Die reichste Kirche der Welt hat kein Geld übrig für ihre Opfer

19. Februar 2015

Um es klar zu sagen: Diese Zahlen sind obszön! Jahr für Jahr erwirtschaftet laut einer jetzt erstmals veröffentlichten Vermögensübersicht allein das Erzbistum Köln einen steuerfreien Gewinn von fast 100 Millionen Euro, der gleich wieder in die Rücklagen wandert. Auf “konservativ geschätzt” 3,5 Milliarden beläuft sich das Vermögen dieses einen Bistums.

Köln - KopieSelbst wenn es unter den 27 deutschen Bistümern auch kleinere und weniger wohlhabende gibt, zusammen genommen sitzt die Katholische Kirche in Deutschland sicher auf einem dreistelligen Milliarden Vermögen, zusammengerafft über die Jahrhunderte von einer Institution, deren Stifter einst verkündete: Seelig sind die Armen!

Diese gleiche Kirche weigert sich seit fünf Jahren, über eine Entschädigung von Missbrauchsopfern ihrer Institution überhaupt auch nur zu reden! Gerade mal eine Anerkennungszahlung von bis zu 5000 Euro war sie 2011 bereit ihren Opfern anzubieten. 1500 Menschen haben sich darauf eingelassen und eine solche Zahlung beantragt, trotz eines wenig durchsichtigen, willkürlichen Verfahrens.

Allenfalls 5 Millionen Euro, haben die 27 Bistümer und 400 Ordensgemeinschaften dafür bislang aufbringen müssen. Würde die reichste Kirche der Welt eine wirkliche Entschädigung wie etwa in Irland anbieten, wo im Schnitt rund 65.000 Euro an die Opfer gingen, sie könnte das ohne Schwierigkeiten aus den Erträgen nur eines einzigen Wirtschaftsjahres und nur eines einzigen Bistums bezahlen.

Selbst wenn sich wie zu erwarten bei einer wirklichen Entschädigung mehr Menschen bereitfinden würden, sich auf das Antragsverfahren einzulassen als jetzt bei der lächerlichen Anerkennungszahlung:
Bankrott erklären, wie reihenweise in den USA, müssten Ordensgemeinschaften und Bistümer hierzulande nicht. Dafür hat diese Kirche einfach zu viel auf der Bank.

Bundestag macht den Weg frei für Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

30. Januar 2015

Am 30. Januar 2015 debattierten die Abgeordneten des Deutschen Bundestages über die Einrichtung einer Unabhängigen Kommission zur systematischen und umfassenden Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Deutschland:

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) Johannes-Wilhelm Rörig verfolgte die bewegende Debatte von der Besuchertribüne des Bundestages.

2015-01-30_14-14_Standbild_heller

Zusammen mit rund 20 Betroffenen hörte er engagierte und eindrückliche Reden von Vertretern aller Parteien, die sich parteiübergreifend für die Einrichtung einer Unabhängigen Kommission zur systematischen und umfassenden Aufarbeitung aussprachen und die Bundesregierung aufforderten, diese Kommission entsprechend auszustatten.

150130_7280_Web

Alle Redner würdigten das Engagement von Betroffenen und die Arbeit von Herrn Rörig. Der Antrag der Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD wurde zur weiteren Beratung in die Ausschüsse überwiesen.

Hier die Pressemitteilung des Missbrauchsbeauftragten mit dem Titel: „Grünes Licht des Bundestages ist wegweisend für die Aufarbeitung von Missbrauch!“

Weitere Informationen auf der Internetseite des UBSKM

Aufarbeitung, Hilfe und Entschädigung stehen immer noch auf der Agenda

26. Januar 2015

2015-01-26_MKatsch

Statement von Matthias Katsch in der Presse-Konferenz zum Stand der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Deutschland, im Jahre 5 nach “Canisius”:

Hier die schriftliche Erklärung für die Journalisten in der Bundespressekonferenz anlässlich des 5. Jahrestages der Veröffentlichung der Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg: 2015-01-26_Matthias Katsch_ECKIGER TISCH

Eine gute zusammenfassende Darstellung findet sich in der Süddeutschen Zeitung: “5000 Euro für die Seele eines Kindes”.

Weitere Bilder von der PK sowie die Texte der anderen Statements und weiterführende Informationen finden sich auf der Webseite des Unabhängigen Beauftragten.

 

Fünf Jahre nach Bekanntwerden des sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg und dem Beginn des “Missbrauchsskandals”

23. Januar 2015

Pressekonferenz zum aktuellen Stand
„Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Deutschland“.

