ECKIGER TISCH fordert Gerechtigkeits- und Wahrheitskommission

Seit der Veröffentlichung der Reportage „Meine Täter, die Priester“ von Eva Müller in der ARD und im Internet haben wir eine große Zahl von positiven Reaktionen auf den Beitrag und auf die Recherche unseres Sprechers Matthias Katsch erhalten. Dafür sind wir und insbesondere Herr Katsch zutiefst dankbar.

Bei der Reise nach Chile ging es jedoch nicht um seine persönliche Aufarbeitung. Nicht nur die durch den deutschen Priester Peter R. missbrauchten chilenischen Frauen warten seit Jahren darauf, dass man ihre Fälle aufarbeitet, und ihnen Hilfe und angemessene Entschädigung zukommen lässt. Auch in Deutschland gibt es viele Tausend Betroffene, die in den vergangenen Jahrzehnten sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester ausge­setzt waren und seit Jahren vergeblich darauf hoffen, dass in ihren Fällen konkret ermittelt wird.

Betroffene haben ein Recht darauf, zu erfahren,

  • unter welchen konkreten Umstän­den sie als Kinder oder Jugendliche zu Opfern von Miss­brauchstätern wurden,
  • ob es möglicherweise in ihrem Umfeld noch andere Betroffene gab, die dasselbe Schicksal erleiden mussten,
  • wer die Verantwortung dafür trägt, dass die Taten über Jahre hinweg vertuscht, die Täter geschützt und den Opfer keine Hilfe angeboten wurde,
  • wo sich die Täter heute befinden und ob möglicherweise noch heute eine Gefahr von ihnen ausgeht.

Auch die Angehörigen (hier insbesondere die Eltern) der Betroffenen haben − ebenso wie das Umfeld, in dem die Taten geschahen (Pfarrei, Schule etc.) − ein Recht darauf zu erfahren, wie es möglich war, dass so viele Kinder und Jugendliche in den Strukturen der katholischen Kirche Opfer von sexuellem Missbrauch wurden.

Die Beantwortung dieser und anderer Fragen sowie die Erfahrung von Gerechtigkeit und ernsthaftem Aufklärungswillen sind grundlegende Voraussetzungen für die individuelle Bewäl­tigung der traumatisierenden Missbrauchserfahrungen. Viele Betroffene haben lebens­lange und teilweise irreparable Schäden erlitten.

Individuelle Aufarbeitung bildet auch die Grundlage für eine gesellschaftliche Auseinan­dersetzung und ermöglicht so wirksame Prävention. Aufarbeitung kann nicht durch eine quantitative wissenschaftliche Untersuchung ersetzt werden, bei der − wie im Falle der kürzlich veröffentlichten MHG-Studie − Zahlengerüste ermittelt werden. Darüber hinaus hat sexuelle Gewalt in Einrichtungen der katholischen Kirche nach unserer Überzeugung eine völlig andere Dimension, als die kürzlich veröffentlichten Zahlen annehmen lassen.

Aufarbeitung muss konkret sein. Die katholische Kirche selbst kann das nicht leisten, wie einige ihrer Vertreter inzwischen selbst einräumen. Deshalb ist jetzt der Staat gefordert. Es braucht eine unabhängige Untersuchung durch eine Kommission von Ermittler*innen, die Betroffene sowie Zeitzeug*innen anhört und Akten auswertet. Die Kirche muss den Zugang zu ihren Unter­lagen gewähren. Dafür gibt es Vorbilder (Irland, Australien, Pennsylvania).

Es geht auch um Gerechtigkeit. Die Opfer von einst haben heute ein Recht auf Aufklärung, auf Hilfe und auf Entschädigung.

Es braucht jetzt eine Gerechtigkeits- und Wahrheitskommission.

 

 

 

„Meine Täter, die Priester“ – Eine ARD-Dokumentation mit Matthias Katsch

 

In ihrer ARD-Dokumentation „Richter Gottes“ hatte die WDR-Journalistin Eva Müller im Herbst 2015 einen aktuellen, nicht verjährten Missbrauchsfall durch Peter Riedel im Bistum Hildesheim recherchiert und aufgedeckt (Video).

Für ihren neuen Film „Meine Täter, die Priester“ hat sie Matthias Katsch nach Chile begleitet, wo er sich auf Spurensuche nach den beiden Haupttätern vom Canisius-Kolleg (Peter Riedel und Wolfgang Statt) begeben hat. Wolfgang Statt lebt bis heute in Chile, Peter Riedel lebt in Berlin. In Chile finden sie weitere Missbrauchsopfer von Peter Riedel.

Pressetext:  Dass der Umgang der Kirche mit Missbrauch auch aktuell noch problematisch ist, zeigt nun einer der prominentesten Opfervertreter in Deutschland – Matthias Katsch – in einer exklusiven ARD/WDR Recherche auf. Der ehemalige Canisius-Schüler und Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ hat 2010 den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland ausgelöst. Über dreißig Jahre blieben die Verbrechen seiner Täter, der Jesuitenpriester Peter R. und Wolfgang S. im Verborgenen. Erst 2010 werden ihre Taten am Canisius-Kolleg durch Matthias Katsch und seine Mitschüler öffentlich. Und dann? Nur so viel ist bislang bekannt: Beide Täter wurden nach 2010 in Chile gesehen.

