Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmisbrauchs geht an den Start

AUFARBEITUNGSKOMMISSIONAuf einer Pressekonferenz in Berlin am 3. Mai 2016 stellte die zum Jahresanfang benannte Aufarbeitungskommission ihr Arbeitsprogramm für die kommende Zeit vor. Die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen erläuterte, auf welchen Wegen Betroffene sich an die Kommission wenden können. Ab sofort können Betroffene sich bei der Kommission mit ihrer Geschichte melden:

https://www.aufarbeitungskommission.de/

Hier der Text der Pressemitteilung: PM_Aufarbeitungskommission-startet-Anhörungen-in-2016.

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Bundespressekonferenz_20x13_300dpiBei der Pressekonferenz hat Matthias Katsch, Sprecher von ECKIGER TISCH, Mitglied im Betroffenenrat und ständiger Gast in der Unabhängigen Kommission folgendes Statement gegeben:

„Ich bin sehr froh, dass diese Kommission heute an den Start geht.  Wir als Betroffene und ich ganz persönlich haben lange dafür gekämpft. Denn sexueller Missbrauch ist kein privates Schicksal, sondern ein andauernder institutioneller und gesellschaftlicher Skandal!

Als ich im Januar 2010 dem Leiter meiner alten Schule davon berichtete, dass es an dieser katholischen Vorzeigeinstitution hier mitten in Berlin vermutlich eine dreistellige Zahl von Opfern sexuellen Missbrauchs gegeben hatte, geschah dies, damit auch die vermuteten Leidensgefährten die Chance erhielten zu erfahren, dass sie nicht alleine gewesen waren. Wir wollten sie anschreiben und ermutigen, ihr Schweigen zu brechen, aus der Überzeugung, dass dies eine befreiende Wirkung haben kann.

Die Botschaft dieser Kommission heute hier verstehe ich so: Diesmal wollen wir es wirklich wissen!

Wir wollen in die dunkelsten Ecken gucken, auch in Bereiche, die wir bisher noch gar nicht im Blick hatten. Wir wollen die Verantwortlichen benennen, die Strukturen und Bedingungen aufdecken, unter denen Kinder und Jugendliche, Jungen und Mädchen in diesem Land sexuelle Gewalt erlitten haben und immer noch erleiden.

In dem Film Spotlight fiel kürzlich der Satz: Wenn es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, braucht es auch ein ganzes Dorf, um Kinder zu missbrauchen.

Das heißt: Sexueller Missbrauch geschieht immer in einem Umfeld, in einem Zusammenhang: familiär, institutionell, gesellschaftlich.

Auf institutioneller Ebene stellt Aufarbeitung daher eine besondere Herausforderung dar für alle Bildungs- und Betreuungseinrichtungen,

  • in denen Jungen und Mädchen Opfer wurden.
  • in denen Erwachsene vielfach davon Kenntnis erlangten und nicht oder nicht angemessen reagiert haben,
  • und schließlich für jene Institutionen, in denen sogar aktiv dazu beigetragen wurde, dass die Taten solange unentdeckt blieben.

Institutionelle Aufarbeitung ist bislang nur sehr punktuell geschehen.  Vielfach haben wir nicht einmal belastbare Zahlen zu Tätern und Opfern.  Verantwortung wurde nicht übernommen, Strukturen nicht verändert. Opfer warten immer noch auf Anerkennung. Hier erwarte ich wichtige Impulse von der Arbeit der Kommission

Auf gesellschaftlicher Ebenen geht es darum zu klären,  weshalb über Jahrzehnte – in Ost wie West – diese Verbrechen an weitgehend ignoriert und auf Meldungen von Opfern nur unzureichend reagiert wurde. Diesen Schleier aus Wahrnehmungsverweigerung und Passivität müssen wir durchbrechen!

Sexueller Missbrauch ist keine abgeschlossene Geschichte aus ferner Zeit. Die Kommission muss – wenn möglich – jenen Kindern und Jugendlichen, die heute diese Erfahrungen machen müssen – und das sind zehntausende jedes Jahr – signalisieren, dass wir als Gesellschaft zuhören wollen und bereit sind, sie zu unterstützen und ihnen Hilfe anzubieten. Dazu müssen wir alle miteinander sprachfähiger in Bezug auf sexuelle Gewalt werden, damit die Tabuisierung endet und Opfer sich an uns wenden können, um gehört zu werden.“

 

 

 

 

 

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