 

Montag, 26.01.2015, 10 Uhr, Bundespressekonferenz

 mit:

  • Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs
  • Dr. Sabine Andresen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt/M.
  • Klaus Mertes SJ, ehemaliger Leiter Canisius-Kolleg (heute Kolleg St. Blasien)
  • Matthias Katsch, Betroffener Canisius-Kolleg (kath. Kirche)
  • Anselm Kohn, Betroffener Nordkirche  /Ahrensburg (ev. Kirche)
  • Adrian Koerfer, Betroffener Odenwaldschule (Reformschule)

 

Veranstaltungshinweis: Buchlesung und Diskussion am 23. Januar, in Bad Godesberg

20. Januar 2015

Fünf Jahre nach Ausbruch des Skandals. Erstmals treten der AKO-Rektor und der Betroffenensprecher gemeinsam öffentlich auf.

unheiliger bergDer Mann ist über 60. Gutsituiert. Mit Familie. Und doch kann er nicht anders, als sich endlich seinen Gespenstern zu stellen. „Immer wieder will mich der große schwarze Pater in seinem Zimmer haben. Es liegt irgendwo am Ende eines Flures im Aloisiuskolleg (AKO)“, schreibt der Mann im 2014 erschienenen Sammelband „Unheiliger Berg“. Wenn der Mann daraus liest, bricht ihm die Stimme. Jetzt also, Jahrzehnte später, legt er den Missbrauch endlich offen. „Und jetzt hat meine Frau erkennen müssen, warum die ganze Familie so unter mir hat leiden müssen.“

Der Mann ist einer der 13 Betroffenen, die sich im Buch erstmals an die Öffentlichkeit wenden. Der bundesweite Missbrauchsskandal hat auch das AKO Anfang 2010 in eine tiefe Krise gerissen. Es wurde für sechs Jahrzehnte strafrechtlich relevanter Machtmissbrauch nachgewiesen. Das Buch spiegelt erstmals, wo genau die Aufklärung steht. Und das vor dem Hintergrund der Debatte um pornographische Kinderfotos im Fall Sebastian Edathy. Denn auch am AKO wurden von einem Ex-Schulleiter kistenweise Posing-Fotos von kleinen Schülern geschossen.
Wir wollen fragen:

Gibt es endlich einen Dialog zwischen Kolleg und Betroffenen, genau fünf Jahre danach?
Woran leiden die Betroffenen noch immer?
Welche Konsequenzen wurden am AKO gezogen?
Mit der Herausgeberin Ebba Hagenberg-Miliu und dem Publikum diskutieren als Mitautoren:
Heiko Schnitzler, Sprecher Betroffenengruppe Eckiger Tisch Bonn
Pater Johannes Siebner, Rektor des Aloisiuskollegs seit 2011

Auch weitere Mitautoren bzw. Betroffene stellen sich den Fragen.

Mehr Infos auch auf der Webseite zum Buch: http://unheiliger-berg.jimdo.com/
——————————————————————–
Ort: Parkbuchhandlung Bonn-Bad Godesberg, Koblenzer Straße 57
Termin: Freitag 23.01.2015, 19.30
Unkostenbeitrag: 5€

Reservierung: 0228 352191
Ebba Hagenberg-Miliu (Hrsg.), Unheiliger Berg. Das Bonner Aloisiuskolleg der Jesuiten und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Kohlhammer Verlag 2014.

KFN-Forschungsbericht: Sexueller Missbrauch Minderjähriger durch Katholische Geistliche in Deutschland

20. Januar 2015

Die Forschungskooperation zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und Prof. Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ist im Januar 2013unter großer medialen Aufmerksamkeit gescheitert. Die KFN-Mitarbeiterinnen Sandra Fernau und Deborah Hellmann haben die Chance genutzt,  eigenständige und unabhängige Forschung zum sexuellen Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche aus der Perspektive der Betroffenen durchzuführen. Dabei haben zahlreiche Betroffene mitgewirkt, die sich beim KFN gemeldet und an der Fragebogenstudie teilgenommen bzw. sich zu einem persönlichen Gespräch bereiterklärt haben. Als Endergebnis dieser Forschung ist ein Buch entstanden, das kürzlich beim Nomos-Verlag erschienen ist (Sandra Fernau & Deborah F. Hellmann, Hrsg.: „Sexueller Missbrauch Minderjähriger durch katholische Geistliche in Deutschland“).