Weil die Aufklärung nicht voran geht, hat Matthias Katsch die Dinge nun selbst in die Hand genommen. Er ist nach Chile gereist und hat dort nach den Spuren seiner Täter und weiteren Opfern gesucht – und sie gefunden. Story-Autorin Eva Müller hat ihn dabei mit der Kamera begleitet. Die Recherche zeigt: Der zweite Haupttäter am Canisius-Kolleg, Wolfgang S., wohnt bis heute in Chile und hat dort einen Sportverein für Jugendliche gegründet. Er hat seinem ehemaligen Kollegen Peter R. von dort aus Jugendliche zum „Stipendium“ nach Deutschland vermittelt. Während dieser Aufenthalte werden die Jugendlichen von Peter R. missbraucht.

Eine Rolle spielt auch das größte Sozialwerk Südamerikas: Christo Vive. Auch von hier aus brachen Jugendliche zu Priester Peter R. nach Deutschland auf, um bis zu einem Jahr bei ihm zu leben. Die Betroffenen sprechen in der ARD zum ersten Mal über Ihren Missbrauch durch Peter R. in Hildesheim, Berlin und Hannover.

Wiederholungstermine auf tagesschau24:

  • Freitag, 19. Oktober 2018, 21:17 Uhr
  • Samstag, 20. Oktober 2018, 13:15 Uhr
  • Donnerstag, 25. Oktober 2018, 19:15 Uhr
  • Sonntag, 28. Oktober 2018, 09:15 Uhr

Einen kleinen Überblick zu Peter Riedel und Wolfgang Statt kann man hier nachlesen. Die aktuellen Reaktionen auf die Reportage kann man hier verfolgen.

ECKIGER TISCH  fordert Unterstützung durch die Politik für eine unabhängige Aufarbeitung sowie angemessene Entschädigung

Da die katholische Kirche nach ihren kurzen Scham- und Entschuldigungs­bekun­dun­gen auch acht Jahre nach Beginn der öffentlichen Debatte keinerlei konkrete Schritte vorlegt − wie die die Offenlegung ihrer Archive und eine angemessene Entschädigung − fordern wir angesichts der vielen Tausend Betroffenen sexuellen Missbrauchs durch katho­lische Priester:

  1. Politik und Strafverfolgungsbehörden müssen den Schutz der Betroffenen gewährleisten und tätig werden

Wir fordern die Politik auf, den Schutz der Betroffenen zu gewährleisten und sie nicht der Willkür der Kirche zu überlassen. Der Staat kann nicht länger zulassen, dass die Verbrechen durch katholische Priester von der Kirche intern geregelt und vertuscht wer­den. Angesichts des institutionellen Versagens der Kirche bedeutet ein Gewähren­lassen gleichzeitig auch ein Staatsversagen.

Wir fordern daher die Strafverfolgungsbehörden in Deutschland auf, tätig zu werden. Während Staatsanwaltschaften − beispielsweise beim Anfangsverdacht der Vertuschung von Abgasmanipulationen von Kraftfahrzeugen − konsequent ermitteln und etwaiges Beweis­material sicherstellen, ist dies bei Missbrauchsfällen durch Priester im Bereich der katholischen Kirche bislang konsequent unterblieben. Bei Straftaten wie dem sexuellen Missbrauch von Kindern muss die Staatsanwaltschaft tätig werden. Da die katholische Kirche weiterhin keine konkrete Bereitschaft zeigt, Täter zu benennen, fordern wir die Strafverfolgungsbehörden auf, den bekannten Anfangsverdachtsfällen jetzt ent­schlos­sen nachzugehen und endlich zu ermitteln.

Im MHG-Untersuchungsbericht wird die Zahl von 1.670 Tätern genannt. Das sind 1.670 kon­krete Anfangsverdachtsfälle, denen nachgegangen werden muss: Welche Täter leben noch, welche sind weiterhin aktiv, wie heißen diese Täter, wo fand (oder findet) der Miss­brauch statt, welche Fälle sind noch nicht verjährt? Das alles wissen wir nicht, weil die Kirche es nicht wissen will. Die Staatsanwaltschaften, die in den vergangenen acht Jah­ren in Deutschland untätig geblieben sind, müssen daher jetzt endlich handeln, damit Kinder heute nicht länger einem Risiko durch die noch lebenden und aktiven Täter aus­ge­setzt sind.

Fälle, die nach dem Dafürhalten der Staatsanwaltschaften offensichtlich verjährt sind, müssen künftig durch eine von der Regierung einzurichtende unabhängige Unter­suchungs­kommission aufgeklärt werden.

Betroffenen muss ein Einsichtsrecht in die ihren Fall betreffenden Unterlagen bei den Bistümern und Ordensgemeinschaften gewährt werden. Die Opfer haben ein Recht dar­auf, etwas über die Tatumstände und das Handeln der verantwortlichen Vorgesetzten zu erfahren. Auch die Gesellschaft sollte wissen, was aus den Tätern wurde.

