranstalten nehmen überproportional häufig herausgehobene Positionen ein – warum auch immer. Die jesuitischen Einrichtungen wurden zu einem sehr großen Teil mit öffentlichen Mitteln finanziert. Und auch für die verursachten Folgeschäden kommen die Bürger dieses Landes, insbesondere die Opfer selbst auf. Nicht der Orden.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    P.S. „erwachsene Schutzbefohlene“: eine Gruppe, die bisher viel zu wenig beachtet wurde. Zählt der Jesuitenorden auch ihm Untergebene, z. B. MitarbeiterInnen im Kirchendienst oder StudentInnen dazu?

  2. Apropos, „Zahlen und Fakten“: nutzbringend und für die Konzeption der Aufarbeitung, zu der Genugtuung und Schadenersatz gehören zwingend notwendig, wären Zahlen und Fakten zu den Vermögensverhältnissen des Deutschen Jesuitenordens.

    Bis heute gab es da nur auffällig vage Angaben.

  3. General-Anzeiger Bonn, 27. Juni 2016, S. 21:
    Noch heute melden sich Betroffene
    Der Jesuitenorden hat einen Zwischenbericht mit irritierenden Missbrauchszahlen herausgegeben
    Von Ebba Hagenberg-Miliu
    BONN. Der Jesuitenorden hat auf Anregung des Betroffenenvereins Eckiger Tisch Bonn einen neuen Zwischenbericht zur Missbrauchsaufklärung an seinen fünf Schulen vorgelegt. Der solle „den Austausch unter Betroffenen und deren Gespräch mit dem Orden oder den Vertretern einzelner Institutionen auf Augenhöhe“ erleichtern, schreibt Provinzial Pater Stefan Kiechle auf der Ordenshomepage. Im Fall des Aloisiuskollegs (Ako) bezieht er sich offensichtlich auf laufende Gespräche zwischen einer Ako-Kommission unter Rektor Pater Johannes Siebner und dem Verein der Betroffenen des Ako und des ehemaligen Ako-pro-Seminar.
    Wirklich neu am Bericht ist zweierlei: Zum Einen, dass sich auch sechs Jahre nach Beginn des Skandals noch weiter Betroffene bei den vom Orden für Missbrauch Beauftragten melden: bei Rechtsanwältin Katja Rabat seit 2011 noch 17 Personen und beim Therapeuten Marek Spitczok von Brisinski seit 2014 noch 23. Die Zahlen sind nicht nach Schulen aufgeschlüsselt. Aus rechtlichen Gründen dürfe der Orden nicht Mehrfachnennungen ermitteln, schreibt Kiechle, er gehe aber davon aus, „dass die meisten identisch mit den bei uns Gemeldeten sind.“ Er vermutet also: Personen, die sich aktuell den Beauftragten anvertrauten, hätten das größtenteils zuvor schon direkt beim Orden getan. Neu im Bericht ist auch, dass der Orden bislang an 118 Betroffene, darunter 32 Ako-Opfer, „Anerkennungszahlungen“ von im Schnitt 4.991 Euro vergeben hat, also insgesamt 589.000 Euro. Zusätzlich habe man Therapiekosten von 132.000 erstattet.
    Insgesamt werfen die vom Provinzial aufgeführten genauen Opferzahlen Fragen auf. Aufs Ako bezogen hätten sich seit 2010 bis heute 34 Betroffene gemeldet, so Kiechle. Dabei sind schon die Betroffenenzahlen höher, die im von Orden selbst in Auftrag gegebenen Aufklärungsbericht von Julia Zinsmeister und im vom Ako veranlassten Bericht Professor Arnfried Bintigs erfasst wurden: Zinsmeister zählte 2011 allein 58 Opfer und direkte Zeugen auf. Bintig beschrieb 2013 die von zahlreichen weiteren Interviewten geschilderten möglichen sexuellen Handlungen an Kindern und Jugendlichen im Ako-pro-Seminar.
    Ebenso sind die im Zwischenbericht vermeldeten Täterzahlen rätselhaft: Zum Ako führt Kiechle nur fünf Taten eines unter Pseudonym „Julius“ genannten Paters und 15 des „Georg“ benannten Ex-Schulleiters Pater Ludger Stüper auf. Die anderen Ako-Täter seien nach Ordenszählung „fast alle nur einmal genannt“ worden. Was erstaunt, denn allein ein Blick in den Zinsmeister-Bericht von 2011 offenbart nur für Pater Stüper 31 Meldungen über auch strafrechtlich relevanten Missbrauch. Unter anderem bei einem „Pater Ludwig“ sind bei Zinsmeister vier Gewaltfälle verzeichnet, bei einem „Herbert“ sechs, bei „Harald“ vom Ako-pro-Seminar schon vor dem Bintig-Bericht drei schwere Beschuldigungen.
    „Der Bericht des scheidenden Provinzials beinhaltet weiterhin Nebelkerzen. Erneut ist eine Chance auf Klarheit vertan“, kommentiert Heiko Schnitzler vom Eckigen Tisch Bonn die Zahlen. Ohnehin sei jeder Betroffene einer zuviel. „Allerdings müssen wir leider von einer zehnfachen Dunkelziffer plus X ausgehen.“ Beim GA und dem Eckigen Tisch Bonn melden sich noch immer weitere möglicherweise Betroffene. Ob sie den Weg zum Orden und den „Anerkennungszahlungen“ weitergehen, bleibt ihre Entscheidung.

    http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/Jesuiten-zahlten-an-32-Ako-Betroffene-Geld-article3291925.html

    http://unheiliger-berg.jimdo.com/

  4. „Der Jesuitenorden hat einen Zwischenbericht mit irritierenden Missbrauchszahlen herausgegeben“

    Lese- Rechtschreib- und Rechenschwäche im Erwachsenenalter?
    Es gibt Hilfe! Zum Beispiel hier http://pfi-lernen.de/index.html

    Nur Mut! Die Kirchenopfer und ihre UnterstützerInnen geben ja auch nicht auf.

    VG
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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