Hier die Presseerklärung zur Veröffentlichung des Forschungsberichts:  Presseerklärung

Im letzten Kapitel ziehen die Autorinnen ein Fazit. Kernaussagen sind:

1. Der sexuelle Missbrauch durch Priester fand oft in Heimen oder Internaten statt. Dort hat-
ten die Betroffenen besonders wenige Möglichkeiten, sich dem Zugriff der Täter zu entzie-
hen und waren den Missbrauchshandlungen besonders häufig ausgesetzt.
2. Vielfach haben die geistlichen Täter bei der Annäherung an die Betroffenen und bei der Tat-
begehung ihre religiöse Machtposition ausgenutzt.
3. Viele Personen im direkten Umfeld der Betroffenen haben von dem Missbrauch gewusst
oder ihn zumindest erahnt. Die besondere soziale Stellung der geistlichen Täter hat mit dazu
beigetragen, dass viele Betroffene sich nie oder erst sehr spät offenbart haben.
4. Die im kirchlichen Rahmen erlittenen Missbrauchserfahrungen sind für einen Großteil der
Betroffenen auch noch nach Jahrzehnten mit starken psychischen Beeinträchtigungen ver-
bunden.

Das ganze Schlusskapitel findet sich hier: Buchkapitel_Fazit

Neue Beauftragte der Jesuiten: Katja Ravat und Marek Spitczok von Brisinski stellen sich vor

26. August 2014

In einem Schreiben an den Eckigen Tisch haben sich die beiden neuen “Beauftragten zum Thema sexualisierte Gewalt” kurz vorgestellt. Hier Auszüge:

“Frau Katja Ravat ist Rechtsanwältin mit Tätigkeitsschwerpunkt Strafrecht, Nebenklagevertretung und Opferrechte und mit ihrer Kanzlei seit 2004 im Raum Freiburg ansässig. Sie ist ehrenamtlich in der Geschädigtenbetreuung des Weissen Rings Breisgau-Hochschwarzwald und im Vorstand von Frauenhorizonte e.V. -Anlauf- und Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Frauen- tätig.”

Marek Spitczok von Brisinski arbeitet “seit 2007 bei HILFE-FÜR-JUNGS e.V. in Berlin in der Prävention, Beratung und Unterstützung von Jungen und jungen Männern, die von sexueller Gewalt betroffen oder bedroht sind. Weitere Informationen zu meiner derzeitigen Arbeit unter: www.mut-traumahilfe.de “

“Wir haben unsere Aufgaben unter uns zunächst regional aufgeteilt, Frau Ravat für das südliche Deutschland und ich für die nördliche Hälfte.
Darüber hinaus können Betroffene sich gerne entweder an eine Frau oder einen Mann, eine Juristin oder mich mit psychosozialem Arbeitshintergrund wenden.”

Schließlich bezeichnen es die neuen Beauftragten als ein Anliegen “mit Betroffenenvertreter_innen zu sprechen, um sich über offene Wünsche, Forderungen und Ideen der Aufarbeitung auszutauschen.” Ausgangspunkt dafür könnte zum Beispiel der Punkt 4 des Regensburger Forderungskatalogs sein. Ein erstes Gespräch ist für den Herbst angedacht.

Ursula Raue beendet Tätigkeit als Missbrauchsbeauftragte

26. August 2014

Mit einem kurzen Schreiben an Betroffene hat die bisherige Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue nach sieben Jahren ihre Arbeit beendet.

Thema des Briefes ist vor allem die Frage, was mit den bei Ihr lagernden Unterlagen insbesondere Briefen von Betroffenen geschehen soll.
Alternativ schlägt sie die Übergabe an eine bzw. einen ihrer beiden Nachfolger vor oder die weitere Verwahrung bei ihr. Sie verweist dabei auf das Berufsrecht der Rechtsanwälte mit seinen Aufbewahrungsfristen für Mandantenunterlagen von 10 Jahren.

Hierbei wird ein generelles Problem bei dem Konstrukt “Missbrauchsbeauftragte/r” erneut deutlich: Wer ist ihr Mandant? Die oder der Betroffene sexueller Gewalt in einer Einrichtung oder doch vielmehr die Einrichtung, die beauftragt und bezahlt? Wie der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung in seinem Bilanzbericht forderte, muss die Frage des Umgangs mit den Briefen, Zeugnissen und Unterlagen von Betroffenen, die sich nach 2010 zu tausenden an die verschiedenen Anlaufstellen des Bundes und der Institutionen gewandt haben, endlich gesetzlich geregelt werden. Eine Regelung könnte in Anlehung an das Archivrecht des Bundes bzw. nach dem Vorbild des Umgangs mit den Stasiunterlagen erfolgen, wobei für die Übergabe etwa an das Bundesarchiv die EInwilligung der Betroffenen einzuholen wäre.