  1. Wir fordern zu Entschädigungszahlungen auf, die der Schwere des Schadens gerecht werden

Die Menschen, die in ihrer Kindheit von katholischen Priestern missbraucht worden sind, sind häufig massiv geschädigt worden. Sie müssen lebenslang mit den zerstörerischen Auswirkungen des Missbrauchs weiterleben. Viele Lebensbereiche können von weitrei­chenden Beeinträchtigungen betroffen sein:

  • Viele Betroffene haben in ihrem weiteren Leben erhebliche Probleme bei zwischen­menschlichen Beziehungen, Bindungen und Partnerschaften.
  • Oft wurde die Beziehung zum eigenen Körper beschädigt, Intimität und Sexualität sind daher für viele Betroffene problembelastet.
  • Viele Betroffene konnten und können sich nicht beruflich und erwerbsmäßig ent­
  • Viele Betroffene leiden über die gesamte Lebensspanne verschiedenen psychischen Problemen wie Depressionen, andere psychische Erkrankungen oder Suchterkran­
  • Manche Betroffene, die nicht die Kraft hatten, mit dem Erlittenen weiterzuleben, haben ihr Leben beendet.

Eine Wiedergutmachung dieser Schäden ist nicht möglich. Die Taten und die Schäden können nicht rückgängig gemacht werden. Eine Entschädigung kann aber dazu beitragen, dass betroffene Menschen besser mit diesem Leben klarkommen und mit den Beeinträch­tigungen weiterleben können.

Wenn die Kirche die bisher angebotenen ‚Anerkennungsleistung‘ von bis zu 5.000 Euro mit dem Faktor 100 multipliziert, dann wäre dies ein Betrag, der sich für Betroffene tatsäch­lich wie der Versuch einer Entschädigung anfühlen und damit dem Ausmaß des per­sön­lichen Schadens ansatzweise gerecht werden würde.

Matthias Katsch / Sprecher ECKIGER TISCH

 

Download der Pressemitteilung vom 28. September 2018

„Diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück.“

27. September 2018 – Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenvereinigung ECKIGER TISCH, erklärte nach der Pressekonferenz der Bischöfe: „Wir haben zwar nicht erwartet, dass die katholischen Bischöfe in den Fragen der Aufarbeitung und der Entschädigung jetzt zu schnellen Ergebnissen kommen, aber diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück.

 

Hinweis:  Den „Sieben-Punkte-Plan“ der Deutschen Bischofskonferenz (Pressemitteilung vom 27. September 2018)kann man hier nachlesen.

Eine aktuelle Auswahl der Medienberichterstattung finden Sie im Menü PRESSESCHAU.

ECKIGER TISCH fordert Unabhängige Aufarbeitung und angemessene Entschädigung

Die Studie wirft ein Schlaglicht auf das Ausmaß der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der katholischen Kirche in Deutschland. Ein großer Teil der Verbrechen bleibt jedoch weiterhin im Dunkeln.

Kritik am Studiendesign

Die jetzt vorgelegte sozialwissenschaftliche Studie darf nicht mit Aufarbeitung verwechselt werden. Wir erfahren keine Namen von Tätern. Es werden auch keine verantwortlichen Bischöfe genannt, die das System aus sexuellen Übergriffen über Jahrzehnte gedeckt und perfektioniert haben.

Stattdessen wurden Zahlen erhoben, die nur einen sehr unvollständigen Eindruck vom tatsächlichen Ausmaß des Missbrauchs durch Priester vermitteln. Zum einen ist die Studie vom Umfang her unvollständig, weil die Ordensgemeinschaften (beispielsweise Jesuiten, Benediktiner etc.) nicht untersucht wurden. Ordensgemeinschaften von Frauen wurden ebenfalls nicht einbezogen.

Zum anderen bleibt die Studie nur an der Oberfläche dessen, was in den erhalten gebliebenen Personalakten der Institution zu finden ist. Das System aus Missbrauch, Versetzung und Vertuschung konnte aufgrund des Settings der Studie nicht abgebildet werden. Die tatsächliche Zahl der betroffenen Menschen, die sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erleben mussten, bewegt sich in völlig anderen Dimensionen, als es die vorgelegten Zahlen suggerieren.

Forderung nach unabhängiger Aufarbeitung

Es ist jetzt auch endgültig deutlich geworden, dass sich eine Organisation, in der so viele Täter und Vertuscher aktiv waren, nicht selbst aufarbeiten kann. Betroffene haben ein Recht auf die Wahrheit und die Fakten ihres konkreten Falls. Abstrakte wissenschaftliche Studien können das naturgemäß nicht leisten. Eine unabhängige Aufarbeitung muss Namen, Fakten, Orte etc. konkret benennen, um Täterstrategien, Netzwerke, Muster aufzeigen zu können und Täter zu stoppen.

Daher fordern wir eine unabhängige, staatliche Untersuchungs- und Aufarbeitungskommission. Diese muss professionell ausgestattet sein und Zugang zu allen Akten bekommen. Sie muss Betroffene anhören und Zeugen vernehmen. Dazu muss die Kirche ihre Bereitschaft zur Öffnung ihrer Archive erklären. Gute Vorbilder hierfür sind beispielsweise die australische „Royal Commission“ oder die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen in Pennsylvania. Auch der Vatikan muss Zugang zu den dort befindlichen Missbrauchsakten gewähren. Dort lagern Tausende von Akten, die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester in aller Welt dokumentieren.

Forderung nach angemessener Entschädigung

Die Studie zeigt, dass wir es nicht mit einer Anzahl von Einzelfällen zu tun haben, sondern dass die Kirche als Institution versagt hat. Dafür muss sie die Verantwortung gegenüber den Betroffenen übernehmen. Bisher gewährt die Kirche auf Antrag lediglich eine so genannte „Materielle Leistung in Anerkennung des Leids“ von durchschnittlich 3.000 Euro, weil sie sich nicht für die Taten selbst verantwortlich fühlt, sondern lediglich anerkennt, dass dem Opfer durch den Täter Unrecht widerfahren ist. Spätestens durch die jetzt vorliegende Studie ist deutlich geworden, dass in der Katholischen Kirche Täter systematisch geschützt und dadurch Kinder fortgesetzt sexuellen Übergriffen ausgesetzt wurden, beispielsweise durch die beschriebene Praxis der wiederholten Versetzungen von Tätern. Daher fordern wir endlich eine angemessene Entschädigung für die Opfer.

 

Matthias Katsch / Sprecher ECKIGER TISCH

 

 

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ECKIGER TISCH in den Medien

Stellungnahme zu den vorab veröffentlichten Zahlen zum Ausmaß von sexuellem Missbrauch durch Priester in Deutschland

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Es ist gut, dass wir nun endlich Zahlen vorliegen haben, die belegen, was wir schon ahnten: Die Kirche in Deutschland ist genauso wie ihre Schwesterkirchen in den USA, Australien, Irland und vielen anderen Ländern der Erde, in denen die katholische Kirche vertreten ist, in ein System aus Missbrauch und Vertuschung verstrickt, und hat es über Jahrzehnte verstanden, die Öffentlichkeit darüber zu täuschen.

Die Studie zeigt uns dabei nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Akten wurden vernichtet, viele Fälle sind nicht richtig dokumentiert worden, die Aktenführung ist konfus.

Vor allem, es fehlen die Aussagen der Opfer, es gab keine Zeugenvernehmungen, keine Möglichkeit, direkt in den Archiven nach Querverbindungen, Tatmustern, Mitwissern zu suchen.

Dennoch ist das, was sich hier in nüchternen Zahlen zeigt, erschütternd, wenn man sich das Leid vorzustellen vermag, dass über so viele Kinder und Jugendliche, ihre Familien und Angehörigen gebracht wurde.

Das erschreckende Ausmaß sexueller Gewalt von Priestern gegenüber Kindern und Jugendlichen macht deutlich was wir dringend brauchen: eine umfassende, unabhängige Untersuchung. Dafür muss die Kirche den direkten Zugang zu Ihren Akten und Archiven bereitstellen. Als Vorbilder können dabei die Untersuchungen durch Kommissionen in Pennsylvania und Australien dienen, die mit staatsanwaltlichen und kriminalistischen Mitteln diese Verbrechen aufklären muss.

Wir erfahren keine Namen von Tätern, es werden keine Verantwortliche Bischöfe identifiziert, die das System aus sexuellen Übergriffen und Vertuschung über Jahrzehnte gedeckt und perfektioniert haben.

Seit acht Jahren verspricht die Kirche sich um die Aufarbeitung zu kümmern. Weitgehend teilnahmlos schauen Politik und Gesellschaft diesen Bemühungen zu. Jetzt ist klar: eine Organisation von Tätern und Vertuschern kann sich nicht selbst aufarbeiten.

Ich appelliere an Politik und Gesellschaft, sich für die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für eine unabhängige, professionell ausgestattet Untersuchungskommission einzusetzen.

Und schließlich: Es wird Zeit, dass die Politik die Kirche an die Empfehlung des Runden Tisches erinnert, mit ihren Opfern eine Einigung über eine angemessende Entschädigung für dieses System aus Missbrauch und Vertuschung zu suchen. Die von den Bischöfen einseitig implementierte Anerkennungszahlung ist kein Ersatz dafür. Sie ist willkürlich und intransparent im Verfahren und lächerlich in den zuerkannten Summen, die im Mittel nicht einmal 3000 Euro betragen. Viele Betroffene wurden mit 1.000 oder 2.000 Euro abgewimmelt.

Angesichts der betroffenen Entschuldigungserklärungen, die wir schon bald wieder hören werden: Diese sind solange unglaubwürdig, wie die Bischöfe sich nicht zu einer umfassenden Aufarbeitung und damit verbunden der Zahlung von angemessenen Entschädigungen für das Versagen ihrer Institution bereiterklären.

Matthias Katsch, 12. September 2018

 

Einen Überblick über die aktuelle Medienberichterstattung zum Thema finden Sie HIER

 

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Studie zum Verhalten des Bistums Hildesheim im Fall Peter Riedel: Eine Dokumentation jahrzehntelangen Versagens

Das Münchner „Institut für Praxisforschung und Projektberatung“ (IPP) hat eine umfangreiche Studie zum Verhalten des Bistums Hildesheim im Fall des Ex-Jesuitenpaters Peter Riedel vorgelegt, der schon am Berliner Canisius-Kolleg zu den Haupttätern gehörte. ECKIGER TISCH hatte sich dafür in den letzten Jahren intensiv eingesetzt.

Hier ist ein Link zu der Pressekonferenz vom 16.10.17, in der die Studie vorgestellt wurde.

Die Studie findet sich hier zum Download.

Dazu haben wir eine erste Stellungnahme veröffentlicht:

…………………………………………………………..