Die Schaffung einer klaren Lösung ist jedenfalls dringend notwendig, denn fünf Jahre sind seitdem bereits vergangen. Es drohen sonst wichtigen Belege für eine nachhaltige Aufarbeitung und Forschung zur sexuellen Gewalt in in der Zukunft verloren zu gehen.

Eine generelle Auseinandersetzung mit der Arbeit von U. Raue findet sich im Bonner Generalanzeiger

Der ECKIGE TISCH hatte 2010 und 2011 deutliche Kritik an Ihrer Arbeit geübt. Der Jesuitenorden hielt dessen ungeachtet an seiner Beauftragten fest.

Was die Betroffenen sexuellen Missbrauchs jetzt von der Kirche in Deutschland erwarten…

31. Mai 2014

Aufarbeitung, Hilfe, Genugtuung – auch vier Jahre nachdem wir begonnen haben, über den erlittenen sexuellen Missbrauch in unserer Kindheit zu sprechen, sind diese Forderungen aus dem Frühjahr 2010 noch aktuell. Der Reflex der Selbst- und Ruferhaltung der Kirche ist unverändert und blockiert eine wirksame, d.h. für alle (auch die Institution und die Gläubigen) hilfreiche Aufarbeitung.

Konkret fordern wir von den Bischöfen und Ordensoberen in Deutschland, endlich aktiv auf die Betroffenen sexuellen Missbrauchs  in ihrem Verantwortungsbereich zuzugehen und die Gesprächsblockade, die faktisch seit 2010 herrscht, zu beenden. Ängstliches Schweigen einerseits und Wut auf der anderen Seite bringen uns nicht weiter.

WEITERLESEN

Zum Forschungsvorhaben der Bischöfe: Was lange dauert, wird nicht notwendigerweise gut

24. März 2014
  1. Es ist gut, dass es nun doch noch zu einer eigenen Initiative der Kath. Kirche zur Aufarbeitung der zahlreichen Missbrauchsfälle durch ihre Priester in den vergangenen Jahrzehnten kommt. Lieber spät als gar nicht. Über die zahlreichen inhaltlichen Fragen an das Vorhabens wird noch zu reden sein, etwa über den gewählten Ansatz, die Auswahl (nur 9 von 27 Bistümern) und die Aktenbasis der Untersuchung usw.
  2. Leider hat die Kirche auch diesmal die Chance verpasst, die Betroffenen in ihr Vorhaben einzubeziehen. In den ein Jahr lang dauernden Vorbereitungen dieses Projektes gab es nicht einmal einen Versuch, auf Betroffenenvertreter zuzugehen.
  3. Aufarbeitung beginnt immer mit den Opfern, die anfangen zu sprechen. Aktenbefunde sind dann im Nachgang hilfreich, um Hintergründe und Zusammenhänge aufzudecken.  Aufarbeitung bietet den Opfern, aber auch den Vertretern der Institution die Chance zur Verarbeitung des Geschehenen. Aufarbeitung kann der Institution dabei helfen, ihre spezifischen Risikofaktoren zu erkennen und diese durch konsequente Schutzkonzepte zu minimieren.
  4. Offenbar tun sich die Bischöfe schwer dabei, die Betroffenen, die häufig auch durch das Leitungsversagen ihrer Vorgänger zu Opfern wurden, als Subjekte im Aufarbeitungsprozess ernst zu nehmen. Aufarbeitung geht aber nur mit den Opfern, nicht für sie oder gar ohne sie.
  5. Auch deshalb bleibt die vielfach geforderte umfassende, systematische und unabhängige Aufarbeitung sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Familien, Heimen und Institutionen in Deutschland auch weiterhin eine wichtige Herausforderung, der sich die Gesellschaft durch die Einsetzung einer Unabhängigen Kommission durch das Parlament stellen sollte.

24. März 2014

Matthias Katsch, Sprecher ECKIGER TISCH

DOWNLOAD dieser Pressemitteilung

Pressemitteilung instutitionell Betroffener (DOWNLOAD)