Eine Dokumentation jahrzehntelangen Versagens

 

  1. Der überaus gründlichen Studie der Experten vom IPP ist es gelungen, Licht in die zwanzigjährige Einsatzzeit des Jesuitenpaters Peter Riedel (alias Anton P., Pater Anton) im Bistum Hildesheim zu bringen. Während dieser Zeit war er ständig in der Jugendarbeit tätig, obwohl er 1982 Berlin und das Canisius Kolleg aufgrund von Übergriffen auf minderjährige Jungen verlassen musste.
  2. Das Gutachten belegt ein fortdauerndes Führungsversagen im Bistum Hildesheim. Geradezu exemplarisch wird die mangelnde Personalverantwortung für Priester illustriert, die sich zwischen verschiedenen kirchlichen Gliederungen bewegen, wie Riedel zwischen dem Jesuitenorden und dem Bistum. Ein unklares Kapitel bleiben die wiederkehrenden Besuche in Lateinamerika, bei denen er offenbar „priesterlich“ im Einsatz war und möglicherweise immer noch ist.
  3. Die Vorwürfe, die die Betroffeneninitiative ECKIGER TISCH 2015 gegen die Bistumsleitung erhoben hatte, wurden in vollem Umfang bestätigt. Gegen die Leitlinien der DBK wurde verstoßen. Das Bistum ist über viele Jahre seinen dienstrechtlichen Verpflichtungen nicht nachgekommen und hat Kinder und Jugendliche einer tatsächlichen Gefahr ausgesetzt. Opfer hätten verhindert werden können, wenn gehandelt worden wäre.
  4. Die strafrechtliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen bezüglich des Mädchens, welches sich 2010 wegen nichtverjährter Übergriffe gemeldet hatte, wurde zumindest fahrlässig behindert. Die zahlreichen vorhandenen Informationen zu Übergriffen 1989, 1993 und 1997 wurden nicht an die Berliner Staatsanwaltschaft weitergegeben und damit letztlich eine angemessene Bestrafung verhindert – auch wenn sich die Behörde in Berlin den Vorwurf gefallen lassen muss, bei ihren Ermittlungen nicht besonders engagiert gewesen zu sein.
  5. Guter Wille und gute Intentionen reichen nicht aus, um Kinder wirksam zu schützen. Nur wenn rückhaltlos aufgeklärt wird, wie jetzt geschehen, werden hoffentlich auch die geeigneten Konsequenzen gezogen. Es wird Zeit für eine Professionalisierung des Engagements für den Kinderschutz. Dazu gehört – wie von den Gutachtern empfohlen – die Zusammenarbeit mit externen Fachberatungsstellen und ExpertInnen.
  6. Besondere Verantwortung trifft den Jesuitenorden, der spätestens seit 1981 von den Vorwürfen gegen seinen Mitbruder wusste, auch danach immer wieder Kenntnis von der von Riedel ausgehenden Gefahr erhielt, und sich weder zu einer klaren Haltung gegenüber dem Täter durchringen konnte, noch die Kollegen im Bistum Hildesheim klar informiert hat. Es bleibt der Verdacht, dass man im Orden sehr froh war, den „schwierigen Mitbruder“ schadensmindernd losgeworden zu sein.
  7. Ein Satz bleibt besonders im Gedächtnis: „Es ist an keiner Stelle ein aktives Interesse der Verantwortlichen zu identifizieren, Taten aufzudecken, die über unmittelbar vorgebrachte Beschwerden hinausgehen.“ (s. S. 54) Das heißt umgekehrt: Ohne den langen Atem und die beharrliche Geduld von Betroffenen, hätte es bis heute keine Aufklärung und damit keinen Ansatz für eine Aufarbeitung gegeben.
  8. Eines ist klar: die Aufarbeitung ist keineswegs mit der Vorlage dieses wichtigen Gutachtens beendet. Der Fall Riedel muss kirchenrechtlich weiterhin bearbeitet werden, die zahlreichen Empfehlungen der Autoren müssen umgesetzt, Versäumnisse der Vergangenheit müssen wiedergutgemacht, den Opfern Angebote zur Hilfe, Unterstützung und Entschädigung gemacht werden.

 

Wir würdigen die Anstrengungen insbesondere vieler Laien in der Kirche für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen. Wir erwarten unsererseits auch keinen Dank, aber vielleicht kann irgendwann -auch von Seiten des Bistums- der Kampf der Betroffenen gewürdigt werden. Denn ohne die Aufdeckung der Versäumnisse der Vergangenheit gäbe es jene Erkenntnisse nicht, die nun hoffentlich für einen besseren Kinderschutz genutzt werden.

Acht Jahre nach dem „Missbrauchsskandal“: ECKIGER TISCH beim internationalen Treffen von Betroffenenvertretern in Chile

http://www.eckiger-tisch.de/wp-content/uploads/2017/10/2017-10-16_PM_Eckiger-Tisch.pdf

Anlässlich des Papstbesuchs in Chile und Peru haben sich in Santiago de Chile zahlreiche Vertreter von Initiativen Betroffener sexuellen Kindesmissbrauchs in der Kirche versammelt, um sich auszutauschen. Ziel dieser Zusammenkunft wird es sein, die katholische Kirche auf globaler Ebene zu einer Auseinandersetzung mit ihrer systemischen Verantwortung für die zahllosen Fälle von sexueller Gewalt durch Priester gegen Kinder und Jugendliche zu zwingen. Eine wichtige Rolle spielt die Frage, wie die bisherige informelle Zusammenarbeit der Gruppen aus aller Welt, die sich in den letzten Jahren bei einer Reihe von Zusammenkünften entwickelt hat, in Zukunft auf eine organisierte Basis

gestellt werden kann.

Es werden VertreterInnen u.a. aus Chile, Peru, Argentinien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Jamaika erwartet. Unterstützung erhalten die Betroffenen durch eine Reihe von Gästen, die den Kampf der Opfer / Überlebenden unterstützen.

Dazu gehören aus Ecuador die ehemalige Vize-Vorsitzende des UN-Kinderrechtskomitees Sara Oviedo und aus Mexiko Alberto Athie, der wesentlich an der Aufdeckung des Missbrauchsskandals um den Gründer der Legionäre Christi in seinem Heimatland mitgewirkt hat.

ECKIGER TISCH bringt zu diesen Beratungen drei Forderungen mit:

  • Die Benennung eines Unabhängigen Beauftragten, einer Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, die zusammen mit einem Team weltweit als Ansprechperson für Fragen, Probleme und Anliegen gerade auch von Betroffenen hat. Diese Person sollte unabhängig von der Hierarchie agieren können. Wichtig ist eine enge Zusammenarbeit mit Betroffenen.
  • Die Berufung eines Betroffenenbeirats, der alle Erdteile repräsentiert und den (oder die) Beauftragte unterstützt
  • Die Einrichtung einer von der Kirche unabhängig besetzten Untersuchungskommission, die die globale Verantwortung der Kirche für die zahllosen Fälle von Kindesmissbrauch in ihren Einrichtungen und Gemeinden untersucht und − wo nötig − auch einzelnen Fälle nachgeht und diese ggf. an ordentliche Gerichte übergibt und die kirchliche Gerichtsbarkeit informiert. Diese Kommission sollte lokale Berichte sammeln und Betroffenen, ermutigen, sich an sie zu wenden, die sich bisher noch nicht gemeldet haben, oder die das Gefühl haben, dass ihre Meldung bislang nicht bearbeitet wurde. Die Untersuchung sollte eine Laufzeit von zunächst fünf Jahren haben, jährlich soll in Zwischenberichten über den Fortgang berichtet werden. Als Vorbild können die Royal Commission in Australien dienen.

Sollte die Kirche nicht zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit ihrer dunklen Vergangenheit bereit sein, streben die Betroffeneninitiativen die Abhaltung eines globalen Tribunals an, um die Kirche zur Rechenschaft zu ziehen.

Aus Deutschland nimmt Matthias Katsch an den Beratungen in Santiago de Chile teil. Er ist Gründer und Vorsitzender der Initiative ECKIGER TISCH, Mitglied im Betroffenenrat beim UBSKM und ständiger Gast der deutschen Unabhängigen Aufarbeitungskommission

Die Situation in Deutschland

Vor acht Jahren haben wir vom Jesuitenorden und der katholischen Kirche in Deutschland Aufklärung, Hilfe und Entschädigung gefordert − und das tun wir noch immer. Manches hat sich in dieser Zeit verändert und verbessert. Bei anderen Themen stehen wir immer noch am Anfang.

Es ist leichter geworden, als Betroffener sexueller Gewalt in der Kindheit öffentlich zu sprechen. Die Expertise, die gerade Betroffene zur Verfügung stellen können, um den Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch als sozialem Massenphänomen zu gewinnen, wird immer öfter auch genutzt.

Es ist gelungen in Deutschland eine beispielhafte Triade aus Unabhängigem Beauftragten (UBSKM), Betroffenenrat und Unabhängiger Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zu etablieren, die das Thema stetig vortreibt und verhindert, dass die Gesellschaft − wie in der Vergangenheit geschehen − nach dem Skandal zur Tagesordnung übergeht. Ein Beirat aus engagierten ExpertInnen und WissenschaftlerInnen unterstützt die Arbeit des Beauftragten. Endlich gibt es auch eine Bundeskoordinierungsstelle für die spezialisierten Fachberatungsstellen.

Auch die katholische Kirche hat gerade hierzulande Anstrengungen unternommen, um wirksame Kinderschutzverfahren einzuführen und insbesondere ihre zahlreichen Mitarbeitenden zu schulen. Das ist gut und notwendig und manchmal auch vorbildhaft, wenn man etwa das lange Zögern im Bereich des organisierten Sports vergleicht, das Thema als ureigene Aufgabe anzunehmen.

Noch nie war so viel die Rede von Prävention. Doch bis heute gibt es in Deutschland keine ehrliche und offene Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Institution selbst. Es gibt vereinzelt gute Aufarbeitungsprojekte für einzelne Einrichtungen, wie das Kloster Ettal oder die Regensburger Domspatzen, Projekte, für die sich Betroffene stark gemacht haben und geduldig eingesetzt haben. Irgendwann Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres wird auch eine Studie vorliegen, die uns für die 27 deutschen Bistümer wenigstens ein Grundzahlengerüst vermitteln soll. Die 400 Ordensgemeinschaften, die zahlreiche Heime, Internate und Schulen sowie Jugendarbeit in Deutschland betreiben oder betrieben haben, wurden in der Studie leider nicht berücksichtigt.

Viele in der Kirche scheinen der Meinung zu sein, die Krise sei vorbei, die schlimmsten Nachrichten bereits verkündet, nun gehe es nur noch um das Alltagsgeschäft und um punktuelle Veränderungen wie mehr Schulungen.

Bis heute hat es keine grundsätzliche Diskussion über die strukturellen Ursachen des verbreiteten Phänomens des sexuellen Missbrauchs durch Priester gegeben (Studien in den USA und Australien weisen aus: 4 bis 7 Prozent aller Priester missbrauchen mindestens ein Kind, teilweise sind es aber durch die besonderen institutionellen Umstände dutzende Opfer, die ein einzelner Täter hinterlässt). Die sollte eine Anfrage an das Selbstverständnis einer Organisation deren Gründerfigur die Sätze zugeschrieben werden: Lasset die Kinder zu mir!

Bis heute gibt es keine Untersuchung auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene über Missbrauchsfälle und den Umgang damit. Es gibt bis heute keine Aktenfreigabe der zahllosen Berichte über sexuellen Kindesmissbrauch die über die Jahrzehnte in der Zentrale der Kirche in Rom eingetroffen sind. Nicht einmal Akteneinsicht ist möglich.

Immer noch herrscht die Auffassung vor, dass sexuellen Missbrauch durch Priester ein Einzelfallphänomen, das Problem einiger weniger, schlecht ausgewählter oder schlecht ausgebildeter schwarze Schafe, die man nur entfernen muss. Das strukturelle Versagen, die Verantwortung der Gesamtorganisation, insbesondere an der Spitze wird nicht gesehen, ja ausdrücklich geleugnet.

Das muss sich ändern. Der Umgang der Kirche mit ihrem Versagen im Umgang mit den Taten von Geistlichen gehört ins Zentrum der Agenda.

Dazu wäre endlich ein Austausch mit Betroffenen notwendig, gerade auch mit denen, die sich organisiert haben, um ihre Forderungen zu vertreten. Dies würde den Bemühungen um einen besseren Schutz der Kinder heute mehr Glaubwürdigkeit und auch mehr Wirksamkeit verschaffen.

 

Matthias Katsch / ECKIGER TISCH e.V.

z.Zt. Santiago de Chile

  1. Januar 2018

 

Zeugenmeldung für Kirchengerichtsverfahren auch nach Fristablauf möglich!

Nach dem Ablauf der Frist für die Meldung als Zeuge im Kirchenrechtsverfahren gegen Peter Riedel warten wir nun auf die Eröffnung des Verfahrens.
Natürlich sind auch weiterhin jederzeit Zeugenmeldungen möglich!

Hier der Link zur Seite des Berliner Kirchengerichts (Konsistorium): http://www.erzbistumberlin.de/wir-sind/konsistorium/

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Der Text der dort veröffentlichten Erklärung:

Zeugenaussagen gesucht bis 31. Juli 2017

Der Priester und ehemalige Jesuitenpater Peter R. wurde von zahlreichen Personen, deren Namen dem Kirchengericht nicht bekannt sind, beschuldigt, sie als Minderjährige in den Jahren von 1970-1988 sexuell missbraucht zu haben.

Das Konsistorium, das kirchliche Gericht im Erzbistum Berlin hat im Namen und im Auftrag der Glaubenskongregation ein Verfahren gegen den Beschuldigten eingeleitet.

Zur Erstellung einer Klageschrift benötigt der kirchliche Anwalt, dem weltlichen Recht vergleichbar, belastbare und zuordbare Aussagen von Zeugen und Betroffenen.

Da es bislang nicht gelungen ist, die vorliegenden anonymisierten Zeugenaussagen konkreten Personen zuzuordnen, sucht das Kirchengericht nach Zeugen, die bereit und in der Lage sind, eine konkrete Aussagen zu machen, bzw. sich eine vorliegende Aussage zuordnen lassen.

Um mit dem Verfahren beginnen zu können, erneuert das Konsistorium seinen Aufruf und bittet mögliche Zeugen sich bis zum 31. Juli 2017 zu melden beim

Konsistorium des Erzbistums Berlin
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
Tel.: (030) 30 67 38-0
Fax: (030) 30 67 38-19
E-Mail: Konsistorium@erzbistumberlin.de

Absolute Vertraulichkeit ist selbstverständlich zugesichert. Das Konsistorium wird auch über den Verlauf des Verfahrens, die handelnden Personen, etc. umfassend Auskunft geben.

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Gloria, Regensburg und die Domspatzen.

Von Matthias Katsch,
Sprecher ECKIGER TISCH, Betroffener Canisius-Kolleg, Mitglied im Betroffenenrat (Fachgremium beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung) und Ständiger Gast in der Aufarbeitungskommission,  zu den Äußerungen von Frau Gloria Fürstin von Thurn und Taxis. 21.07.2017,

http://www.br.de/nachrichten/oberpfalz/inhalt/gloria-von-thurn-und-taxis-missbrauch-regensburg-domspatzen-100.html

 

In dem Oskar gekrönten Spielfilm Spotlight von 2015 wird eine alte Volksweisheit abgewandelt: “if it takes a village to raise a child, it takes a village to abuse one” – “Wenn es ein Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, dann braucht es auch das Dorf um eines zu missbrauchen.“

Dieser Satz, im Film gemünzt auf Boston, trifft auch auf Regensburg zu.

Die Witwe eines der reichsten Männer Deutschlands und einflussreichste Frau Regensburgs hat das gerade wieder unter Beweis gestellt: Nicht wahrhaben wollen, relativieren, verleugnen, die Opfer zu Tätern machen. So wird man als Gemeinschaft mitschuldig am Leiden von Kindern.

Die 57Jährige betont, in ihrer Jugend seien Schläge ein ganz normales pädagogisches Mittel gewesen, um „mit frechen Kindern, wie ich eines war, fertig zu werden.“ Gloria betonte auch, sie fände es unfair, heutige Maßstäbe auf frühere Dekaden anzuwenden. „Das geht nicht. Die Welt hat sich verändert.“

Das ist falsch. Die Zeiten mögen sich geändert haben. Aber auch schon vor vierzig Jahren war schwere Körperverletzung, Folter, Erniedrigung und sexuelle Gewalt gegen Kinder strafbar. Und es geht auch nicht darum, dass man mit besonders frechen Kinder „fertigwerden“ musste. Hier wird die Schuld an der Gewalttat dem Opfer zugeschoben, so wie man dem vergewaltigten Kind sagen würde, „ja hättest halt nicht so unschuldig geschaut“.

Im Abschlussbericht, der jetzt vorgelegt wurde, geht es nicht um gelegentliche Kopfnüsse oder Ohrfeigen, die noch bis 1980 in Bayern in der Kindererziehung erlaubt waren, sondern um systematische Gewalt gegen Kinder vergleichbar einem Straflager. Die Gewalt bei den Regensburger Domspatzen hatte System. Darum geht es.

Und gegen brutale Vergewaltigungen von Grundschülern helfen auch keine Ermahnungen der Eltern, vor alle wenn man im Internat lebt. Hier waren die Kinder den Tätern Tag und Nacht ausgeliefert, ohne Hoffnung auf Entkommen. Wie kann man über dieses Elend derart gefühllos hinweggehen?

Mit ihren Bemerkungen, mit denen sie wohl ihre Solidarität mit dem Ex-Bischof und Ex-Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Gerhard Ludwig Müller unter Beweis stellen wollte, – auch einer der nicht wahrhaben wollte – hat die Vorzeige-Katholikin sich als empathie- und verständnislos entlarvt.

Der Jesuitenpater Hans Zollner, der selbst aus Regensburg stammt und heute in Rom an der Päpstlichen Universität ein Kinderschutzprojekt für die Weltkirche betreibt, äußerte sich in diesen Tagen nach der Veröffentlichung des Berichts über die Täter. Dies seien Menschen gewesen, „die vor lauter Ehrgeiz, den Chor zu einer Weltinstitution im musikalischen Bereich zu machen, jedes Mittel eingesetzt haben; die eine sadistische Ader hatten“.

Zum Versagen des Umfelds in Regensburg gehört nach seinen Worten: „dass man über Jahre und Jahrzehnte nicht hingeschaut hat.“ Und weiter: „Ich erinnere mich selber, dass in meiner Kindheit zwei meiner Schulkameraden zu den Domspatzen – nicht in die Vorschulen, aber aufs Domgymnasium gegangen waren. Sie erzählten auch mir, dass sie geschlagen worden waren. Diese Dinge wussten wir. Aber heute ist unvorstellbar, dass damals niemand etwas getan hat, um das zu unterbinden. Dass nichts getan wurde, auch nicht von den Eltern, von denen einige davon hätten wissen können, und von der Direktion oder der Kirchenleitung.“

Viele müssen damals etwas mitbekommen haben. Vielen hätten es wissen können.

Wie sieht es heute mit den anderen Honoratioren und Vertretern von Stadt und Gesellschaft in Regensburg aus, die sich im Glanz des weltberühmten Chores gesonnt haben? Wo sind die Solidaritätsadressen für das Leid der Kinder in der Renommiereinrichtung der Stadt, wo sind die Entschuldigungen fürs Nicht-Wahrhaben wollen und Weggucken über viele Jahrzehnte?

Werden wenigstens jetzt die ehemaligen Opfer angemessen gewürdigt, die unter hohem Einsatz und gegen heftigste Widerstände seit mehr als sieben Jahren um die Aufklärung der systematischen Verbrechen an dieser Regensburger Institution gekämpft haben? Wird Ihnen der Verdienstmedaille der Stadt oder des Landes angeboten? Werden sie von den heutigen Eltern dafür gefeiert, dass sie mit ihrem unermüdlichen Einsatz die Kinder in den Einrichtungen in einem der berühmtesten Knabenchöre der Welt sicherer gemacht haben?

Und noch ein Satz zu dem hohen Kunstgenuss, der all das wert war: All die Tränen, das Blut, die Verzweiflung von Kindern über Generationen: Mir wird übel, wenn ich die „engelsgleichen“ Knabenstimmen höre. Denn ich muss zugleich daran denken, wie die Katholische Kirche bis Mitte des 19. Jahrhunderts um der Kunst willen – und um weiterhin Frauen ausschließen zu können – Knaben mit besonders schöner Stimme kastrieren ließ, um den hellen Klang auch nach der Pubertät zu bewahren. Vielleicht ist es an der Zeit, dass man sich auch in Regensburg von der Zeit der reinen Knabenanstalt verabschiedet.

Die Stadt und ihre Bürger, die Katholiken in Regensburg und darüber hinaus schulden den Opfern und ihren Vertretern nicht nur Hilfe und Genugtuung, sondern Dank und Anerkennung. Relativierende Schmähreden von adligen Damen haben sie nicht verdient